Kultur, Nach(t)kritik

Kultivierter Schwachsinn im Künstlerhaus

Corinna Klimek

Ich reise gerne, gehe oft ins Musiktheater und lese viel. Manchmal kombiniere ich auch alles miteinander. Seit 7 Jahren schreibe ich darüber unter www.nacht-gedanken.de

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Operette ist „vorsätzlicher Schwachsinn mit erzieherischem Effekt“ soll Karl Kraus einmal sinngemäß gesagt haben. Das Publikum im Künstlerhaus bei der Premiere der beiden Operetten-Einakter „Die schöne Galathée“ und „Häuptling Abendwind“ der Münchner Kammeroper hatte jedenfalls seinen Spaß und auch die kleinen bissigen Seitenhiebe durchaus richtig verstanden.

Auf den ersten Blick haben die Operetten nicht viel gemeinsam, obwohl  beide in etwa zur gleichen Zeit entstanden sind. „Die schöne Galathée“ stammt vom österreichischen Komponisten Franz von Suppè und wurde 1865 in Berlin uraufgeführt. In ihr erwacht eine Statue zum Leben, nachdem ihr Erschaffer sich unsterblich in sie verliebt hat.  Allerdings ist sie ein wenig nymphoman veranlagt und vernascht nicht nur den Bildhauer, sondern auch noch seinen Diener und seinen Mäzen. Enttäuscht wünscht er sich ihre Rückverwandlung, die ihn auch prompt gewährt wird, und verkauft das undankbare Luder an seinen Mäzen. „Häuptling Abendwind“, eine Komposition des französischen Operettenspezialisten Jacques Offenbach wurde 1857 in seinem Theater Bouffes-Parisiens uraufgeführt. Der Häuptling der Groß-Lulu steht vor dem schwerwiegenden Problem, was er seinem Staatsgast Häuptling Hasenzahn vom Stamme der Papa-Tutu vorsetzen soll, denn leider ist die Vorratskammer leer, weil sich schon lange kein Fremder mehr auf die Insel verirrt hat und Menschenfleisch leider rar ist. Da kommt es doch ganz gelegen, dass ein Fremder durch einen Sturm angespült wird. Des Häuptlings Tochter verliebt sich in ihn und ihr Vater plant schon das Menü. Am Ende geht natürlich alles gut aus und ein paar schöne Lieder kommen dabei auch noch vor.

Regisseur Dominik Wilgenbus verlegte das erste Stück in die Entstehungszeit in ein Künstleratelier in Paris, das zweite spielt zur gleichen Zeit auf der anderen Erdhalbkugel. Er verband die beiden Stücke auf vielfältige Weise, so dass ihr innerer Zusammenhang gut herauskam. Dabei hat er viele kleine Gags eingeflochten und behutsam modernisiert. Besonders gefallen hat mir das Couplet über die Griechen im ersten Teil. Die Kostüme (Uschi Haug) waren fantasievoll, das Bühnenbild (Peter Engel) für beide Teile das gleiche, eine etwas erhöhte, schräg gestellte Fläche, die gute Sicht ermöglichte . An beidem sah man deutlich, dass man auch mit wenigen Mitteln die Fantasie des Zuschauers anregen kann.

Vladimir Genin hatte sich des ersten Stückes als Arrangeur angenommen, für den Häuptling zeichnete Alexander Krampe verantwortlich. Beide Umsetzungen haben mir gut gefallen. Das Orchester der Kammeroper München wurde wieder mit einem Akkordeon verstärkt, es ist schon erstaunlich, dass man es kaum heraushört, es aber doch für den satten Klang verantwortlich ist.

Musikalisch war es wirklich vom allerfeinsten. Die Leitung des orchesters der Kammeroper München lag in den bewährten Händen von Nabil Shehata und er brachte sowohl Walzerseligkeit als auch spritzige Couplets gleichermaßen gut zur Geltung. Bei den Sängern ist vor allem Elisabeth Pratscher zu nennen, sowohl ihre Galathée wie auch die Häuptlingstochter Atala waren ein musikalisches und darstellerisches Zuckerl. Aber auch ihre männlichen Kollegen Mathias Frey, Georg Führer und Maximilian Nowka glänzten in ihren verschiedenen Rollen ebenso wie der Puppenspieler Moritz Trauzettel.

Ein beschwingter Abend mit leicht kritischem Unterton – so ist die alte Dame Operette für die Zukunft gerüstet!

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