Leben

FREI.SEIN.WOLLEN // Ein Dokumentarfilm über die Musiker von Kofelgschroa

Sarah Weiß

Mehr als sechs Jahre lang hat die Regisseurin Barbara Weber die vier jungen Musiker von Kofelgschroa begleitet. Jetzt ist der Dokumentarfilm auch mit umfassendem Bonusmaterial auf DVD erhältlich.

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„Auf der Welt läuft sauviel schief. Was kann man schon machen als kleiner Mensch? Maximilian Pongratz

Sechs Jahre sind eine lange Zeit. In sechs Jahren gibt es Zeit für Ideen und Zeit um diese Ideen wieder zu verwerfen, Zeit für Zweifel, Zeit zum Faulenzen und Zeit zum Heiraten – und vor allem Zeit, um sich mit den Fragen zu beschäftigen: Wer bin ich? Was kann ich? Wohin geht mein Weg?

Die Oberammergauer Musikgruppe Kofelgschroa ist so angenehm unaufgeregt, was ihren Erfolg mit der Musik angeht. Konsequenterweise wird deshalb auch nicht geprobt, weil das gar nichts bringen würde, sagt Michael von Mücke. Einer muss dann immer auf’s Klo, der Nächste holt einen Kasten Bier, der Dritte dreht sich eine Zigarette. „Wir haben nie geprobt, sondern immer nur gespielt. Bis wir zu Proben anfangen würden, wär die Probe schon wieder aus.“

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Trotzdem spielen Matthias Meichelböck, Martin von Mücke, Michael von Mücke und Maxi Pongratz Konzerte in ganz Deutschland und auch daheim in „O-gau“, wo sie sich den Leuten endlich beweisen wollen. Hier entschiedet sich ihrem eigenen Gefühl nach, ob sie für Spinner oder Könner gehalten werden. Wobei ihnen beides nicht ganz gerecht zu werden scheint. Eingeladen als junge Talente zu verschiedenen Radio- und Fernsehsendungen reagieren die vier Naturburschen irritiert auf den Medienzirkus: Haarspray, Zeitdruck, hohle Fragen ungeduldiger Interviewer, vorschnelle Urteile. Alleine der Kontrast zwischen den sprechgeschulten Moderatoren und den nuschelnden Mundartsängern schafft genug Raum für Überlegungen jenseits jeder Oberflächlichkeit.

„Wichtig ist, dass man einen Inhalt hat, einen Lebensinhalt und das kann nicht Geld sein. Das müssen andere Sachen sein. Da kann ja jeder was anderes haben, da gibt es ja viel: Musik, Kunst, ein Beruf. Das kann alles ein Lebensinhalt sein und es gibt dann so viele interessante Sachen zu sehen, langweilig wird es einem nie. Mädels gibt es auch noch.“ Michael von Mücke

Texter Maxi Pongratz ist ein feiner Beobachter, der unkommentiert aufzeigt, einfach die Dinge mundartlich verpackt in den Raum stellt. Kein Thema scheint zu banal, um aufgegriffen zu werden. Dabei die ständig präsenten Selbstzweifel, gar Angst davor nicht genug zu können. Maxi geht an die Berufsfachschule für Musik und scheitert so bewegend an den Ansprüchen, dass man einen Hass auf das Schulsystem bekommt. Auf jedes System. Dass man jeden Tag mit Martin auf die Koppel zu seinen Ziegen gehen möchte, um sie zu melken, zu füttern und die Zicklein auf dem Arm zu halten und die Uhr wegzuschmeissen und sich mal kräftig von allen Zwängen am Arsch lecken zu lassen.

Barbara Weber fängt diese kleinen und großen Momente aus dem Leben der Band ein. Maxi beim Abwasch, Martin beim Frühstücken auf dem Dach, Matthias beim Beten, Michi beim Junggesellenabschied, Bandprobe in der Werkstatt, Fahrten nach Berlin, Hamburg oder einmal rund ums Dorf. Dazwischen Konzertmitschnitte und Interviewsequenzen: Mensch, weiße Wand, Bauernschrank. Und immer wieder große Fragen, über die die vier so ungekünstelt nachdenken, dass man sich gerne dazu setzen möchte.

„Interessant ist, dass aus dieser Angst sich zu binden eine Angst vorhergeht, nämlich die Angst zu sagen, ja es gibt ein Richtig und es gibt ein Falsch.“ Matthias Meichelböck

Dabei scheint es ihnen allen bewusst zu sein, dass ihre Musik und ihre Beziehung zueinander ein besonderer Schatz ist, den es zu bewahren gilt. Dass sie sich nicht in Schubladen stecken lassen wollen. Dass es ihr Plan ist, keinen Plan zu haben. Dass es keiner von ihnen alleine besser könnte. Nach dem Film ist das zumindest jedem Zuschauer bewusst.

Fotocredit: südkino/movienet

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