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„Existentialistischer Krach!“ – Friends Of Gas und Gewalt im Interview

Ein Blind Date der besonderen Art hatte ich kürzlich mit Patrick Wagner (Gewalt) und Nina Walser (Friends Of Gas). Wir sind gemeinsam zum Interview verabredet. Nicht allerdings im Café oder der Kneipe nebenan, sondern auf Facebook. Auf die Frage, ob wir einen Videochat zwischen Berlin und München starten wollen, erhalte ich eine Absage. Patrick Wagner will es lieber schriftlich halten, da man so „mehr Zeit hat und nicht sozialen Gesetzen wie Freundlichkeit unterworfen ist“. Fair enough, soll mir also recht sein.

Die beiden sitzen zusammen in Wagners Wohnung in Berlin – so vermute ich zumindest – und treffen sich anlässlich der anstehenden gemeinsamen Deutschlandtour. Ich sitze alleine vor’m Rechner, einigermaßen vorbereitet, mit löchernden Fragen bewaffnet. Vor zwei so vielversprechenden und hochgelobten Bands will man sich natürlich nicht die Blöße geben. Ein Gesprächsprotokoll in Auszügen mit rudimentären orthografischen Verbesserungen.

Mucbook: Hallo, ihr zwei! Zunächst mal… Wie würdet ihr jeweils euren Sound für unsere Leser beschreiben?

Patrick Wagner (Gewalt): Existentialistischer Krach.

Nina Walser (Friends Of Gas): Noise/Postpunk/Kraut Melange.

Mucbook: Gewalt ist ein Thema in den Lyrics eurer beiden Bands, bei dir Patrick steckt sie ja sogar im Bandnamen. Was ist für euch Gewalt? Warum seht ihr euch veranlasst, „Gewalt“ zu thematisieren? (Steht es so schlecht um uns und euch?)

Nina Walser: Bei uns eigentlich nicht. Da kommt das Thema nur in einem Song vor.

Patrick Wagner: Gewalt durchdringt den Menschen und steckt in jedem Detail… oder um mit Thomas Bernhard zu sprechen: Es ist, wie es ist und es ist fürchterlich. Und ja es steht und stand nie gut um uns.

Mucbook: Also ein zeitgenössischer Bandname!

Patrick Wagner: Unsere Band konnte nur so heißen. Wir haben aber auch ein akustisches Hippie-Nebenprojekt „Gestalt“.

Mucbook: Wieviel Platz bleibt eigentlich für Humor bei euren Bands? Die Texte wirken sehr ernst und werden eindringlich vorgetragen. Zusammen mit der Musik ist das sehr packend. Gleichzeitig wirkt ihr auch nicht wie die totalen Nihilisten.

Nina Walser: Den Humor bei uns muss jeder selbst herausfinden.

Patrick Wagner: Ich hasse Humor – man sagt mir aber nach, ich sei amüsant!

Mucbook: Die Band Gewalt kenne ich zugegebenermaßen erst seit kurzem. Friends Of Gas kenne und schätze ich so seit letztem Jahr – da habe ich zudem auch einen regionalen Bezug.

Patrick Wagner: Regionaler Bezug: Heil München!

Mucbook: „mia san mia“…

Patrick Wagner: Wusst‘ ich’s doch!

Mucbook: Ne, aber ist ja cool, wenn mal jemand aus deiner Stadt so abgeht?! Wahrscheinlich kenne ich FOG doch eher aus der SPEX…

Patrick Wagner: „FOG“ sind nicht nur die beste Münchner Band, sondern die beste Band überhaupt (ok, außer Sleaford Mods)!

Mucbook: Das sind Informationen, die ich unseren Lesern nicht vorenthalten will! Woher kennt ihr euch eigentlich und wie kam es zur gemeinsamen Tour?

Nina Walser: Ich war in jungen Jahren schon Surrogat Fan. (Frühere Band von Patrick Wagner – Anm. der Red.)
Patrick Wagner: Wir haben uns wirklich über die Musik kennengelernt… wie Geschwister.

Mucbook: Nina hat es eben angesprochen: Patrick, du warst früher der Kopf hinter Surrogat, nun drängt es dich nach Jahren der selbstgewählten Musikpause zurück auf die Bühne und ins Studio. Was war denn der Ausschlag für deine Rückkehr und worin unterscheidet sich das neue Projekt „Gewalt“ von deiner alten Band?

