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Jammern an den Kammerspielen – eine Premierenkritik

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es war ein starkes Stück, das uns Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele, da mit seiner ersten eigenen Regiearbeit an seinem Haus vorgesetzt hat: Zum Bersten voll war die Kammer 2 am Sonntagabend zur Uraufführung von „Welches Theater braucht München?“, einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Stadttheater, hervorgerufen durch die Kündigung dreier Schauspielerinnen und einem abgesagten Stück.

Die erwartungsvollen Zuschauer wurden nicht enttäuscht:

Vorhang auf!

Ohne viel Tamtam betreten die Hauptdarsteller die spartanisch post-postmodern gestaltete Bühne (fünf Stühle, Wassergläser, Mikrofone), wie an einer Perlenschnur aufgezogen: Matthias Lilienthal als shabby-schicker Intendant, stilecht in Hoodie und Schlabberjeans; die fiese Kritikerin aus dem Lokalfeuilleton, mit Angriffslust in den Augen (Christine Dössel, SZ); der angegraute, trotz leichter Zerstreutheit souveräne Ruhepol in der Rolle des Moderators in der Mitte: Michael Krüger (Bayerische Akademie der Schönen Künste); stilecht der Kulturjournalist des lokalen Revolverblatts, immer auf der Suche nach dem nächsten Skandal: Robert Braunmüller. Und nicht zuletzt: Annette Paulmann, als Schauspielerin des Ensembles der Münchner Kammerspiele (ein absoluter Besetzungs-Treffer!).

Dicke Luft

Die Mischung verspricht Zündstoff, Erregung liegt in der Luft in Erwartung dessen, was dieser postdramatische Theaterabend wohl zeigen mag. Für einen ersten hochemotionalen, ergreifenden Moment sorgt die Kritikerin Christine Dössel mit ihrer Jeremiade über den Verfall dieses traditionsreichen Hauses. Wortreich beklagt sie den Kurs der Kammerspiele weg vom Schauspieltheater, hin zum Diskurstheater (versinnbidlicht in dem herrlich postmodernen Satz „Ein Theater ist immer noch ein Theater und sollte Theater machen“). Von enttäuschter Liebe ist viel die Rede und von den guten alten Zeiten (bei solchen Gelegenheiten ist auch die CSU immer bereit, in die Bresche zu springen, wir kennen das), als an den Kammerspielen noch richtige Schauspieler engagiert waren.

Das sitzt: In einem Streich ein gesamtes Ensemble abgewatscht!

Schützenhilfe folgt auf dem Fuß vom ganz schön investigativ nachbohrenden Robert Braunmüller (AZ), der felsenfest von einer Krise überzeugt ist, seit die drei Schauspielerinnen gekündigt haben, vor allem aber seit das geplante Houllebecq-Stück ins Wasser gefallen ist, weil der Regisseur sich aus dem Staub machte. Ganz im Stile der aktuell so beliebten Postfaktizität ist Braunmüller überzeugt davon, dass die Auslastung der Kammerspiele bei unglaublich tiefen 60 Prozent liegen muß – da kann der Chef des Hauses noch so dagegenhalten und die Fakten auf den Tisch legen: Bei 73 Prozent lag die Auslastung bei 153’000 Zuschauern. Aber das will an dem Abend niemand hören, denn Krise verkauft sich immer besser als Erfolg.

Im Jammertal angelangt

An dieser Stelle verliert der Abend zunehmend an Fahrt und es wird deutlich, wie flach die Charaktere dieses Stücks dann eben doch gezeichnet sind: Hier die bitterlich enttäuschten Kritiker, die sich das Theater von gestern wieder herbeisehnen – dort der hippe Intendant aus der Großstadt, der angetreten ist um ein bisschen frischen Wind in die Bude zu bringen.

Doch dann folgt der Geniestreich: Publikumsdiskussion! Sich entladender Volkszorn!

Eine kleine Auswahl:

-eine Vielzahl älterer Herren (Abonnenten, Mitglieder im Förderverein): „Wir möchten unser Sprechtheater wiederhaben. Sprechtheater! Schiller! Büchner! Shakespeare meinetwegen oder die alten Griechen!“ Gebt uns etwas, das wir bereits kennen!

-ältere Dame, Pelzkragen, dicke Klunker, pflichtet der Kritikerin bei (sie ist eine Freundin) und schmettert dem Intendanten empört entgegen: „Hallöchen, dieses Performance-Theater ist echt langweilig!“

-jüngere (hippere) Leute: Vielfalt, Neues, Abwechslung! Ist doch gut! 

Und der Höhepunkt: Eine sichtlich bewegte Frau greift zum Mikrofon. Sie sei seit 30 Jahren Kammerspiel-Gängerin und sei jetzt so richtig enttäuscht. Bald lässt sie das Mikrofon Mikrofon sein und brüllt sich gen Bühne die Wut aus dem Leib, dass es nur so kracht. Wow! Spektakel!

Schön, dass wir darüber geredet haben

Mittendrin sitzt der Intendant, verteidigt seine Arbeit, lässt wie nebenbei fallen dass er es war, der damals Christoph Schlingensief entdeckt hat und es auch mehrere Jahre dauerte, bis die Kritiker und das Publikum dessen Genie erkannten. Schützenhilfe kriegt er von anwesenden Schauspielern (im Publikum: Thomas Hauser, Julia Riedler) und auf den Punkt bringt es dann Annette Paulmann: „Wir im Ensemble machen keinen Unterschied zwischen Tänzern, Performern oder Schauspielern. Wir sind eine Truppe.“ Größte Mühe hat sie mit der kapitalen Kritik, wie sie in den letzten Wochen von den Medien geäußert wurde: „Ihre Artikel hatten eine ganz komische, negative Richtung. Sowas verstehe ich nicht unter Recherche“.

Das Fazit

Es war ein wahrhaftiger Sturm an Kritik, der da über die kleine Bühne der Kammer 2 hereinbrach, der sich jetzt über Wochen zusammenbraute und sich endlich entladen konnte. Und das zeigt vor allem eines: Matthias Lilienthal ist ein starkes Stück gelungen, denn genau das ist es doch, was ein Theater will (und auch soll): Für Diskussionsstoff sorgen, zum Nachdenken bringen und den Diskurs einer Stadt mitprägen. Ein schöner Nebeneffekt des Ganzen, wie Lilienthal bemerkt, ist dass die Tageskassen in den letzten Wochen regelrecht überrannt wurden.

In dem Sinn: Ein absolut gelungener Abend!

Update: Ein sehr hörenswerter Beitrag von Deutschlandradio Kultur zu dem Abend.


Beitragsbild: Jan Krattiger

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