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Klingt komisch, aber die Stadt München macht gerade vieles richtig. Auch wenn Hubert Aiwanger das nicht versteht

Thomas Stöppler

Warst Du mal in Palermo? Oder in Barcelona? Oder in Paris? Sonst irgendeine Großstadt in Westeuropa? Bist Du mit dem Auto hingefahren? Wenn nein hast Du es vermisst? Und wenn ja, hast Du es bereut? Doofe Frage, aber der bayerische Wirtschaftsminister, seines Zeichens Kleinstädter und rhetorischer Nachfolger Edmund Stoibers, glaubt „München schießt sich gerade ins Knie“ mit der ganzen Verkehrswende: „Aber die Stadt macht auch aus, dass Tourismus stattfindet.“ Und der, so der Vorsitzende der Freien Wähler im Interview mit der AZ, brauche halt das Auto.

Wer macht denn einen Städtetrip mit dem Auto? Warum denn auch? Was soll ich denn in einer Großstadt mit der Karre? Das ist Stress und Zeitverschwendung. Kommen wir mal zurück nach Palermo: Da habe ich mir damals ein Auto gemietet, um den Rest von Sizilien sehen zu können und stand dann erstmal eine Stunde lang im Stau. Das passiert in München ja auch gerne. Wer mal morgens um 8.00 vom Westend nach Haidhausen fährt, wird merken, dass man in der gleichen Zeit wohl auch hätte zu Fuß gehen können.

194 Einkaufszentren

2018 gab es in München über 700.000 Pkws verteilt auf gut 800.000 Haushalte. Zum Vergleich: in Berlin kommen 1,2 Millionen PKWs auf 2 Millionen Haushalten. Das alles in einer Stadt, die einen auszubauenden, aber insgesamt gut funktionierenden öffentlichen Nahverkehr hat (wer jetzt meckern will: In Berlin dauern alltägliche Fahrten einfach auf Grund der Strecke gerne mal über eine Stunde).

Natürlich hat Aiwanger recht, wenn er „Autofeinde“ darauf hinweist, dass Autos „in Zukunft autonomer fahren, besser vernetzt sein und kaum mehr Abgase verursachen“ werden. Aber zum einen ist das wohl noch ein paar Jahrzehnte hin und zum anderen sind Abgase ausnahmsweise nicht das Problem. Das Problem ist, dass 700.000 Pkws etwa eine Fläche von 6,3 Millionen Quadratmetern verbrauchen. Das macht ganz viele Fußballfelder oder die gesamte Maxvorstadt plus die gesamte Schwanthalerhöhe zusammen. Oder für den shoppingbegeisterten Wirtschaftsminister: 194 Einkaufszentren – inklusive Parkplätzen.

Als Tourist möchte ich keine Zeit auf der Autobahn verbringen. Niemand setzt sich auf eine Piazza und trinkt Aperol Spritz, um dort von tausenden Autos umfahren zu werden. Niemand geht in eine Einkaufspassage, um da von Autos angehupt zu werden. Und die Stadt München tut genau das richtige: Weniger Parkplätze, mehr Platz für Gastronomie und Radfahrer, mehr Platz zum Innehalten. Es geht um Raum für öffentliches Leben, denn das macht eine Innenstadt lebenswert. Nicht die Tatsache, dass ich einen Parkplatz direkt vorm Laden finde. Dem Einzelhandel tuen die freien Flächen auch gut, denn einfach shoppen kann man auch im Internet. Aber dem geschäftigen Treiben mit einem Radler und einer Leberkässemmel zuschauen eher nicht.


Beitragsbild: © Nage und Sauge

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