Patrick Wagner: Ich hatte, relativ aus heiterem Himmel, wieder das Gefühl etwas sagen zu können. Der Unterschied zu Surrogat liegt einmal in meinem fortgeschrittenen Alter und dann natürlich an dem DM1 (die verwendete Drummachine – Anm. der Red.), Helen und Yelka, die jeweils eine andere musikalische Sprache sprechen und viel radikaler sind.

Mucbook: Was meinst du mit viel radikaler?

Patrick Wagner: Sie wissen genau was sie von der Musik wollen.

Mucbook: Was willst du von der Musik? (bzw. ihr?)

Patrick Wagner: Standardantwort: die Unmöglichkeit und Unentrinnbarkeit unserer Existenz verdichten.

Mucbook: Ambitioniert! Ihr habt unter anderem einen Song mit Max Gruber von Drangsal gemacht. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Patrick Wagner: Er hat sich ein T-Shirt von uns gekauft – wir hatten darauf hin 200 Facebook-Freunde mehr. Ich habe mir dann seine Musik angehört und seine Interviews angeschaut – das fand ich beeindruckend – also hab ich ihn gefragt, ob er nicht bei „Tier“ mitsingen will. Er konnte es um Welten besser als ich. Ultra talentierter Mensch, und sehr klar, auch die Video Performance in „Tier“ (wir kannten uns da noch nicht) war absolut beeindruckend.

Mucbook: Auf jeden Fall ein charismatischer, junger, talentierter Mann! Eure Videos bestehen überwiegend aus „Found Footage“ aus Filmgeschichte und Youtube, wenn ich das richtig sehe. Erinnert mich ein wenig an die Cut-Up-Technik, die Ende der 50er erfunden und popularisiert wurde. Kannst du mir dazu etwas mehr sagen? Ist das auch ein wenig „Meme-Kultur“? Also so, wie wenn William S. Burroughs Youtube gekannt hätte?

Patrick Wagner: Grundsätzlich finde ich es albern Dinge nachzudrehen, die irgendwer z.B. Fassbinder oder Tarkowski 1000 mal besser gemacht haben, als man es selbst jemals könnte.

Mucbook: Also Remix? Aneignung?

Patrick Wagner: „Talent borrows, genious steals.“

Mucbook: Oscar Wilde? oder Banksy?

Patrick Wagner: Oscar Wilde! Ich fand zum Beispiel toll, dass viele Leute dachten, wir hätten das Żuławski-Video (Possession) von „So soll es sein“ gedreht, weil der Kleidungsstil und die 80er U-Bahn-Athmo heute ähnlich sind… dabei ist der Film von 1981.

Mucbook: Ah ok, das ist echt abgefahren. Was soll man auch noch erfinden? Gitarrenmusik lebt ja inzwischen weitestgehend von einem gewissen Eklektizismus?! Da ist es ja folgerichtig, auch die Videos so zu gestalten…

Nina Walser: Erfinden gibt es vielleicht gar nicht, nur kombinieren.

Mucbook: Könnt ihr mit der aktuellen „alternativen Musikszene“ – so will ich es mal nennen – in Deutschland etwas anfangen? Ich habe das Gefühl, da gibt es momentan wieder einige Bands aus dem noisigen, „post-punkigen“ Umfeld, die sowohl musikalisch überzeugen, als auch eine gewisse Resonanz erfahren beim Publikum. Ist das schon eine neue Szene?

Patrick Wagner: Ich bin da ja (Helen und Yelka sind deutlich jünger) der alte Sack und freue mich sehr drüber dass es FOG, Drangsal, Karies, Human Abfall, Euternase, die Nerven, Heim gibt…zu Surrogat Zeiten war das nicht so.

Mucbook: Genau an die Bands dachte ich jetzt. Ich entdecke diese Art von Musik jetzt auch eher über die neue Garde an Bands… Nochmal zu Gewalt: In der aktuellen Besetzung verwendet ihr einen Drumcomputer. Ist das eine pragmatische Entscheidung oder ein ganz bewusstes Konzept? In jedem Fall ist es annähernd ein Alleinstellungsmerkmal würde ich sagen?!

Patrick Wagner: Pragmatismus: wir wollen möglichst selten Musikarbeiter sein, also Proben, tight werden, der ganze Quatsch…und ich kann sehr einfach die Lieder schreiben. Konzeptionell: Ich habe eine grosse Zuneigung für Dance und Hiphop Beats. Die meisten Gewalt Songs basieren darauf… daraus resultiert dieses seltsame Gefühl tanzen zu wollen, stolpert aber über das Elend der Texte.

