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Kennen wir uns? Wie viel weiß ich über meine Freund*innen und wie viel wissen sie über mich?

Carina Eckl

Vor ein paar Monaten habe ich ein Interview mit Haruki Murakami gelesen. Seine Antworten waren faszinierend, aber was mir wirklich in Erinnerung geblieben ist, war der Gedanke, dass es richtige Fragen gibt. Die Fragen des Interviewers waren ein Schuss ins Schwarze: präzise, informiert, vielschichtig – es war klar, dass er sich mit Murakamis Werk und ihm als Person wirklich auseinandergesetzt hat.

Das ist genau das, was ich mit meinen eigenen Fragen gerne kommunizieren will: „Ich will dich verstehen.“ Seit ich denken kann, beschäftigt mich das – verstehen und verstanden werden – und: Haben andere auch einen einsamen Ort in sich, zu dem niemand vordringt?

Und obwohl mir immer am wichtigsten war, meinen Freund*innen zu vermitteln, dass ich mit ihnen mitfühle und ihren einsamen Ort besuchen will, ist mir durch ein neues Schreibprojekt klar geworden, dass ich trotzdem noch wachsen kann. 

Jeder hat sein eigenes Schneckenhaus

Ich weiß, dass Menschen manchmal wie Schnecken sind und sich in ihren Häusern verstecken. Damit sie aus ihrer Höhle kommen, muss man manchmal vorsichtig hinein flüstern, geduldig warten. Oder eben die richtigen Fragen stellen.

Ich war eines der nervigen ‚Warum‘-Kinder, deswegen war Nachfragen für mich immer das natürlichste, intuitivste Kommunikationsverhalten der Welt. Aber nur weil es hundert Mal gut klappt, heißt das nicht, dass es immer so ist. 

Die ursprüngliche Idee meines Projekts war, das Leben einer berühmten Feministin aufzuarbeiten. Im Schreibprozess ist mir aber klar geworden, dass mir diese Herangehensweise zu unpersönlich ist, eben wie halb erzählte Lagerfeuergeschichten. Also bat ich meine Freund*innen, mir stattdessen ihre Perspektive auf Feminismus zu schildern. Die meisten ihrer Gedanken kannte ich schon – wir reden viel, wir fragen viel – so hatte ich es erwartet. Allerdings hatte ich mit zwei Aspekten nicht gerechnet.

Zum einen war ich überwältigt von der Menge der verschiedenen und vor allem persönlichen Erfahrungen und Themen, die meine Freund*innen mit mir teilten – rassistische Diskriminierung, Mental Health, Schönheitsideale, queer sein, anders sein. Zum anderen kamen auch Details zum Vorschein, von denen ich nichts wusste und die mich ehrlich erschütterten. Sie fühlten sich an wie kaltes Wasser im Gesicht, Scherben im Kopf.

Ich fragte mich, ob ich nicht oft genug, nicht sensibel genug in das Schneckenhaus meiner Freund*innen hineingeflüstert habe. Ich weiß aber auch, dass es manchmal nichts Schwierigeres gibt, als Antworten zu finden und sich verletzlich vor anderen zu machen. 

„Ich kann doch eh nichts bewirken.“

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es langsam normaler wird, offen über Diskriminierung zu sprechen, über schwierige Themen. Gleichzeitig bleiben die Diskussionen leider manchmal nur oberflächlich oder den Betroffenen wird nicht wirklich zugehört. Als gefühlt mickriger Teil eines unübersichtlichen Ganzen fühlt man sich in diesem riesigen Sturm von negativen Nachrichten (looking at you 2020) oft hilflos und überfordert. Kann man als Einzelner überhaupt etwas bewirken?

Mit dieser Frage will ich mich in den nächsten Wochen beschäftigten. Denn ich denke, es kann schon ein Anfang sein, sich zu fragen: Wie gut kenne ich meine Freund*innen? Und vielleicht auch: Wie gut kennen sie mich? Ich habe mit Sicherheit ebenfalls ein Schneckenhaus, in dem ich mich verkrieche. 


Beitragsbild: Unsplash/Gemma Chua Tran

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