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Tosca: So düster und brutal ist die Revolution

Sandra Langmann

Auslandsösterreicherin mit einer Vorliebe für München, Schreiben, Kaffee und Me(eh)r.
Sandra Langmann

Wie viel Schmerz kann ein Mensch eigentlich ertragen? Gefühlsmäßig und körperlich. Das fragt man sich vor allem, wenn Tosca – gesungen von der russische Sopranistin Oksana Sekerina – erschöpft am Boden der Bühne des Gärtnerplatztheaters liegt und ihren Kummer in die Welt trägt. Sie entging knapp einer Vergewaltigung, ihren Geliebten erwartet nach abscheulicher Folter die Hinrichtung. Willkommen im dunklen Kapitel Europas zur Zeiten der Französischen Revolution.

Ein historischer Tag

So finster, wie sich die Zeit um 1800 gestaltet, wirkt auch das Bühnenbild, für das sich Regisseur Stefan Poda entschieden hat. In der Mitte prangt ein dunkles Holzkreuz empor, umgeben von Nebelschwaden. Nur weißes Mondlicht blitzt aus der linken oberen Ecke hervor. Die Stimmung ist genauso düster, wie sie aussieht. Denn Giacomo Puccinis „Tosca“ spielt am 17. Juni 1800, dem Jahr der Wende, als Napoleon seine Finger im Spiel hat. Mitten drin: Oberitalien, wo die Kämpfe gegen Österreich ausgetragen werden, und Rom, wo Königin Maria Carolina von Neapel-Sizilien mit politischen Revolutionären abrechnet.

Ein gewaltiges, historisches und schweres Thema, dessen Inszenierung etwas schwach startet. Der politische Gefangene Cesare Angelotti ist gerade auf der Flucht und gelangt in die Kirche Sant‘ Andrea della Cale. Dort versteckt ihn der Maler Mario Cavaradossi – ein vorsichtiger Dialog beginnt, der von der Musik eher übertönt wird. Erst als Floria Tosca auf die Bühne kommt, ist etwas geboten. Die eifersüchtige Diva mit lockiger Mähne und völlig in Rage, unterstellt ihrem geliebten Mario, eine andere zu haben und sie zu verstecken. Tosca vergöttert ihn zwar aber sie macht ihm klar, nicht mit ihr!

Starke Diva

Und so wird Tosca zu einer Figur, die zwar im Laufe der Oper viel zu ertragen hat, dadurch aber stärker wird. Als ihr Mario verhaftet wird, weil er Angelotti versteckt hielt, lügt auch sie für ihn. Erst als Mario gefoltert wird, bricht sie ein, hat aber einen Plan, wie sie gemeinsam fliehen können. Auch wenn das nicht so ausgeht wie gewünscht.

Tosca muss viel Gewalt erfahren. Der Polizeipräsident Baron Vitellio Scarpia – Noel Bouley – will eine Nacht mit ihr, dann lässt er Mario frei. Hier prallen zwei unglaubliche Stimmen aufeinander, ein tiefer Bariton und ein starker Sopran. Wenn man auf einen Gänsehaut-Moment gewartet hat, dann jetzt. Tosca leidet, ist verzweifelt und das entnimmt man jedem einzelnen kraftvollen Ton. „Brava“ – das belohnt das Publikum mit Applaus.

So schnell gibt sie nicht auf, fasst Mut und tötet Scarpia. Jetzt sollte sie mit Mario fliehen können. Ja, klingt sogar für die Oper zu schön und wie gesagt, im Jahr 1800 war es einfach zu düster, zu brutal. Und das macht die Oper so schön. Ein Happy End wäre wirklich fehl am Platz. Wo bleibe da die Dramatik?

Weitere Termine: Von November bis 20. März 2020 im Gärnterplatztheater.


Beitragsbilder: © Christian POGO Zach

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