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Frei&Liebe (3): Der Orgasmus, weiblich

Sharon Brehm

Wörter, die wie Küsse schmecken, Sätze, die über Körper streifen – Sinnlichkeit und getippte Buchstaben trennen mehr als nur Fantasie und Kreativität, sondern auch Tabus und Unsagbares. Es wundert mich selbst, wie sehr ich mit Worten um ein Thema navigiere, das doch das menschlichste auf der Welt sein sollte: weibliche Lust. Weiß noch nicht einmal, ob ich darüber alltäglich, fast profan plaudern, sie theoretisch analysieren, sie poetisch und magisch verklären möchte. Sie kann alles davon sein. Gleichzeitig. Doch es fehlen nicht nur die Worte um den weiblichen Orgasmus authentisch zu beschreiben.

 

What secret knowledge is clasped between your pillars?

 

Denn nach unzähligen Gesprächen mit Menschen, die mir nahe stehen, nach einer Pubertät voller Dr. Sommer und Sex & The City, kenne ich genügend Anekdoten von sexuellen Fauxpas, weiß ziemlich genau, was offenbar nicht passieren sollte. Ich habe Geschichten von zu kleinen und zu großen Penissen gehört, weiß von Frauen (70% laut Statista) und Männern (19%), die Orgasmen vorgespielt haben, und dass manche Fetische lieber im Nachtkästchen bleiben sollten. Es gibt wohl komische Gesichter, die Menschen beim Sex machen können, Unfälle, Missverständnisse bezüglich der Lautstärke, zu forsche und zu passive Momente. Mir ist vollkommen klar, dass weibliche Lust etwas sehr individuelles ist, Leidenschaft ist schließlich ein farbiger, nuancenreicher 3D-Film. Vaginas are snowflakes.

Doch auf der anderen Seite, der so-sieht-guter-Sex-aus-Seite, stehen Leidenschaft und Nähe und Intimität und Kommunikation  – und das sind ganz schön vage Konzepte.

Das liegt zum einen sicherlich daran, dass uns eine Sprache fehlt, weibliche Lust zu beschreiben. Wir behelfen uns mit Metaphern. „Kiss by kiss I cover your tiny infinity, your margins, your rivers, your diminutive villages“ schreibt Pablo Neruda in einem meiner Lieblingsgedichte. Das ist schön und poetisch, aber es lässt ganz schön viel ungesagt. Wahrscheinlich ist das kein Wunder, wenn man bedenkt, dass erst 1998 die australische Urologin Helen O’Connell herausfand, dass der Kitzler nur die Spitze der Klitoris ist und dass damit das Lustzentrum der Frau um einiges größer ist als bis dahin gedacht. Dr. Mithu Melanie Sanyal kritisiert in ihrem Buch „Vulva – das unbekannte Geschlecht“ zu Recht, dass die Vagina nur eine Körperöffnung bezeichnet, nicht aber das komplexe Ganze. Doch all die sensiblen Punkte, in welche die klitoralen Nervenbahnen noch reichen, an denen Frauen Begehren verspüren können, sind im Alltag namenlos. Da wundert es kaum, dass Männer wie Frauen nicht genau wissen, was die Klitoris ist, wie sie den G-Punkt stimulieren können und wie viele verschiedene, lustvolle Wege es gibt, zum Orgasmus zu kommen. Mehr als Schade.

 

Kiss by kiss I cover your tiny infinity, your margins, your rivers, your diminutive villages

 

Zu delikat ist das Thema weiblicher Orgasmus für den Schulunterricht, die Wissenschaft und trotz vermeintlicher Freizügigkeit auch für Filme und Serien. Doch ohne eine adäquate, präzise und ehrliche Beschäftigung bleiben Pornos die einzige (und zugleich fragwürdige) Informationsquelle über die Lust von Frauen, und sexuelle Befriedigung sollte keine Bastion sein, die Männern vorbehalten ist.

Das dachten sich auch Lydia Daniller und Rob Perpins, die Gründer von OMGYes. Auf ihrer Webseite geht es genau darum, weibliche Lust zu erforschen. Echte Frauen teilen ihre Erlebnisse, Geschichten, Techniken, Wünsche und die Webseite kombiniert Videos mit erstmals belegten Fakten und technologischen Entdeckungsmöglichkeiten. Vor allem aber ermöglicht das Projekt OMGYes, dass der weibliche Orgasmus sein Tabu verliert und hoffentlich noch mehr Frauen in seinen Genuss kommen. Erschreckenderweise kommen nur 33% der Frauen regelmäßig zum Orgasmus. Aber 80% der Männer.

Sicherlich, für sexuelle Befriedigung gibt es keine Bedienungsanleitung, weil diese Großartigkeit erst in der Dynamik zwischen Menschen und Situationen, aus einem Mix aus Emotionen, Wissen und Neugierde entsteht. Und manchmal darf man ruhig genießen, ohne zu wissen, wie es en detail passiert – eine Zauberin muss nicht jeden ihrer Tricks enthüllen. Aber weibliche Lust sollte kein Tabu sein und verdient eine Sprache, die aus mehr besteht als verheißungsvollen, aber vagen Metaphern.

 

Eine monatliche Liebeskolumne.

Fotocredit: Franca Gimenez by CC2.0

 

Carnal apple, Woman filled, burning moon – by Pablo Neruda

Carnal apple, Woman filled, burning moon,
dark smell of seaweed, crush of mud and light,
what secret knowledge is clasped between your pillars?
What primal night does Man touch with his senses?
Ay, Love is a journey through waters and stars,
through suffocating air, sharp tempests of grain:
Love is a war of lightning,
and two bodies ruined by a single sweetness.
Kiss by kiss I cover your tiny infinity,
your margins, your rivers, your diminutive villages,
and a genital fire, transformed by delight,
slips through the narrow channels of blood
to precipitate a nocturnal carnation,
to be, and be nothing but light in the dark.

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1Comment
  • Ursula
    Posted at 00:37h, 01 Mai

    Ich muss sagen ich bin etwas verwirrt warum die Englische Übersetzung eines Spanischen Gedicht gewählt wurde. Warum nicht das Spanische Orginal ? oder eine Deutsche übersetzung ?
    Zumindest aber eine Anmerkung das es nicht das Orginal Gedicht ist mit verweiß auf den Übersetzer.
    Schade.

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