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Hilblestraße umbenannt – Update: Münchner Straßennamen: Ehre, wem Ehre gebührt?

Yannik Gschnell

Vor etwa einem halben Jahr haben wir bereits im Zuge der weltweiten Dynamik der kolonialgeschichtlichen Aufarbeitung über fragwürdige Münchner Straßennamen berichtet. Mit dabei war unter anderem auch die Hilblestraße, gelegen am Rotkreuzplatz, eine Straße mit dunkler NS-Vergangenheit.

Hier lässt sich ein Erfolg verkünden. So soll die Hilblestraße von nun an Maria-Luiko-Straße heißen. Friedrich Hilble war zwar selbst kein NSDAP-Mitglied, doch verweigerte er als Mitarbeiter des städtischen Wohlfahrts- und Jugendamtes Juden die Sozialhilfe und ließ gemäß des NS-Jargons als „asozial“ Eingestufte in Konzentrationslager sperren.

Anstatt des glühenden NS-Anhängers soll von nun an die Münchner Künstlerin Maria Luiko durch eine Umbenennung der Straße geehrt werden. Knapp 80 Jahre nach ihrer Ermordung durch ein Erschießungskommando der SS im heutigen Litauen, bekommt Maria Luikos Schicksal und Lebenswerk nun zumindest einen Teil der Anerkennung, die ihr zu Lebzeiten und weit darüber hinaus niemals zugesprochen wurde.

Als jüdische Künstlerin wurde die Absolventin der Akademie der bildenden Künste nach und nach vollständig aus dem öffentlich wahrnehmbaren Kunstleben gedrängt. Dennoch wirkte sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten im Münchner Raum weiter und veranstaltete gemeinsam mit anderen jüdischen Künstlern Ausstellungen und Theaterproben in ihrem Atelier.

Nachdem ihr auch die letzten Mittel genommen wurden, künstlerisch tätig zu bleiben, entschloss sich Maria Luiko das Land zu verlassen. Doch die Behörden, ganz im Sinne Friedrich Hilbles, stellten ihr keinen Reisepass aus. Die letzten bekannten Informationen über ihr Schicksal, dokumentieren ihre Deportation zusammen mit anderen Münchner Juden in das besetzte Kaunas (Litauen), wo Maria Luiko am 25. November 1941 gemeinsam mit allen anderen Insassen ermordet wurde.

Nach acht Jahren des Kampfes um eine Umbenennung der Hilblestraße hat sich der Ältestenrat des Stadtrats am vergangenen Freitag nun endlich einstimmig für eine Namensänderung ausgesprochen.

Das ist aber leider bei Weitem nicht die einzige Straße unserer Stadt, die schon viel zu lange falsche Vorbilder ehrt. Wenn du dich zu dem Thema informieren willst und einen kleinen Teil beitragen willst, für ein weltoffenes und humanistisches Münchner Stadtbild, will ich dir eine aktuell laufende Petition zur Umbenennung des Kolumbusplatzes und der Kolumbusstraße ans Herz legen. Den Link dazu findest du hier.

Im Anschluss der Orginalartikel vom 12.06.2020.


Fallende Bronzestatuen, gestürzte Kolonialhelden – Demonstrierende weltweit nehmen gerade die Neugestaltung ihrer Stadtbilder selbst in die Hand. Angefangen im Hafen Bristols mit dem Denkmal des Sklavenhändlers Edward Colston, bis hin zu den zahllosen, wie Dominosteine kippenden Christopher Kolumbus Götzen, kaum ein News Feed kann sich dieser wirkungsvollen Bilderflut entziehen.

Die Dynamik der fortwährenden BLM Proteste hinterlässt überall ein drängendes Gefühl des Handeln-Wollens. Was hier passiert, lässt sich nicht aussitzen. Zumindest nicht, solange WIR das Potential der Situation nutzen und sich der Einzelne nicht nach „getaner Arbeit“ dank der eigenen Privilegien in den Schutz eben dieser zurückzieht. Es muss viel getan werden.

Endlich bekommt die düstere Kolonialgeschichte jene breite Aufmerksamkeit, die ihr zusteht, weit über die blinde Ehrerbietung hinweg, die sie als Touristen-Magnet in den Metropolen des Westens genießt. Was in den fallenden Bronzekörpern einen visuellen Höhepunkt findet, geht aber auch viel unscheinbarer.

Zunächst vor der eigenen Haustür kehren

Auch das Münchner Stadtbild ist natürlich nicht frei von bedenklichen oder gänzlich unpassenden Ehrungen historischer Persönlichkeiten. Ein Blick ins Straßennamenverzeichnis der Stadt reicht, um Namen wie die Von-Erckert-Straße, die Dominikstraße oder die Wißmannstraße zu finden. Dahinter verstecken sich Gouverneure, Hauptmänner und Offiziere der berüchtigten deutschen „Schutztruppen“ in den damaligen Kolonien Ostafrikas. Sie beteiligten sich an Unterdrückung, Sklavenhandel, Hinrichtungen und im Falle Friedrich von Erckerts am Völkermord an den Herero und Nama.

