Aktuell, Stadt

Es gibt kein richtiges Leben im München – oder: wie weiter auf dem Viehhof-Areal?

Jan Krattiger

Jan Krattiger

Irgendwas mit Medien, Videokameras und Gitarren. Gitarren sind immer gut.
Jan Krattiger

Der Kapitalismus, die alte Wursthaut, macht uns anscheinend allen mal wieder einen Strich durch die Rechnung.

So schien es jedenfalls am Mittwochabend im „404 page not found“ bei einer Diskussion ums Viehhofgelände, den Bahnwärter Thiel, die Sprayer und jene, die einfach nur Freiraum wollen.

Kriegen wir schon irgendwie hin

Zunächst schien es noch, als wären sich doch alle mehr oder weniger einig, nämlich Bahnwärter-Chef Daniel Hahn, David Kammerer, aka Cemnoz, ehemaliger Sachbearbeiter für Street Art und Graffiti bei der Landeshauptstadt München und Johannes Wirthmüller, aka Morefines, outer circle e. V.

Es war klar: Die Sprayer, die berechtigterweise um ihre Flächen auf dem Viehhof fürchten und Daniel Hahn, der mit dem Bahnwärter jetzt für die kommenden fünf Jahre die Fläche mietet, bespielen darf und aber auch für Recht und Ordnung gerade stehen muss, werden schon ein Mit- oder mindestens Nebeneinander finden.

Oder doch nicht?

Dann gesellt sich aber noch eine neue Gruppe zur Diskussion und es wird tatsächlich auch spannend, laut und vor allem: grundsätzlich. Die nämlich bekundet grundsätzliche Sympathien für die Anti-Bahnwärter-Slogans an den Mauern, für den Brandanschlag und Störaktionen, die dort in den vergangenen Wochen und Monaten passiert sind.

Denn wenn der Bahnwärter kommt, verschwindet ihre Freifläche, wenn nicht sogar die letzte Freifläche der Stadt, wo man ungestört sein und tun konnte, was man wollte. Schuld ist, logisch, der Kapitalismus und das System, an dem alle (!) anderen (die „legalen“ Sprayer und die von der Stadt offiziell beglaubigten Zwischennutzer um Daniel Hahn) teilhaben und mitwirken.

Alle mehr oder weniger, aber eben doch.

Haha, Freiraum

Es ist zwar ein leichtes, diese Argumentation als romantisierende, jugendlich-leichtsinnige Utopie abzutun und zu belächeln. Denn das ist sie natürlich auch. Wer das System ablehnt, wie es heute und hier vorherrscht, der führt eben ein richtiges Leben im Falschen. Der behauptet auch logischerweise, dass der Bahnwärter Teil dieses kapitalistischen Systems ist.

Nur bringt das halt – und das war an diesem Abend bestens zu sehen – eine solche Diskussion auch nicht im geringsten weiter, sondern führt zu einem Kleinkrieg unter denen, die eigentlich alle ähnliche Ziele haben.

Hart für alle

Hart ist das für Daniel Hahn und seine Mitstreiter, die sich große Mühe geben, etwas auf die Beine zu stellen und jetzt als Zielscheibe herhalten müssen. Die von der Stadt für das Areal zwar viele Freiheiten, damit aber eben auch Verantwortung und Haftung übertragen bekommen haben.

Hart ist es aber auch für die Leute, die sich für solche Freiräume einsetzen, die zusehen müssen wie ihnen wieder etwas weggenommen wird und sich einen neuen Platz suchen müssen. Dass solche Plätze in München rarer gesät sind als anderswo, muss an der Stelle nicht extra erwähnt werden.

Und es ist ebenso hart für die Sprayer, die Flächen brauchen, diese nur schwer bekommen und auch immer im Spannungsfeld zwischen Kunst und Ausverkauf stehen, zwischen Autonomie und Kooperation.

Und die Stadt?

Die Stadt hat allen Beteiligten die verzwickte Situation auf dem Gelände eingebrockt und muss damit rechnen, dass sie sich so schnell nicht entspannen wird. Hat aber jetzt ja einen Mieter vor Ort, der Verantwortung trägt und zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Alles in allem: Eine ungute Situation.

Die ganze Diskussion gibt’s hier als Video vom „404“ :


Beitragsbild: © Emanuel Weitmann

3 Comments
  • Julie
    Posted at 12:12h, 22 März

    Würde die Überschrift ggf. noch mal Korrekturlesen 😉

    Furchtbar, dass man heutzutage noch nicht mal 5 Minuten Zeit hat einen Blog Post zu korrigieren, bevor man ihn raushaut

  • Jan Krattiger
    Jan Krattiger
    Posted at 13:45h, 22 März

    Liebe Julie, schön dass wir so aufmerksame Leser haben. Allerdings ist das ein bewusster „Fehler“ in der Überschrift, der Bezug nimmt auf Adorno: https://de.wikipedia.org/wiki/Es_gibt_kein_richtiges_Leben_im_falschen

  • DOUT1
    Posted at 18:15h, 22 März

    Da hat sich die Klugscheisserin zum Glück selbst entlarvt…

Post A Comment

Das Heft über „Wohnen trotz München“

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons