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Frauenstreik? – Ja, bitte!

Ist der Ausdruck Vaterland diskriminierend? Und ist es besser, Studierende statt Studenten zu sagen? Die grammatikalischen Feinheiten mal außen vorgelassen: Frauen haben immer noch viele Nachteile im Gegensatz zu Männern.

Viel ist schon passiert, doch von Gleichberechtigung kann in der Regel dennoch nicht gesprochen werden – zum Beispiel in der Schweiz.

Doch die Frauen dort wollen sich das nicht mehr gefallen lassen. Deswegen gingen sie am vergangenen Freitag, 14. Juni, zu Tausenden beim Frauenstreik auf die Straßen, um für ihre Rechte einzustehen.

Tausende gingen auf die Straßen

Über 500.000 Menschen haben laut den Organisator*innen friedlich demonstriert. Die meisten davon in Zürich, Basel und Bern. Aber was genau hat all diese Leute auf die Straße gebracht? „Obwohl die Gleichberechtigung seit 1981 in der Verfassung festgeschrieben ist, wurde sie einfach nicht verwirklicht“, sagte eine der Organisatorinnen, Corinne Schärer, im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Da ist zum Beispiel die Sache mit der Bezahlung. In der Schweiz verdienen Frauen im Schnitt 1/8 weniger als Männer. Rechnet man das auf einen Acht-Stunden-Arbeitstag um, arbeiten Frauen ab 15.24 Uhr umsonst. Gerade Berufe in denen mehr Frauen arbeiten wie in der Pflege, sind schlechter bezahlt.

Das Ziel: Gleichstellung in allen Lebensbereichen

Außerdem stellt es ein Problem dar, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Frauen steht in der Schweiz ein bezahlter Mutterschaftsurlaub von 14 Monaten zu. Männern dagegen bekommen genau einen (!) Tag Vaterschaftsurlaub. Das zeigt deutlich: die unbezahlte Familienarbeit liegt bei den Frauen.

Daneben gibt es viele weitere Themen, die den Schweizer Frauen am Herzen liegt. Grundsätzlich war (und ist) die zentrale Forderung der Streikenden die Gleichstellung der Frau in allen Lebensbereichen.

Wie sieht das in Deutschland aus?

Und was geht uns das an? In Deutschland ist doch eh alles voll super und mit der Gleichberechtigung läuft’s hervorragend.

Nein, da ist Luft nach oben.

Birgit Erbe, die Geschäftsführerin der Frauenakademie München – ein außeruniversitäres Forschungsinstitut, das Gleichstellung und Chancengleichheit von Mann und Frau fördert – sagt folgendes dazu: „Ungleichberechtigung kann jede von uns betreffen.“ Und zwar in vielen Bereichen. Laut Erbe geht es nicht nur um den Paygap oder Caregap, sondern beispielsweise auch um nachteilige medizinische Behandlung von Frauen, wie jüngst das SZ-Magazin berichtete.

Ursache für fehlende Gleichberechtigung sind laut der Geschäftsführerin einerseits strukturelle Faktoren. In Kultur und Wirtschaft sei eine Arbeitsteilung entlang von Geschlechterrollen tief verwurzelt. Obwohl sie vielfach durchbrochen werde, sei sie nach wie vor dominant. Meist laufe es nach dem Prinzip: „Was für die Masse von Männern passt, gilt als Norm.“ Auch Androzentrismus genannt.

47 Prozent der erwerbstätigen Frauen arbeiten in Teilzeit

Außerdem geraten Frauen schnell in Abhängigkeit und genießen generell weniger Absicherung. Grund dafür sind zum Beispiel Regelungen wie das Ehegatten-Splitting. Dieses belohnt nach wie vor steuerlich, dass einer der Partner Arbeitszeit reduziert. In Deutschland ist das deutlich häufiger die Frau.

Laut des Statistischen Bundesamtes arbeiteten 2017 47 Prozent der erwerbstätigen Frauen und nur neun Prozent der Männer in Teilzeit. Der Großteil der Frauen (31 Prozent) gab damals an, wegen der Betreuung von Kindern oder Pflegebedürftigen zuhause zu bleiben. Weitere 18 Prozent entschieden sich aus anderen, persönlichen oder familiären Gründen für die Teilzeitstelle oder gar einen Mini-Job.

Fun-Fact: bereits der erste Gleichstellungsbericht der BRD 2011 verlangte, dass das Ehegatten-Splitting (ursprünglich aus dem Jahr 1958 sammend) dringend reformiert gehört.
Die Reform des Splittings ist übrigens nicht Teil des letzten Koalitionsvertrags – dank der CDU/ CSU. Was das für viele verheiratete Frauen mit Kind heißt, die zurück in den Job wollen, beschreibt dieser Kommentar in der Zeit recht treffend. Ihre Arbeit lohnt sich schlichtweg steuerlich nicht.

Herzlichen Glückwunsch also, unser Steuersystem belohnt nach wie vor die Hausfrauen-Ehe.

Abhängigkeit kann gravierende Folgen haben

Weniger arbeiten heißt aber auch weniger Rente. Daraus folgt: Abhängigkeit vom Mann. Bei einer Trennung oder dem vorzeitigen Tod des Partners kann das schnell in die Altersarmut führen, gerade nach der Änderung des Unterhaltsrechts 2008.

Zudem müssen sich Frauen auch in Deutschland mit Anfeindungen auseinandersetzen, dazu gehört zum Beispiel auch Street Harassment. Doch laut Erbe sind es auch die oft objekthafte Darstellung von Frauen, Stereotype, Spott und nicht erreichbare Schönheitsideale.

Es gibt auch Lichtblicke

Viel mehr Leute als früher gehen heute auf die Straße und wehren sich, sagt Erbe. Gerade junge Frauen wollen sich nicht ungerecht behandeln lassen. „Die Idee vom Streik ist super. Frauen sollten sich solidarisieren“, findet die Geschäftsführerin der Frauenakademie. „Frauen müssten mehr das Verbindende suchen.“ Dabei könne jede auf ihre Weise die eigene Kraft und Gestaltungsfähigkeit erleben.

Einen bundesweiten Frauenstreik hat es übrigens auch in Deutschland in diesem Jahr am 8. März 2019 gegeben. Viel (mediale) Aufmerksamkeit hat er aber leider nicht bekommen. 

Wir plädieren für einen großen Frauenstreik 2020 in München

Wie kann es sein, dass in der Schweiz Hunderttausende für Gleichstellung auf die Straßen gehen und alle großen Medien darauf blicken, und in Deutschland kaum etwas passiert? Liegt das an der Organisation des Streiks oder am fehlenden Interesse unsererseits?

Und sollten wir das nicht beim nächsten Mal dringend ändern, um als Frauen gemeinsam für unsere Rechte einzustehen und uns zu solidarisieren? Nur so können wir zeigen, dass wir eine starke, politische Kraft sind.

Dass das nötiger denn je ist, zeigt auch die Platzverteilung im Bundestag: doppelt so viele Männer – in einem Land, in dem es 2 Millionen mehr Frauen als Männer gibt, die im Schnitt fünf Jahre älter werden als Männer.

Also, da sollte doch noch was gehen!

Quelle: https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/mdb_zahlen_19/frauen_maenner-529508


Text: Ilona Gerdom, Ronja Lotz
Beitragsbild: © Jessica Podraza / unsplash

Grafik: © Statistisches Bundesamt

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