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Goodbye New York: Gedanken zum Abschied

Birgit Buchart

Birgit ist absichtlich Münchnerin und kam vor drei Jahren aus dem fernen Österreich zu uns. Neben ihrem Hochdeutsch verbessert sie in München auch ihr Englisch und studiert an der LMU Anglistik. Weil das mit dem Englisch mittlerweile ziemlich gut klappt, ist sie jetzt ein bisschen in New York und berichtet auf mucbook alle zwei Wochen von den Abenteuern einer österreichischen Münchnerin in der ganz großen Großstadt.
Birgit Buchart

Ich habe nun insgesamt sechs Monate in New York gelebt, nach der Halbzeit war ich zurück in München und war bereits ein anderer Mensch. Die Stadt machte mich stärker und selbstbewusster. Nun neigt sich mein zweiter Aufenthalt dem Ende zu und ich frage mich: Was hat New York dieses Mal mit mir gemacht?

Es ist nämlich eine Stadt, die nicht einfach ohne Spuren an einem vorbeigeht. Man hat keine Kontrolle darüber, sie passiert einem wie ein Unfall. Tag für Tag, überraschend und rücksichtslos. Sie hinterlässt Schrammen und Narben, die einen kurz in die Knie zwingen und danach doch irgendwie stolz machen. Man muss diese Stadt aushalten, den Kampf lieben, wissen wie man die Energie behält, jeden Morgen aufs Neue von ihr herausgefordert zu werden. Sie nimmt keine Rücksicht – wer mit ihr nicht zu Recht kommt, hat sie nicht verdient. Wer sich zurücklehnt, dem verpasst sie einen Tritt in den Hintern und wer sie nicht für ihre raue Art über alles liebt, wird früher oder später von alleine fliehen.

Das romantische New York der ersten drei Monaten ist zwar noch hin und wieder für mich da. Das echte, schonungslose New York, das erst im Alltag mehr und mehr Gesicht zeigt, ist aber neu für mich. Was einen nicht umbringt, macht einen bekanntlich stärker. Und so ist das auch mit dem New Yorker Leben. Man bewältigt es oder nicht – wer den Kampf aber aufnimmt, passt sich der Stadt an. Man wird rauer und stärker. Daran erkennt man die wahren New Yorker. Man sieht es in ihren Gesichtern, daran wie sie durch die Straßen gehen – die Last auf den Schultern und den Kopf trotzdem stolz gehoben.

Vielleicht muss man ein bisschen masochistisch veranlagt sein, um das Leben hier zu lieben.

Aber ich liebe alles daran, klingt es auch noch so düster. Die Menschen mit denen ich rede, stimmen mir zu: New York ist wie der Fight Club. Jeder kämpft für sich. Gegeneinander und mit bloßen Händen und trotzdem fühlt sich jeder als stolzes Mitglied des Clubs und gibt Acht aufeinander – auf ihre eigene Art und Weise, die man von Außen oft nicht versteht. Die Kämpfe sind hart, die Wunden angsteinflößend, aber man lernt sie zu lieben bis man nicht mehr ohne sie kann. New York ist eine Sucht, die kaum jemand ein ganzes Leben lang durchhalten kann. Man spürt, dass sie einen an die Grenzen bringt. Die Energie, die man zum Leben hier braucht und sich wie eine Line Koks durch die Straßen zieht fühlt sich gut an – ein nicht endender Trip – von dem man weiß, dass er einen früher oder später fertig macht.

Man muss alleine klar kommen um das Leben hier zu verdienen. Und nirgends ist das Alleinsein so schön und schwierig zugleich wie in New York.
Wenn eine Stadt keine Rücksicht nimmt, sich kein Stück um einen schert, bedeutet das zwar ein ständiges Risiko von ihr überwältigt zu werden. Gleichzeitig drängt sie einen aber zur Eigenverantwortung und legt einem die Freiheit zu Füßen, zu sein und tun, wer und was man will.

Ich habe hier unter den acht Millionen Menschen gelernt, alleine zu sein ohne mich einsam zu fühlen. Ich habe gelernt für mich zu kämpfen und gesehen, wie weit ich gehen kann, was ich aushalte, was ich bereit bin einzustecken für das Leben, das ich mir wünsche. Ich bin süchtig geworden nach der Energie, der Schnelligkeit und dem Kampf. Ich komme mit Narben zurück, aber werde die Schläge vermissen. Ich bin nicht bereit für den Entzug, er wird schwierig und für mich ist klar: Der Rückfall ist vorprogrammiert.

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Fotos: © Birgit Buchart

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