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Abstand kann auch komisch sein – das Heiglhoftheater in Coronazeiten

Fiona Rachel Fischer

Sketche und Szenen in Minimalbesetzung, Masken, Stuhlmarkierungen und ein Lacher nach dem anderen, mit 1,5 Meter Distanz natürlich – das ist „Mit Abstand … komisch“.

Angenehme Musik und das Rauschen von Gesprächen erfüllen den Saal. Viele Menschen sind es nicht, von denen diese kommen, doch die Verteilung der Tische und Stühle lassen den Raum auf eine gemütliche Weise gefüllt genug wirken.

„Mit Abstand… komisch“ – Corona-sichere Sketche für jeden ©Heiglhoftheater

Als jeder seinen Platz gefunden hat und die Gesichtsmaske losgeworden ist, steigt das Heiglhoftheater aus der Mitte des Publikums heraus mit seinen Sketchen von Polt, Kishon und Niaravani ein. Manchmal muss man laut herauslachen, manchmal schmunzeln. Oft genug trifft der Witz ins Herz, oft genug in den Kopf.

Mit Abstand die reinste Schauspielkunst

Die SchauspielerInnen entführen das Publikum in eine Vielzahl von Alltagsszenen und konfrontieren es dort mit allen möglichen Themen wie Eifersucht, Vorurteilen über Herkunft und Hierarchiegefühl und dem Aufeinandertreffen von Alt und Jung. Diese verschiedenen Fenster in das Leben ihrer Charaktere öffnen sie mit einer minimalistischen Verwendung von Requisiten, Licht- oder Musikeffekten – und zwei verschiedene Tischen sowie eine skurrile klappbare OP-Liege sind alles, was sie brauchen, um den Raum auf der Bühne zu verändern. Was übrig bleibt, ist reinstes, ehrliches Schauspiel.

Christine Kuchler in „Trau nicht, schau nichts, wem…“ von E. Kishon ©Dennis Piontek

Was am Samstag in der Wagenhalle der Pasinger Fabrik zu sehen war, ist das Ergebnis einer jahrelangen Tradition: 1995 wurde das Laientheater von vierzehn Bewohnern des Studierendenheims in der Heiglhofstraße in Großhadern gegründet und hat seitdem über vierzig Stücke auf die Bühne gebracht. Der Begehung des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums und dem dafür ausgewählten Stück hat jedoch die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Siebzehn Schauspieler*innen waren dafür bereits beinahe an der Ziellinie ihrer Proben für „Hanna und ihre Schwestern“ von Woody Allen angekommen, als kurz vor der Premiere die Beschränkungen eine Vollendung des großen Projektes verhinderten.

In diesem Video verabschieden sich die Schauspieler von ihrem Stück. Jetzt ist es Zeit für neue Konzepte.

Proben, Premiere und Pandemie

Allen war klar, dass ihr Leben und damit das Heiglhoftheater auch unter diesen Umständen weiter gehen muss, sagt der Regisseur Christian Mathes von „Mit Abstand … komisch“. Er ist seit zwei Jahren Mitglied der Theatergruppe und hat mit den Corona-sicheren Sketchen sein Regiedebüt. Schließlich war dieses Konzept seine Idee: Die modulhafte Zusammensetzung von verschiedenen kleinen Szenen macht das Stück flexibel genug und verringert außerdem die Anzahl der benötigten Schauspieler*innen, um den Beschränkungen und ihren Veränderungen Stand zu halten.

v.l. Ineke Zimmermann und ‚Zimmi‘ in „Die Perle“ von E. Kishon ©Dennis Piontek

Die Sorge der Schauspieler*innen vor einem zweiten ‚Lockdown‘ im Herbst war groß, ebenso wie die Angst vor dem immensen Frust, ganz von vorne angefangen zu haben und erneut nicht auftreten zu können. Die Freude, nun doch auftreten und ihrer Leidenschaft zum Spielen frönen zu können, kann nichts trügen. Auch wenn aufgrund der Abstandsregelungen nur circa fünfzig Zuschauer*innen in dem großen Saal der Pasinger Fabrik Platz finden, wirkt sich das nur kaum auf das Gefühl beim Spielen aus, sondern ist vergleichbar mit einer nicht ganz vollen Vorstellung. Doch das Wissen, dass die beiden Premieren am Samstag den 10. Oktober beinahe ausverkauft waren, hebt auch dieses Empfinden noch einmal.

