Linus (links) und Markus auf der Schwanthaler Straße
Aktuell, Nachhaltigkeit

Die Rückeroberung der Straße

Thomas Stöppler

In der Mitte des mobilen Stammtischs wird ein Baum stehen. „Die Straße soll grün sein, weil die Stadt der Zukunft grün sein wird“, sagt Linus und Markus nickt zustimmend. Die beiden Architekturstudenten haben mit Kommiliton*innen das Referat für Stadtverbesserung gegründet. Weil man mit so einem Titel nicht klein anfangen kann, starten sie mit einer wichtigen Verkehrsachse: „100 Meter Zukunft“ heißt ihre Aktion, bei der am 23. August die Schwanthalerstraße vor dem Eine Welt Haus für Autos gesperrt wird.

Wie alle Flächen in München ist auch öffentlicher Raum ein rares Gut. Grünanlagen und Plätze machen aber nur einen kleinen Teil aus: „Straßen sind auch öffentlicher Raum, die Verteilung ist das Problem“, erklärt Linus. Denn die Straßen gehören vor allem den Autos: „Als kleiner Junge stand ich mal auf einer gesperrten, leeren Straße und dachte: Alter ist da viel da viel Platz“, erzählt Markus. Jetzt arbeiten die beiden mit ihren Kolleg*innen daran, das für alle sichtbar zu machen.

Das Wohnzimmer des armen Mannes

Entstanden ist die Idee aus einem Projekt an der Uni: Wie könnte eine autofreie Stadt aussehen? Für die sechs Studierenden war die Schwanthaler Straße ein Paradebeispiel: Sie führt vom Westend ins südliche Bahnhofsviertel bis zur Sonnenstraße und deckt dabei verschiedenste Quartiere ab. Im Westend, das zwar noch immer nicht durchgentrifiziert, gibt es „die typische münchnerische Durchmischung und im südlichen Bahnhofsviertel einen sehr hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund“.

Und im südlichen Bahnhofsviertel sieht man auch schon, was die beiden meinen, wenn sie sagen, dass sie die Straße zurückerobern wollen. „Stuhl raus, hinsetzen, Zigarette rauchen, quatschen“, sagt Linus. In der Landwehrstraße – also nur wenige Meter entfernt von der Schwanthaler – machen die Menschen genau das. Auf der Straße wird das Private ins Öffentliche getragen, denn die Straße war schon immer – wie der weise Bunny Colvin sagte, das Wohnzimmer des armen Mannes.

Nun gibt es in der Landwehrstraße wahrlich genug Autoverkehr, aber im Vergleich mit der Schwanthaler lächerlich wenig. Den ganzen Tag rauschen die Autos auf mindestens drei Spuren die 1,1 km von der Martin-Greiff-Straße zur Sonnenstraße mit Tempo 50 vorbei – nur zu Rushhour also von 9 Uhr bis 19 Uhr da stehen die Autos eher. Beton und Autos, sonst eigentlich nichts. Richtung Sonnenstraße gibt es mehr Geschäfte und Gastronomie – nicht zu vergessen das Deutsche Theater – aber schön wird es trotzdem nicht. Den Autos gehört die Straße.

Selbst sind die Anwohner*innen

„Die primäre Funktion einer Straße ist, dass man von A nach B kommt, und das wird sich auch nicht ändern“, stellt Linus klar. Aber die Straße ist auch öffentlicher Raum – eben nicht nur für Autos. Eine Straße, wie sie dem Referat vorschwebt, ist eben auch Lebensraum. Dabei sollen die vorhandenen Strukturen nicht verändert werden: Keine Häuser werden abgerissen und der Platz direkt an den Häusern, den die beiden „Erdgeschosszone“ nennen, soll von den Bewohner*innen und Betreiber*innen der Immobilien im Erdgeschoss gestaltet werden: Vorgärten, Verkaufsflächen, Sitzplätze für Cafés. Somit würden Viertel ihren individuellen Charakter stärker als bisher zeigen. Denn im Westend sähe das sicherlich anders aus, als im südlichen Bahnhofsviertel.

Diese Nutzung durch Anwohner*innen wird es am 23. August noch nicht geben. Dafür aber Yogakurse, ein Straßenpicknick, zwei Konzerte und jede Menge Bäume. „Wir wollen die Menschen dazu anregen, mal Straßen neu zu denken“, erklärt Linus. Daher auch der mobile Stammtisch, an dem diskutiert werden kann. Weil das Projekt „Take Schwani back“ ebenso angelegt ist, dass da nicht vorgeplant wird, wo eine Parkbank steht und wo ein Café hinkommt. Das Viertel soll seine Straße selber gestalten und da haben die Anwohner*innen wohl ein Wörtchen mitzureden.

Normalität neudenken

Dass ihr Projekt nicht nur gut ankommt, ist dem Referat bewusst. Eine negative Reaktion gab es bereits. Aber die E-Mail war freundlich und konstruktiv, erzählen Linus und Markus und der Mann äußerte „legitime Kritik“. Damit die Anwohner*innen übrigens nicht zu genervt sind, weil sie ihre Autos umparken müssen, haben sie Tickets für Parkhäuser verteilt. Die haben nichts gekostet, denn die Parkhäuser stehen alle leer.

Die Mitglieder des Referats auf der Schwanthaler Straße: Linus Schulte, Markus Westerholt, Magdalena Schmidkunz, Maximilian Steverding, Michelle Hagenauer und Annika Hetzel.

Die Idee, eine wichtige Verkehrsachse autofrei zu machen, ist radikal. Das ist Linus und Markus genauso bewusst wie der Fakt, dass das nicht von heute auf morgen passieren kann. Es braucht einen besseren öffentlichen Nahverkehr und ein ganz neues Bewusstsein für den öffentlichen Raum Straße. Am 23. August wollen sie im Dialog dazu anregen, die Normalität in Frage zu stellen.


In aller Kürze:

Was? 100 Meter Straße werden gesperrt um sich auszutauschen, Yoga zu machen oder Konzerten zu lauschen

Wo? Schwanthaler Straße 80

Wann? 23. August 2020


Titelbild: Mucbook Redaktion
Foto: Referat für Stadtverbesserung

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