Leben

Istanbul in Deutschland

Jana Edelmann
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Die Münchnerin Jana Edelmann schreibt für mucbook über das Leben in einer fremden Metropole. Istanbul auf mucbook. Mit offenen Augen. Und bayerischem Herzen. Kolumne 5: Einladung zum spätsommerlichen Streifzug durch die deutschen Istanbuls

Auf Heimatbesuch in Deutschland –  und Istanbul war trotzdem nie ganz weg: immer wieder ist die Stadt aufgeblitzt in der deutschen Alltagskultur, zwischen Sehnsuchtsvorstellungen einer Schmelztiegelstadt und Vorurteilen gegenüber „den Türken“.

Station 1: Die Weltenbrücke, in der sich Orient und Okzident vereinen.
Angetroffen habe ich diese multikulturelle, den Clash of Cultures überwindende Stadt  in euphorischen Zeitungsartikeln und romantisch-weichgezeichneten Tourismusanzeigen. In Istanbul selber ist mir dieser zivilisations-übergreifende Wind aber nicht besonders stark entgegen geblasen. Ja, die Meerenge zwischen den beiden Kontinenten eröffnet ein atemberaubend schönes Panorama, das mich jedes Mal wieder in Staunen über die Schönheit dieser Stadt versetzt.  Und ja, Millionen überqueren täglich den Bosporus und pendeln zwischen dem asiatischen und dem europäischen Stadtteil. Diese Lebensrealität taugt aber trotzdem nicht zur Utopie einer Schmelztiegelstadt, in der Morgenland und Abendland zur aufregenden Synthese verschmelzen. Istanbul ist nämlich vor allem und erst einmal eine türkische Stadt mit türkischen Einwohnern, egal auf welcher Seite der Stadt. Inzwischen stammen die meisten von ihnen übrigens aus anatolischen Dörfern. Konstantinopel war eine Stadt der Minderheiten, seit der Gründung der Türkischen Republik 1923 sind die osmanischen Griechen, Armenier und sephardischen Juden aber systematisch aus der Stadt vertrieben worden.
Die geografische „West-Ost“ Dichotomie, die so gern in die kulturelle Gegenüberstellung „modern-rückständig“ übersetzt wird, hängt aber ohnehin schief: Die traditionell-islamischen Viertel der  morschen Holzhäuser und konservativen Kaffeehäuser liegen vor allem auf der europäischen Seite. Der asiatische Teil ist dagegen bekannt für moderne Apartmentblocks mit privatem Sicherheitsservice und für den Boulevard Bağdat Caddesi, auf dem sich mehr Starbucks-Filialen befinden als in manch deutscher Innenstadt.

Blick von der europäischen auf die asiatische Seite Istanbuls

Blick von der europäischen auf die asiatische Seite Istanbuls

Station 2: Das Döner-Paradies
Ein Spaziergang durch eine x-beliebige deutsche Innenstadt läuft inzwischen ja schon fast zwangsläufig an gefühlten 100 Dönerbuden vorbei. Daran ist eigentlich nichts bemerkenswert, schon klar. Zum Schmunzeln gebracht hat mich dann aber doch das „Topkapi Kebab Haus“: Nun muss also schon der sagenumwobene Sultanspalast, Sitz der Hohen Pforte des Osmanischen Reichs, legendärer Tatort intriganter Machenschaften der Haremsbewohner, als Namenspatron für einen Fastfood-Imbiss herhalten. Und das, obwohl der Döner doch angeblich in Berlin erfunden wurde (und die Osmanen-Dynastie bestimmt auch keinen Döner auf dem Speiseplan hatte). Aber die wurde ja sowieso aus dem Land gejagt, und inzwischen dreht sich fast an jeder Ecke Istanbuls ein Fleischspieß. Allerdings ohne die bei uns so charakteristischen knoblauchschwangeren Geruchsschwaden – Döner á la Istanbul gibt’s nämlich nur mit Sauergurke, Tomate und Pommes.

Fastfood mit Sultansreferenz

Fastfood mit Sultansreferenz

Station 3: Der Problembezirk „Klein-Istanbul“
Duisburg-Marxloh, Neukölln und Kreuzburg  sind in diesem Sommer während der „Migrationsdebatte“ um „die Muslime“ wohl zu den meist zitierten deutschen Stadtvierteln avanciert, bekannt für ihren hohen Ausländeranteil, berüchtigt für ihre sozialen Spannungen. „Problembezirke“ wurden sie genannt im Politikerjargon, „Klein-Istanbul“ sei das doch, ertönte es dumpf aus dem Volksmund. Aha. Na, dann bin ich aber froh, dass ich jetzt wieder in „Groß-Istanbul“ bin.

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