Lachen als Pandemie-Heilmittel

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, ist das Fazit auf den Flyern für die Aufführung, und genau darum geht es auch: trotzdem Spaß am Spielen und Theaterbesuch, trotz Corona und auch über Corona lachen. Immer wieder, vor allem in den verbindenden, improvisatorischen Sequenzen zwischen den größeren Sketchen gibt es humoristische Verweise auf die Pandemie, sodass man sogar über dieses schwere Thema schmunzeln kann. Trotz dieser Referenzen und der Hygienemaßnahmen überschattet Covid-19 nicht die Inszenierung, sondern sie erlaubt den ZuschauerInnen, in die weitestgehend Corona-freie Theaterwelt auf der Bühne einzutauchen.

Markus Flüggen spielt Sketche von Polt ©Dennis Piontek

Besonders wichtig ist für den Regisseur Christian Mathes gewesen, das Publikum mit Humor zu unterhalten und nicht mit Klamauk zu ködern. Dafür hat er mit seinem Team die Sketche teilweise umgearbeitet, mit Dialekten und Hochdeutsch gespielt und sogar eine eigene humoristische Szene verfasst.

Neue Zeiten, neue Herausforderungen

Der humoristische Anspruch ruht neben der Auswahl und Überarbeitung der Sketche auch auf den Schultern der SchauspielerInnen, die durch die Wesensart des Stückes noch auf eine ganz andere Weise herausgefordert werden: Sie schlüpfen ohne große Pause in die unterschiedlichsten Rollen, wie dem ahnungslos-naivem Ehemann, dem Dialekt sprechenden, philosophierendem Straßenkehrer und dem panischen, vorlauten Anästhesiepatienten. Doch genau in dieser Vielfalt liegt ein großer Teil des Reizes: „Schauspielern heißt ja genau, in sowas zu glänzen“, schlussfolgert Christian Mathes.

So vielfältig wie die Rollen, ist auch die gesamte Theatergruppe mit all den Menschen hinter und vor der Bühne, die aktiv an den Inszenierungen mitwirken, oder nur die mitarbeitenden Mitglieder durch einen gefüllten Kühlschrank bei den Aufführungen unterstützen.

Schauspieler mit Abstand

Fest zum Inventar des Heiglhoftheaters gehört zum Beispiel ‚Zimmi‘, der schon seit 1998 Teil des Theaters und somit das am längsten aktive Mitglied ist. Seinen ersten Kontakt mit dem Schauspielen hatte er als Kind, als er eine Rolle als Engel in „Ein Münchner im Himmel“ übernahm. Seit diesem Zeitpunkt ist es ein Teil von ihm, das Spielen liegt ihm im Blut. In den späten Neunzigern ist er schließlich durch ein Rollenangebot zum Heiglhoftheater gewechselt.

Maxi Brandts und Ineke Zimmermann in „Die Perle“ von E. Kishon ©Dennis Piontek

Auch Ineke Zimmermann wurde von einem Mitglied der Gruppe angeworben und hat so bei dem Laientheater ihre ersten Schauspielerfahrungen gemacht. Besonders gefällt ihr, wie die verschiedenen Beteiligten ihre eigenen Fähigkeiten einbringen können und so das gemeinsame Projekt immer weiter wachsen lassen. Man könne sich nicht bei den MitschauspielerInnen blamieren, wenn man versucht, seine Rolle zu interpretieren. „Neues Auszuprobieren gehört dazu“, wirft Maxi Brandts an dieser Stelle ein.

Mit Abstand komisch

Mit dieser Mentalität ist die Theatergruppe diesen Zeiten gewachsen und kann nun so weiter ihre Leidenschaft zum Theater praktizieren und uns ebenso die Freude machen, trotz der Pandemie ein wenig Theaterluft zu schnuppern: Neues Ausprobieren und neue Wege zu gehen ist für Theaterkünstler wie für das Publikum in Corona-Zeiten unumgänglich. Dass diese ins Theater führen, und dass man trotz allem lachen kann, zeigt das Heiglhoftheater mit spielerischer Hand.

Hier der Trailer zur aktuellen Inszenierung

Das zweite Aufführungswochenende findet vom 20. – 22. November im Einstein jeweils um 18:00 und 20:00 Uhr statt. Tickets findet ihr hier.

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