Mucbook: Nina, mit Friends Of Gas seid ihr letztes Jahr gefühlt ein wenig aus dem Nichts bundesweit durchgestartet. Was habt ihr eigentlich vorher so gemacht und wie habt ihr als Band zusammen gefunden?

Nina Walser: Thomas (Westner, Gitarrist – Anm. der Red.) und ich kennen uns ja schon aus der Jugendzeit, die anderen stießen dann dazu, weil wir ganz einfach Musik machen wollten.

Mucbook: Wart ihr vom eintretenden Erfolg und den euphorischen Kritiken überrascht?

Nina Walser: Ja, schon etwas überrumpelt. Aber es ist alles sehr abstrakt und man denkt es oft gar nicht mit sich zusammen.

Mucbook: Ich finde, eurem Sound und euren Texten wohnt eine gewisse Dringlichkeit inne. Sie funktionieren meiner Meinung nach auch total auf einer unterbewussten und abstrakten Ebene. Ich ertappe mich manchmal, wie ich etwas gedanklich mitsinge und dann erst den Inhalt hinterfrage und meistens total geflasht bin. Hast du Konzepte oder Methoden zum Textschreiben?

Nina Walser: Für mich ist wichtig, dass mir die Texte selbst fremd sind, dass ich sie im Moment des Schreibens nicht verstehe. Also, dass sich der Text quasi selbst schreibt. Ich verstehe manche Inhalte auch erst, wenn ich von aussen darauf hingewiesen werde. Eine gewisse Distanz zum Text ist sehr wichtig für mich.

Mucbook: Wie geht es dir da, Patrick?

Patrick Wagner: Um mit Oval zu sprechen: die erste Frage heisst Thema! Und dann genau ergründen was es bedeutet, was es für einen selbst bedeutet und riskieren, dass man sich irrt. Als zum Beispiel nach dem Attentat von Paris halb Europa nach Sicherheit schrie, habe ich darüber geschrieben, wo ich überall Sicherheit suche und – da das Leben furchtbar ist – nicht finden kann. Das Stück kommt im Februar und heisst „Wir sind sicher“. Wenn man weiss, dass die Suche nach Sicherheit, Reichtum, whatever vergebens ist, kann man sich um bessere Dinge kümmern.

Mucbook: Um Musik zum Beispiel?

Patrick Wagner: Dinge, die einen glücklich machen. Musik, mit seinem Sohn Fussballspielen, Sex, mit Nina Abendessen und mit zwei Leuten gleichzeitig Chat-Interviews machen.

Mucbook: Was kommt in Zukunft von euch? Also neue Releases? Tour ist eh klar… ein Theaterstück? Schmuckkollektion?

Nina Walser: Dazu kann ich noch nichts sagen, nur dass eine Schmuckkollektion eher ausgeschlossen ist.
Patrick Wagner: Wir machen natürlich zur Tour eine Schmuckkollektion (ertappt). Einfach weil ich unbedingt eine Gewalt-Goldkette haben will.


Trailer zur Tour

Mucbook: Drei Platten für die Ewigkeit, die einsame Insel oder das „ewige Haus“?

Patrick Wagner: Neil Young „Harvest“, Captain Kirk & „Reformhölle“.
Nina Walser: Aldous Harding „Party“, Tocotronic „KOOK“, Foyer des Arts „Die Menschen“.

Mucbook: Ok, dann würde ich euch quasi schon entlassen. Wollt ihr noch was loswerden?
Patrick Wagner: Du warst ein sehr angenehmer Chatpartner, danke.

Wollt ihr das Interview nochmal gegenlesen?
Nina Walser: Passt schon, baba!

 

..sprach Nina und da waren sie beide wieder offline. Knapp zwei Stunden haben wir mit kurzen Pause gechattet und ich bin jetzt nicht weniger gespannt auf das anstehende gemeinsame Konzert im Milla – Live Club. Alle Infos dazu findet ihr im Folgenden kurz und bündig.

 


In aller Kürze:

Was? Friends Of Gas + Gewalt
Wann? Samstag, 10. Februar 2018 | 19.00 Uhr
Wo? Milla – Live Club, Holzstraße 28, 80469 München


© Fotos „Friends Of Gas“: Susanne Beck (Beitragsbild, (1), (3))

© Fotos „Gewalt“: Gewalt (2)

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
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