Haltestelle Dietlindenstraße
Aktuell, Kolumnen, Leben, Meine Halte

Meine Halte: Dietlindenstraße – wo die wilden Hipster-Omis wohnen

Sarah Kampitsch

So unscheinbar, so zart, so Mauerblümchen: die Dietlindenstraße versteckt sich hinter ihrem großen U6-Nachbarn Münchner Freiheit und tut ganz verschämt so, als würde es sie gar nicht geben. Dabei hat die stille Dame so einiges zu bieten: Direktlage am Ungererbad, zehn Gehminuten zum Englischen Garten, drei Tankstellen in je einer Armlänge Abstand und direkte Angrenzung zum Isarring. Ziemlich super, wie ich finde.

Wenn man rund um meine Halte wohnt, fühlt man sich wie eine reiche, alt eingesessene Minga-Omi. In meinem Fall nur eben jung und ohne Geld. Und ohne eine große Wohnung, denn in die würde ich Minga-Omis schon reindenken. Von meinem Fenster aus sehe ich auf die Ungererstraße, hören tue ich sie nicht. Obwohl gleich nebenan auch noch die Leo(poldstraße) verläuft, fühlt man sich wie in der Vorstadt-Pampa. Ruuuuheeee soweit die Lauscher reichen. Wer auf Besuch kommt, ist schon beim Aussteigen aus der U-Bahn verzaubert: Willkommen im Erholungsgebiet Langeweile.

Von der Dietlindenstraße ins Grüne

Der Englische Garten: Ein Jogger-, Picknick- wie Pärchentraum des Levels Regenbogen. Mit der Dietlinde, wie ich die Gute liebevoll nenne (und die Dietlindenstraße vermutlich auch von ganz vielen anderen genannt wird), hat man sich schon das beste Plätzchen Grün zum Flanieren garantiert: Fernab von der Festival-Stimmung im Uni-Teil des Englischen Gartens und der Biergarten-Manier des Seehauses kann man sich beim Laufen in den Morgenstunden in der spiegelglatten Wasseroberfläche des Kleinhesseloher Sees betrachten, inmitten von Graugans-Mist die Yogamatte ausbreiten und wunderbar entspannt den ganzen Tag lang Hunde und Kleinkinder auf der Gänsejagd beobachten.

Zugegeben: Als eine, die in Schwabing wohnt, ist man schon ein bisschen stolz, dass man in Schwabing wohnt. Dass man das sonst niemandem sagen darf, speziell nicht wenn man eigentlich auch nichts weiter als eine brotlose Studentin nicht-reicher Eltern ist und noch dazu Migrantin (sofern diese Titelierung von Österreichern benutzt werden darf), weiß ich mittlerweile. Aber die Leute fragen ja trotzdem und dann kann man schlecht sagen, man hause am Campingplatz Thalkirchen, wenn man dann gleichzeitig immer zu Fuß nach Hause geht. Was übrigens auch ein Punkt ist, mit dem man sich in München unbeliebt machen kann: Zu Fuß nach Hause gehen können. Das ist zu viel Luxus für München. 

“Aha. Schwabing,” und dann, nach verwundertem Augenbrauen-Hochziehen noch im selben Atemzug, “Und wie viel zahlst du da?” Als wüsste man schon, dass Schwabing zu gut für mich ist.

Hipster-Omas über Schickeria

Das Schwabing rund um meine Halte ist freundlich und gutmütig; es schließt niemanden aus. Es nimmt dich aber schon etwas lieber auf, wenn du BMW-fahrende Mutter von 2 reizenden Blondinchen bist, reinrassige Hunde Gassi führst oder mit 70+ noch weiße Nike zu tailliertem schwarzen Trenchcoat trägst. Ein bisschen reinfühlen kann man sich ja immer. Notfalls gibt es noch das ein oder andere wohl für Parties bekannte aber nie hör- oder fühlbare Studentenheim, das deinen Status als Abgefuckte unterstützt und bekräftigt: Student sein darf man hier auch. Die Haare sollte man aber in jedem Fall gut föhnen.

2 Comments
  • Manfred Neidl
    Posted at 21:14h, 03 September

    Hallo liebste Sarah, Du hast wirklich eine perfekte Ausdrucksweise und alles was Du so schreibst gefällt mir sehr, nur „Minga“ sagt kein waschechter Münchner. „Minga“ zu München sagen nur Leute von Außerhalb der Stadtgrenze.
    Liebe Grüße sendet Dir ein Münchner im Outback,

  • Brenn
    Posted at 22:58h, 02 Februar

    Zu Besuch nich auf Besuch…

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons