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Elektrisierend: Nebenan – The Vibrator Play.

Ina Hermina
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Obszönes im altehrwürdigen Rokokokitschrahmen auf der Bühne des Cuvilliéstheaters? Das klingt verlockend, Kontraste sind schließlich großartig, sofern man sie produktiv nutzt. Dass sie aber auch fest- und plattgefahren sein können, hat sich dann leider im Verlauf der Aufführung herausgestellt.

Sarah Ruhls Stück Nebenan – The Vibrator play (Premiere: 26.2. Regie: Barbara Weber) macht Hysterie bühnentauglich. Das Frauenleiden hatte Hochkonjunktur im ausgehenden 19. Jahrhundert und ist hier zusammen mit den tradierten Geschlechterrollenbildern in die Form einer lockeren Komödie gegossen. Da sind die kränklich-blassen Gattinnen des wohlhabenden Bürgertums, die sich langweilen, denen diese seltsame Krankheit des Schoßes diagnostiziert wird (Hysterie von Griechisch hystera – Uterus), unverstanden von ihren mehr oder weniger besorgten Männern, die als Vertreter des Geistes und der Wissenschaftlichkeit diesen Defekt zu beheben wünschen – leiden sie doch schier unerträglich mit ihren Liebsten. Natürlich darf auch der extrovertierte Künstlertyp (ganz lässig: Miguel Abrantes Ostrowski) nicht fehlen, der als Hysteriker die Rollenverteilung unterläuft – wo soll die Krankheit auch herkommen, so ohne Uterus? Und dann ist da noch das Dienstmädchen, schwarz, geringverdienend und SO natürlich, dass sie noch zu echtem sexuellen Empfinden in der Lage ist (sittsam und gottgläubig innerhalb der Ehe, selbstredend).

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Nebenan – The Vibrator Play ist ein Spiel zwischen Männern und Frauen, zwischen drinnen und draußen, Natürlichkeit und Kultiviertheit, Gesundheit und Krankheit… ein Musterstück der Abbildung binäer Oppositionen. Leider folgt dieser Erkenntnis keine Dekonstruktion der Gegenteiligkeiten, so dass man nach dem Abend zwar ganz vergnügt das Theater verlässt, aber nicht wirklich neue Perspektiven auf die Menschen und ihre Beziehungen zueinander gewonnen hat. Die Gegensätze beginnen schon in der Raumgestaltung (Bühnenbild: Janina Audick): ein Jahrhundertwendeinterieur mit großer Fensterfront zum dahinterliegenden Park, wobei der Innenraum selbst nochmals unterteilt ist und dies auch in der Farbgebung dunkel-hell aufgegriffen wird. Das Wohnzimmer mit dunklem Wandbehang und Klavier, weißer Rundbank aus Leder und Teetischchen und der Arbeitsbereich des praktizierenden Arztes mit heller Fließung, Pritsche, Waschbecken und allerlei medizinischen Gerätschaften. Es ist das Laboratorium, der „Raum nebenan“, durch eine Tür vom Wohnzimmer abgetrennt und von der Gattin des Arztes tunlichst nicht zu betreten. Kein Wunder, dass der Herr Doktor Arbeit und Zuhause kaum mehr trennen kann und wenig Zeit und Zuwendung für seine Geliebte übrig hat.

Der korrekte und hochgradig professionelle Mr. Givings (so typisch Mann: Norman Hacker) behandelt hysterische Frauen – mittels des Wundergerätes Vibrator (der hier aussieht wie ein Fön mit rotierendem Bürstenaufsatz) und der erstaunlichen Kraft der Elektrizität. Die Krankheit, die sich in Blässe, Schlafstörungen, Lichtempfindlichkeit, Krämpfen, Kurzatmigkeit und Ohnmachtsanfällen äußert, wird auf ein Ungleichgewicht der Körpereigenen Säfte zurückgeführt. Mittels klitoraler Stimulation durch den Vibrator wird eine Kontraktion des Uterus herbeigeführt, die von überschüssigen Säften befreien und für Besserung sorgen soll. Das ganze natürlich streng unter der Wahrung der Intimsphäre! Soweit die historischen Tatsachen. Dass die Hysterie eine ursachenlose, psychische Erkrankung ist, deren Symptome von den Behandlungstischen auch wieder verschwanden, wie sie aufgetaucht waren, dass diese Beschwerden gesellschaftlich diagnostiziert und herbeigeredet wurden, darüber hinaus vom männlichen Blick in die Frauen hineinprojiziert wurden, stellt die Inszenierung kaum dar.

Die Geschlossenheit des Ortes wie die Kohärenz der Charaktere wird auch im Handlungsverlauf nicht gebrochen. Allerdings vermisst man in dem Stück, das Orgasmus an Orgasmus reiht, so etwas wie auf einen Höhepunkt zulaufende Spannungskurve. Auf vibratöse Behandlungen folgen Teekränzchen und umgekehrt, dazwischen dann eben mal der hysterische Künstler, das schreiende Baby, die natürliche Schwarze. Und hie und da musicalartig vorgetragene Songs der Protagonisten, die sich nur mäßig gut ins Gesamtbild einfügen, da es keinen Spannungslauf gibt, den diese verzögern könnten. Die Handlung verläuft ohne großartige Konflikte, Episoden reihen sich aneinander – der Bau scheint analog zum eingeschriebenen weiblichen Begehren: Frau kann ja auch immer und ewig, und erlebt nicht einen Höhepunkt, nein, sondern gleich mehrere, die in Wellen durch den Körper laufen, wie man(n) es so gerne beschreibt.
Einzig die Patientin Mrs. Daldry (verspielt-komisch: Carolin Conrad) scheint eine Wandlung zu vollziehen, nicht jedoch hervorgerufen durch Mr. Givings‘ elektronische Vibratorenbehandlung, sondern durch die manuelle Kur seiner Assistentin Annie (korrekt und adrett: Katharina Pichler) – die Frauen nähern sich an, schließen Freundschaft und entdecken im Laufe des Stücks Schritt für Schritt ihr Begehren für einander. Mrs. Daldrys Genesung bildet sich auch in ihrer Kleidung ab (Kostüm: Tabea Braun) – tritt sie das erste Mal noch im Jahrhundertwendekleid mit ausladendem Tournüenrock auf, trägt sie beim nächsten Mal schon einen fußfreien, eng anliegenden Rock und das letzte Mal sogar Hosen. Was jedoch kostümlich konstant bleibt, sind die gefährlich hohen High Heels, in denen sie über die Bühne stöckelt – bleibt sie darin doch das wehrlose Opferweibchen (schonmal versucht, in hohen Pumps die Flucht zu ergreifen?) und Fetischobjekt Nr. 1 des männlichen Begehrens.

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Mrs. Givings (eine überdrehte Hanna Scheibe, bei der man sich nicht so ganz sicher ist, ob die hysterischen Anwandlungen nun zum Stück gehören oder nicht…), die immerfrohe, aber ob mangelnder Beschäftigung und Zuwendung durch ihren werten Gatten gelangweilte Ehe- und Hausfrau, interessiert sich natürlich brennend dafür, was ihr Mann mit seinen Patient_Innen da im „Raum nebenan“ treibt, vernimmt sie doch immer wieder Stöhnen und Schreie und das nicht einmal nur dann, wenn sie am Schlüsselloch lauscht. Während sie ihn von Experimenten an ihr überzeugen will, verwehrt er dies, das zieme sich für einen Wissenschaftler nicht, außerdem sei sie doch gesund. Schlau und listig verschafft sie sich mit Mrs. Daldry in der Abwesenheit ihres Mannes Zutritt zur Praxis und testet das Gerät. Beiden bereitet das sichtlichen Spaß, ganz im Gegenteil zu den steril ablaufenden Therapiesitzungen ihres Mannes. Allerdings finden sie im Gespräch heraus, dass ihre Empfindungen ganz unterschiedlich sind, weswegen natürlich eine Dritte zu Rate gezogen werden muss. Amme und Dienstmädchen Elizabeth (Thelma Buabeng, die sich in diesen Turbulenzen durch nichts aus der Ruhe bringen lässt.) eröffnet schließlich, dass die Schilderungen der Damen ganz danach klingen, wie das, was sie beim Sex mit ihrem Mann empfindet – was die Ladys pikiert widersprechen lässt: Kommt der Mann ins Bett, dann sei er sehr zart, und sie schliefen meistens sowieso schon, aber es sei auf gar keinen Fall so, wie bei dieser Art der Behandlung.

Wenn das Gerät zumindest einen Effekt hat, dann den, dass die Frauen so ihre Sexualität entdecken – heimlich jedoch, ohne Wissen und Erlaubnis des Mannes. Doch statt die Mä¤nner für überflüssig zu erklären und mit dem wunderbaren Vibrator von Dannen zu ziehen, fällt die Handlung zum Ende hin zurück ins Ideal der romantisch-verklürten, natürlichen Liebe: Mr. und Mrs. Givings beschwören ihre Begehren wieder herauf und verschwinden in den Garten, zum Liebe machen. Der hysterische Künstler ist auch geheilt, wahrscheinlich von wahrer, aber unglücklicher Liebe zu seiner neuen Muse, der Amme Elisabeth – da er sie als verheiratete Frau jedoch nicht haben kann, zieht er weg nach Paris (mit dem leidigen Ersatz des analen Männervibrators). Elizabeth kündigt ihre Stellung als Amme auf, um mehr Zeit für Mann und Familie zu haben.
Eine sentimentale Hommage an die wahre Liebe in Zeiten von Cyborgs, Computersex und Hardcorepornografie.

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Wer einen kurzweiligen Abend mit nicht allzu schwerer Kost aus dem Menü der zeitgenössischen Dramatik verbringen will, kann einen Besuch durchaus wagen. Der Humor ist nicht zotig, aber auch nicht tiefgründig, man amüsiert sich gut, die Schauspieler scheinen zumindest Spaß an der Sache zu haben und Sinnesüberflutung, wie sie das postmoderne Theater ganz gerne praktiziert, bleibt aus. Immerhin trägt das Stück seinen Teil dazu bei, Geschlechtlichkeit und die sich daraus ergebenden Konflikte mit Humor sehen zu können.
Wer sich jedoch mehr für Geschlechtertheorie und Rollenzuschreibungen interessiert, wird aus dem Stück eher wenig mitnehmen. Dem sei eine Lektüre von beispielsweise Judith Butler oder Beatriz Preciados Kontrasexuellem Manifest ans Herz gelegt.

Nebenan – The Vibrator Play
Cuvilliés Theater
Nächste Vorstellungen:
1./8./19./28. März
11./21./23. April
jeweils 20 Uhr

Fotos: (c) Matthias Horn, Renate Neder

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