Hochhaus am Hirschgarten –Fotocredit: Tim Kohlschütter
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Hochhäuser als neue Statisten der Stadt?

MUCBOOK Magazin

von Tim Kohlschütter

Mit welchem Verkehrsmittel Besucher*innen München auch erkunden: mit Auto, Bus oder Bahn – nicht zu übersehen sind die neuen Statisten der Stadtlandschaft: Hochhäuser. Sie sind das neue Aushängeschild der Stadt und stehen für Modernität und Entwicklung. Ob die Bavarian Towers von Nieto Sobejano am östlichen Stadttor, die Highlight Towers im Norden, entworfen von Helmut Jahn, oder die Gebäude um Kap West von Wiel Arets an der Friedenheimer Brücke.

All diese neuen Bauten sind ein Indiz dafür, dass sich trotz immer wiederkehrender Hochhausdebatte die Münchner Stadtlandschaft im Wandel der Zeit langsam aber dennoch beständig in die Höhe entwickelt. Trotzdem gibt es bei jedem weiteren Gebäude, das auf dem so kostbaren Münchner Stadtboden gebaut wird, wieder Diskussionsbedarf. Ob es zu hoch oder zu niedrig ist. Ob das zu München und seiner traditionsschweren Auffassung von Identität passt oder nicht. Aber ist die Debatte überhaupt noch zeitgemäß? Ist die Münchner Stadtkultur wirklich durch Hochhäuser gefährdet? Oder sollten sich die Münchner*innen nicht eher die Frage stellen, inwieweit bestehende und gewohnte Qualitäten bei einem jährlichen Zuwachs von bis zu 13.000 Menschen überhaupt noch zu halten sind, ohne sich der Möglichkeit von vertikalem Wohnund Arbeitsraum zu bedienen?

Hochhäuser schaffen Freiräume

Das Kap West an der Friedenheimer Brücke – Fotocredit: Tim Kohlschütter
Das Kap West an der Friedenheimer Brücke – © Tim Kohlschütter

Hochhäuser gefallen sicherlich nicht jedem, dürfen aber bei einer Diskussion über nachhaltige Stadtentwicklung nicht fehlen. Im Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen von 1987 wurde diese so definiert: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die gewährt, dass künftige Generationen nicht schlechter gestellt sind, ihre Bedürfnisse zu befriedigen als gegenwärtig lebende.“ Um eine Diskussion über nachhaltige Stadtentwicklung auf einem möglichst gemeinsamen Nenner zu führen, könnte man dieses Zitat wie folgt aktualisieren: „Nachhaltige Stadtentwicklung ist eine Entwicklung, die gewährt, dass künftige Stadtbewohnerinnen nicht schlechter gestellt sind, ihre Bedürfnisse zu befriedigen als gegenwärtig lebende.“

Eine nachhaltige Stadtplanung und Hochhäuser schaffen mehr freie Räume für die Bewohnerinnen einer Stadt. Und freie Räume kann München gut gebrauchen: Noch vor einigen Jahren war der Monat August der Geheimtipp, um München in seiner ursprünglichen Gemütlichkeit genießen und erleben zu können. Inzwischen hört man von vielen alteingesessenen Stadtbewohnerinnen, dass nicht einmal mehr diese Wochen der Stadt eine kleine Auszeit zum Verschnaufen gönnen. Ist also der Zeitpunkt, wo München an Gemütlichkeit eingebüßt hat, schon gekommen? Gerade deshalb sollten wir versuchen, die noch bestehenden Freiräume für zukünftige Generationen zu wahren, oder im besten Falle noch zu steigern. Nun ist klar, dass die Gebäudehöhe nicht das alleinige Kriterium für eine nachhaltige Stadtentwicklung und mehr Freiräume ist. Dennoch sind höhere Gebäude neben Verkehrs- und Energiepolitik, sozialen und ökologischen Aspekten eine entscheidende Maßnahme, um nicht noch mehr wertvolle Freiflächen zu versiegeln, deren Potenziale auch anders ausgeschöpft werden könnten.

Ob es bei der Hochhausplanung immer ganz hoch hinaus gehen muss, wie es aktuell das Schweizer Architekturbüro Herzog & De Meuron für das ehemalige Postareal in Neuhausen vorschlägt, sei mal dahingestellt. Höhere Hochhäuser schaffen nämlich nicht unbedingt mehr bezahlbaren Wohnraum: Spätestens ab 60 Metern Gebäudehöhe fällt Wohnraum aufgrund der hohen Infrastrukturkosten in ein Preissegment, das sich normale Bürger innen oft nicht mehr leisten können. Deshalb sind solche Gebäude sicherlich kritisch zu sehen. Auch wenn 20-30 Euro/ m² im internationalen Vergleich als üblich gelten, und für IT-Entwickler*innen aus den Reihen der großen Tech-Konzerne ohne große Überlegungen gezahlt werden. So helfen diese städtebaulich sehr interessanten Projekte leider keineswegs der Münchner Familie bei ihrer Suche nach einer wohnlichen 3-4 Zimmerwohnung.

