Nach(t)kritik

Etwas dreckiger, bitte

Juliane Becker

Genau fünfzehn Minuten dauerte es, bis der erste BH auf die Bühne flog: The Baseballs brachten vergangene Nacht ein Stückchen Rock ’n‘ Roll zurück in die Muffathalle.

So viel Testosteron spürt man sonst nur beim WWE SmackDown. Das liegt einerseits an der überraschend hohen Zahl an männlichen Gästen, andererseits an der geballten Power der sieben Jungs auf der Bühne. Im Vordergrund: Basti, Sam und Digger, besser bekannt als The Baseballs. Dahinter: ihre vierköpfige, absolut fantastische und akrobatisch hochbegabte Band.

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(c) Sophia Rohm

Sie legen ohne Umschweife, sprich ohne Vorband, los. Ein Warm-Up ist auch nicht nötig. Der klassische 50s-Takt geht sofort ins Bein. Platz zum Tanzen ist leider nicht da, deshalb begnügt man sich mit ausschweifendem Hüftgewackel.
Besser können es die Kerle auf der Bühne. Es braucht gerade mal fünfzehn Minuten, bis ihnen der erste Spitzen-BH entgegenflattert. Ein bisschen irritiert hängen sie ihn an das Schlagzeug, dann wird weitergemacht.

The Baseballs gehören zu den wenigen Bands, die live besser sind als auf jeder Platte. Ihre Performance spielt da sicher mit rein. Sie sind bis zur Perfektion hochstilisiert. Haartollen, enge Jeans, Lederjacken. Und der Hüftschwung. Den beherrscht allerdings nur Sam richtig gut. Der Münchner würde ihn als „Mannsbild“ bezeichnen, ein Berg von einem Mann. Digger, der auf den schönen Namen Rüdiger getauft wurde, deckt die Kulleraugenspalte ab, und Basti ist offenbar der Witzbold der Truppe. Sie erfüllen sämtliche mögliche weibliche Fantasien, das dürfte ihr Erfolgsrezept sein. Die Stimmung ähnelt einem Elvis-Konzert in den 1950er Jahren. Kreischende, dehydrierte Fans aller Altersklassen, von 16 bis 66 ist alles vertreten. Es ist aber auch eine Wahnsinnsidee: aktuelle Songs mit Rock ’n‘ Roll covern, meistens sogar verbessern. Rihannas Umbrella wirkt recht fad gegen die Version der Baseballs.

Aber: sie sind zu sauber. Das Konzert läuft zu perfekt, zu durchgetaktet. Zwar wird brav mit den Fans interagiert, dennoch bleibt eine etwas gezwungene Atmosphäre. Sie sind einfach zu brav. Sagen wir es so, der durchschnittliche Familienvater hätte kein Problem damit, sein Töchterchen alleine auf eines ihrer Konzerte zu schicken, Hüftschwung hin oder her. Sie wirken ein bisschen wie aus der Coca-Cola-Werbung, süß, aber ein bisschen zu schmalzig. Schade eigentlich, manche mögen’s ja doch dirty.

(c) Sophia Rohm

(c) Sophia Rohm

Nichtsdestotrotz sind sie erwachsen geworden. Seit ihrem Karrierestart 2009 hat sich einiges getan, ihr Stil hat sich verändert, mittlerweile schreiben sie auch selbst Songs. Richtig gute, übrigens. Aus einem kleinen Zelt auf der Tollwood 2010 wurde 2014 eine volle Muffathalle, aus einem Echo zwei, aus nationalem ein internationales Publikum. Ihre Shows mögen durchgeprobt sein, ihre Auftritte sind trotzdem sehr sehenswert. Für zwei Stunden gaben sie München ein Stückchen Rock ’n‘ Roll zurück.

Besucht ihre Website unter www.thebaseballs.com

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