Das Thema ist kein Neues und wurde so zum Beispiel zuletzt 2015 durch einen Stadtratsantrag „für die Untersuchung historisch belasteter Straßennamen“ der Münchner SPD in den öffentlichen Diskurs wiedereingeführt. Das Stadtarchiv erstellte daraufhin eine Liste mit über dreihundert bedenklichen Straßennamen. Bei rund vierzig davon besteht besonderer Diskussionsbedarf. Wie soll nun damit umgegangen werden?

Teil der Stadt, Teil der Identität

Straßennamen sind eine Ehrung. Sie sind ein Akt der Aufnahme in die kollektive Erinnerung und formen somit gesellschaftliches Denken und Handeln mit. Durch ihre Sonderstellung werden ihre NamensgeberInnen durch diese Aufnahme ins Stadtbild zur Münchner Identität erhoben. Gleichzeitig verwehrt man unterdrückten Stimmen damit eine ebenbürtige Darstellung. Somit entsteht ein einseitiges Geschichtsverständnis.

Die eingebrachten Maßnahmen reichen von der Umbenennung, bis hin zur Kontextualisierung der so repräsentierten Ideen und Taten. In vielen Fällen wurden bereits ergänzende Zusatztafeln unter historisch belasteten Straßennamen angebracht. So geschehen, zum Beispiel auch bei den drei oben genannten Kolonialherren. Doch warum überlässt man diesen Platz in unserer Stadt weiterhin falschen Idolen, anstatt durch eine Umbenennung ignorierten oder unterdrückten historischen Persönlichkeiten ihren Platz in der Geschichte zu gewähren?

Dagegen wirken vorgebrachte Argumente, wie die Beschwerlichkeit für Anwohnende, neue Briefköpfe zu drucken, fadenscheinig und bequemlich. Ganz anders muss allerdings mit der Mahnung der Geschichtsvergessenheit umgegangen werden, welche im Kontext von Umbenennungsdiskussionen immer wieder hervorgebracht wird.

Kontext schaffen statt Vergessen

Eine mit der Umbenennung einhergehende Löschung solcher Straßennamen wäre unhistorisch und Erinnerungen von Schrecken und Leid könnten damit aus dem kritischen Kollektivbewusstsein verschwinden. Das ist richtig. Doch könnte diese Erinnerung nicht in der Form von Mahn- oder Warnmahlen geschehen? Damit wäre die alltäglich so präsente Ehrung durch den Straßennamen wieder frei für progressive und befreiende Momente.

Nach einer Umbenennung reicht eine Ergänzung auf der angebrachten Zusatztafel, um der Vergessenheit zu entgehen. Beispiel: „Vormals Von-Erckert-Straße. Friedrich von Erckert, (1869 – 1908), Hauptmann und erster Kamelreiterführer der ehemaligen deutschen Schutztruppe in Ostafrika, der sogenannten Bayernkompanie. Er war beteiligt am Völkermord an den Herero und Nama.“

Im ersten Schritt braucht es nun ein öffentlich zugängliches Archiv aller Straßennamen, mit einer vollständigen Klärung der Hintergründe der Namensgebung. Außerdem sollte bei den über dreihundert als bedenklich eingestuften Straßennamen eine gesonderte Darstellung der Problematik eingefügt und ein geschichtlicher Kontext geliefert werden. In Ansätzen finden sich solche Archive bereits auf Websites, wie Stadtgeschichte München. Die Aufgabe liegt aber eigentlich beim Stadtarchiv, in Abstimmung mit dem Stadtrat.

Auch historisch lassen sich Lehren ziehen, so wurden in der Nachkriegszeit bereits ein Großteil der Straßennamen mit Nazivergangenheit aus dem Stadtbild entfernt (aber lange noch nicht alle: warum existiert die Hilblestraße noch heute?). Doch diese Umbenennungen waren nicht nur als Mittel der Entnazifizierung zu verstehen, sondern boten gleichzeitig Chancen zur Öffnung für unterdrückte Ideen und Anerkennung für humanistische VordenkerInnen aus einer inhumanen Zeit.

Wie geht es weiter?

Unser Stadtbild entwickelt sich historisch evolutionär weiter. Straßennamen sind ein Spiegel der Prioritäten unserer Gesellschaft. Ein Resultat aus der Dynamik der letzten Wochen ist das wachsende Verlangen nach einer Aufarbeitung und Perspektiverweiterung der historischen Komplexität. Mit welchen Namen wollen wir unsere Stadt schmücken? Welche Namen verunstalten das Stadtbild? Wie wollen wir in Erinnerung bleiben? Der Ball liegt beim Stadtrat, doch auch wir haben viel zu tun.


Beitragsbild: © Max Emrich

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