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In einer Stadt bin ich immer Gast – Johan Simons über die „gute Stadt“

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In der dritten Runde der Reihe „Urban Places – Public Spaces“ dreht sich die Diskussion um die Frage „Was ist eine gute Stadt?“ Diskussionspartner aus drei verschiedenen Städten sprechen über Stadt, Kunst und urbane Aktionen. Mucbook sprach vorab mit Johan Simons, dem Intendanten der Münchner Kammerspiele, über das Theater und die Ziele eines holländischen Bauernsohnes.

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Mucbook: Was kann das Theater zur guten Stadt beitragen?

Johan Simons: Ein Theater ist dafür da, viele Menschen zusammen zu bringen. Es soll Dinge zeigen, die die Zuschauer fordern, die sie dazu bringen, sie zu hinterfragen, die sie in Bewegung bringen. Deshalb ist es wichtig, dass es Theater gibt. Aber ich habe auch 15 Jahre lang Projekte auf dem Land umgesetzt, um meine eigene Sprache zu entwickeln. Wir haben in Fabriken gespielt und die Zuschauer mussten erst eine Reise dorthin machen. Ein Theater sollte nicht nur der Ort sein, an dem es steht. Ich wünsche mir für die Kammerspiele schon hin und wieder, dass sie nicht inmitten von Schickimicki-Läden stehen. Das ist manchmal lästig.

 

Sollten die Kammerspiele verlegt werden?

Man braucht das Gebäude, weil die Leute es kennen und deswegen kommen. Aber ich habe wie gesagt auch schon Projekte in Kirchen und außerhalb der Stadt gemacht. Denn das große Ziel in meinem Leben war es, Leute ins Theater zu bringen, die nie ins Theater gehen würden. Deswegen war ich auch so oft an Orten, die kein Theater waren. Das ist schön. Man wird dort mit der Realität konfrontiert. Doch ich muss leider sagen, dass es mir nicht gelungen ist, es zu erreichen.

München ist, wie Gerhard Polt schon gesagt hat, ein Einzugsgebiet der Millionäre. Und die Münchner Kammerspiele versuchen, gegenzusteuern. Ich bin der Meinung, dass ein Theater immer ein Ausschnitt von einer Stadt als Ganzes sein muss.Es herrscht auch ein größerer Mix am Theater, aber es könnte noch besser sein Ich wünsche mir mehr Sprachen, mehr Nationalitäten, besonders auch unterschiedliche Hautfarben.

 

Was trennt die Münchner von ihrer Stadt?

Viele Menschen leben weit vom Zentrum entfernt. Sie wissen nicht, dass hier ein Theater steht. Wenn ich am Stadtrand wohne, kann es auch Geld sein, dass mich von meiner Stadt trennt oder Unwissenheit. Ich muss auch Interesse haben, mich mit ihr zu beschäftigen. Und dann gibt es natürlich noch die totale Verweigerung, über die schon Foucault geschrieben hat: Was hat denn Kunst mit mir zu tun?

 

Wie leben Sie in München?

Eine Stadt bleibt für mich immer etwas Fremdes, ich bin ein holländischer Bauernsohn. Ich finde es schön, wenn ich reinkommen darf, aber auch schön, wenn ich wieder raus bin. Ich bleibe immer Gast. Obwohl ich eine wirklich schöne Wohnung habe in der Nähe des Gärtnerplatzes. Die liegt in Richtung Innenhof, wie man das in München häufig hat. Jeden Morgen laufe ich eine Stunde an der Isar entlang, für meine Gesundheit. Aber ich muss immer lachen, wenn die Leute von der Isar als Fluss sprechen – die Isar ist ein kleiner Bergbach! Die ist schön, aber dort, wo mein Haus in Holland steht, mitten auf dem Land, dort gibt es einen Fluss, auf dem 24 Stunden lang Bootsverkehr ist. Der ist kräftig, stark und bewegt etwas.

 

Ihr Nachfolger Matthias Lilienthal will mit dem Stadtraumprojekt Shabbyshabby Apartments das Thema Wohnen in München aufgreifen. Was halten Sie von dem Konzept?

Ich finde die Aktion sehr gut. Die Diskussion über solche Themen ist ganz wichtig. Ob es etwas bringt, ist eine andere Frage, aber man muss es immer wieder versuchen. Außerdem bringen solche Aktionen das Theater den Menschen näher. Es soll nicht wie eine Firma in der Stadt stehen, so undurchsichtig. Ich wünsche mir ein Theater aus Glas, damit die Menschen sehen, was sich drinnen abspielt, neugierig werden und sich hinein trauen. Wir bekommen so viele Steuergelder, dann soll auch eine breite Öffentlichkeit etwas davon haben.

 

Was erwarten Sie von der dritten Diskussionsrunde?

Ich habe keine Erwartungen, aber ich bin gespannt darauf, was die Experten in den anderen Städten zu sagen haben über das Zusammenleben verschiedener Schichten. Ich habe den Eindruck, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht. Das wird durch das geplante Freihandelsabkommen noch schlimmer werden. Das ist der Ausverkauf unserer Kultur.

Ich bin auch gespannt auf die Teilnehmer aus Rotterdam. Ich bin in der Nähe von Rotterdam geboren und habe den Eindruck, dass die Rotterdamer mit ihren Kriegserlebnissen ganz anders umgegangen sind als München. Auch Rotterdam wurde im zweiten Weltkrieg zerbombt, aber sie haben nicht wie München schnell wieder alles aufgebaut, sondern haben erst mal Leere zugelassen, sind alles viel ruhiger angegangen. So ist ein schönes Gebäude nach dem anderem entstanden.

 

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3. Debatte: Rotterdam//Johannesburg//München

Sonntag, 26. April, Münchner Kammerspiele

Karten gibt es hier.

 

Fotocredits: Judith Buss

Interview: Sarah Weiß

1Comment
  • Karl Schillinger
    Posted at 21:43h, 24 April

    Der Herr Simons ist hier wirklich ehrlich, zeigt aber auch das Problem vom Stadtleben auf. Bei täglich über 600.000 (sechshunderttausend) Pendlern in der Stadt, die teilweise weit her aus dem Umland der Metropolregion München zur Arbeit kommen, ist keine enge Bindung an die Stadt und das Stadtleben zu erwarten. Die sind abends froh, wieder in ihren Schlafdörfern zu sein. Genauso geht es den Leuten in den verschiedenen Stadtvierteln, alle wollen im kleinen Umfeld nach Feierabend mit ihren engsten Vertrauten feiern. Als geborener Münchner, der ich bin, gehört man ja schon fast in den Tierpark zur Ausstellung, weil es bei etwa 1,7 Millionen Bürgern in München nur noch ca. 100.000 von uns gibt. Bei den hohen Miet- und Kaufpreisen der Wohnungen kommt noch der soziale Unterschied der Menschen in der Stadt zum tragen und so triftet die „Stadtgesellschaft“ immer weiter auseinander. Dies wird noch riesige soziale Spannungen in der Stadt bringen.

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