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Graffitis der Hoffnung

Laura Stecher
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Vogel

Am 13. Oktober zeigen vier AtivistInnen die Installation (Re)Positions in den Räumen des Bayerischen Flüchtlingsrates. Das ausgestellte Material haben sie in einer Bauruine in Sofia gesammelt, die von odachlosen Migranten bewohnt wird. Die Wände des Gebäudes sind voll von Graffitis und Inschriften der Bewohner, die Geschichten ihres Lebens und ihrer Reisen erzählen.

1. #kreativ: „(Re-)Positions“ steht für den Versuch einer Re-Positionierung – einer Übertragung oder Verpflanzung von Stimmen, die wir tendenziell am Rande der Mehrheitsgesellschaft sehen, ins Zentrum hinein. Es geht dabei um die Stimmen von Migranten und Migrantinnen, die auf ihrem Weg nach Europa in Bulgarien gelandet sind. Zentral für (Re-)Positions ist dabei eine kritische Wissensproduktion und Intervention: Wir wollen Position beziehen – gegen die Asyl- und Migrationspolitik der EU und ihrer Mitgliedsstaaten, gegen Rassismus und Abgrenzungsrhetorik, und für die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit aller Menschen!

2. #premiere: Das besondere an der Ausstellung ist, dass wir den August im Stadtteil ‚Ovcha Kupel‘ in Bulgarien verbracht haben, und dort mit vielen Migrantinnen und Migranten gesprochen haben. In diesem Viertel befindet sich sowohl das ‚offizielle‘ Flüchtlingslager der Stadt, als auch die „Staatliche Agentur für Flüchtlinge“ (evtl. vergleichbar mit dem deutschen Bundesamt für Migration und Flucht), die über die Asylanträge entscheidet. Direkt gegenüber steht eine Bauruine (ohne Türen, Fenster und fließendes Wasser), die von vielen obdachlosen Migrantinnen und Migranten als Schlafraum genutzt wird. Die Wände in diesem Gebäude sind voller schriftlicher Botschaften in Arabisch, Persisch und Englisch. Diese besondere Art von Graffiti haben wir – ergänzt um Ãœbersetzungen ins Bulgarische und Englische – Anfang September an verschiedene Wände im Sofioter Stadtzentrum projiziert. Wichtig war es uns, nicht im Namen dieser Menschen über sie zu sprechen, sondern sie beziehungsweise ihre Botschaften selbst sprechen zu lassen. Letztlich öffnen die Graffitis unserer Meinung nach einen interpretativen Raum, der nur durch Rückgriff auf den gesellschaftlichen und politischen Kontext geschlossen werden kann. In Sofia haben wir uns deshalb auch bemüht, zu möglichst jeder Veranstaltung auch Migrantinnen und Migranten aus Ovcha Kupel einzuladen – nicht wir sind schließlich die Migrationsexperten, sondern sie.

3. #gap: Leider können bei der Veranstaltung in München – das liegt in der Natur ihrer prekären politischen Situation – natürlich keine Migrantinnen und Migranten aus Ovcha Kupel anwesend sein. Generell haben wir uns dagegen entschieden, Fotos von Menschen zu zeigen. In der Projektion gibt es nur die Graffiti mitsamt der Übersetzungen zu sehen. Wir versuchen die entstehenden Lücken dann so gut wie möglich durch kleine Inputvorträge zu füllen – ganz schließen können werden wir sie aber nicht.

4. #local: Wir werden die Installation am 13. Oktober in den Räumen des Bayerischen Flüchtlingsrates zeigen. Zusätzlich gibt’s von uns Infos über EU-Grenzregime, Aktivismus in Bulgarien und Proteste in bulgarischen Flüchtlingslagern. Thematisch und politisch passt das gut in den Flüchtlingsrat – den Leuten dort fühlen wir uns außerdem freundschaftlich verbunden.

5. #support: Ohne die vielen Migrantinnen und Migranten aus Ovcha Kupel, die uns so offen begegnet sind und uns aus ihrem Alltag erzählt haben, wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Finanziell wurden wir von MitOst e.V. unterstützt, das Red House, eine tolle Sofioter Kulturinstitution, war uns eine große Hilfe. Last but not least sind da natürlich noch viele weitere Einzelpersonen und politische Kollektive (z.B. Adelante und Xaspel) in Sofia.

6. #life: Wenn wir nicht mit (Re)Positions beschäftigt sind, arbeiten wir (in München/ Budapest / Sofia) an der Uni, studieren noch oder schreiben an unseren Doktorarbeiten. Wir sind außerdem alle politisch aktiv, im antirassistischen Bereich und darüber hinaus.

7. #muc: Die Hälfte unseres Projektteams kommt aus München – und wie so viele in dieser Stadt verbindet die beiden mit München eine innige Hassliebe: München ist uns oft zu bonzig, engstirnig und verkrampft, obrigkeitshörig und repressiv. Dann aber gibt’s da noch das ‚andere‘, gechillte und gemütliche, kreative, unbequeme und politische München. Auch wenn dieser Teil nach unserem Geschmack ruhig etwas größer und lauter sein könnte – durchs rumjammern und nach Berlin ziehen wird’s auch nicht besser. Selbermachen ist die Devise…

8. #sex: Wenn unsere Ausstellung eine Person wäre, dann hätte sie viele Münder und Ohren, würde unzählige Sprachen sprechen und dies immer gleichzeitig. Und, wenn es nach unseren Wünschen gehen würde, hätte sie einen ‚Global Passport‘, oder würde in einer Welt leben die gar keine Pässe mehr braucht!

9. #links: Im Internet findet man uns auf unserem Blog. Dort finden sich alle Infos zum Projekt und den Veranstaltungen. Wir schreiben aber auch über aktuelle Ereignisse und posten Interviews, die wir in Ovcha Kupel geführt haben.

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