Nachhaltigkeit bedeutet auch: Bezahlbarer Wohnraum

Nur hoch allein reicht also nicht: Das Schaffen von bezahlbarem Wohnraum für „Normalverdiener* innen“ ist ein weiterer zentraler Bestandteil von nachhaltiger Stadtentwicklung. Denn: nur wenn diese Zielgruppen bei der Planung berücksichtigt werden, kann das oben zitierte, essentielle Bedürfnis der künftigen Generationen erhalten bleiben: bezahlbarer Wohnraum als Grundlage jeglichen kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. Hier ist auch die Stadt als Akteurin gefragt. Nur besitzt die Stadt München nicht mehr allzu viele eigene Grundstücke in einer angemessenen Größenordnung, um einen spürbaren Ausgleich zur hochpreisigen Immobilienentwicklung zu schaffen. Der Wunsch nach einem Wachstumsstopp, wie er vereinzelt in der Politik laut wird, ist sicherlich ein falscher und wohl auch nicht durchzusetzender Ansatz, um städtische Qualitäten nachhaltig zu erhalten. Viel mehr liegt es an der Politik und den zuständigen Stadtplanerinnen, die, wenn auch sehr komplexen und schwierigen Aufgaben, in einer Art und Weise zu moderieren, dass altbewährte Qualitäten erhalten bleiben, ohne aktuelle Entwicklungen zu blockieren.

Hochhaus am Hirschgarten –Fotocredit: Tim Kohlschütter
Hochhaus am Hirschgarten – © Tim Kohlschütter

Ein Beispiel für städtebauliche Entwicklung unter der Federführung der Stadt München gibt es aktuell in Freiham. Ob dieses Projekt vor den Toren der Stadt ausreichend attraktiv ist, um innerstädtisches Wohnen zu entlasten, wird sich mal wieder erst dann zeigen, wenn alle Gebäude gebaut und die zukünftigen Bewohnerinnen eingezogen sind. Hat die Stadt München aus den Erfahrungen der vergleichbaren städtebaulichen Entwicklung an der Messe Riem lernen können? Sind Straßenräume nachhaltig genug gedacht, um auch zukünftigen Mobilitätskonzepten gerecht zu werden? Wurden die Geschosszahlen mutig genug festgesetzt, um eine positive Urbanität erzeugen zu können? Sind ebenerdige Gewerbeflächen in ausreichender Zahl vorhanden und so verortet, dass sich ein kommunikatives Leben auf der Straße entwickeln kann?

Fassaden und Dächer als Chance für biologische Diversität

Neben bezahlbarem Wohnraum und dem Erhalt von Freiräumen innerhalb der Stadtstruktur ist auch der Schutz der biologischen Vielfalt eine wichtige Aufgabe im Bereich städtischer Nachhaltigkeit. Hierbei können Fassaden und Dachbegrünungen eine entscheidende Rolle spielen. In anderen Städten gehört dieses Potenzial bereits zum alltäglichen Stadtbild, in München lassen Gebäude mit Fassadenbegrünung oder üppiger Dachbegrünung noch immer auf sich warten. Das von Schluchtmann Architekten in Bogenhausen geplante Hochhaus mit einer begrünten Fassade ist ein Lichtblick in den sonst immer gleichen Geometrien der Hochhausfassaden. Grüne Fassaden und Dächer sind nicht nur für das Auge desder Betrachterin ein Mehrwert. Sie speichern CO2 und bieten gleichzeitig einen Lebensraum für Kleintiere, der zwischen den sonst so grauen Fassaden nicht möglich wäre. Auch die Dachbegrünung bietet hohe Potenziale, um einen Beitrag zur Verbesserung des Stadtklimas zu leisten. Hier sind sicherlich, neben den entsprechenden Festsetzungen der Stadt, die Bauherrinnen und zukünftigen Nutzerinnen angehalten, innovative Konzepte in Auftrag zu geben und diese dann mit einem entsprechenden Budget für die kommenden Jahre zu sichern.

Die Stadt München hat bei der Schaffung von Baurecht in den letzten Jahren ihre Hausaufgaben gemacht. Mehr aber auch nicht. Somit ist keinerlei Entspannung auf dem Wohnungsmarkt in Sicht. Im Gegenteil: Die Aufgaben werden immer größer und komplexer. Man kann sich nur wünschen, dass München zukünftig bei städtebaulichen Projekten noch mutiger voraus geht und Neues wagt. Denn nicht selten sind Entwicklungen, die im Moment des Entstehens vielleicht als unpassend oder fehlerhaft abgestempelt wurden, heute genau die Orte, an denen urbanes Leben stattfindet und sich Kreativität und Lebensqualität entfaltet. Und diese Kreativität schafft neue Impulse für gesellschaftliche und nachhaltige städtebauliche Entwicklungen der Zukunft.


Zum Autor: Tim Kohlschütter, Jahrgang 1979, hat nach seiner Ausbildung zum Landschaftsgärtner an der HCU Hamburg Stadtplanung und an der TU Berlin Landschaftsarchitektur studiert. Seit 2019 ist er Büroinhaber von 317 Landschaftsarchitektur und gestaltet für unterschiedlichste Projekte im Bereich Stadtplanung und Landschaftsarchitektur öffentliche Räume.

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