Aktuell, Kultur

#kulturlieferdienst N° 100

Carina Eckl

Am Sonntag findet die 100. Veranstaltung von #kulturlieferdienst statt. Ecco Di Lorenzo & The Innersoul Five feat. Caroline Roth geben sich am Königsplatz die Ehre. Schnappt euch euren Glühprosseco und genießt social distanced Konzertkultur auf einem der schönsten Plätze Münchens.

Der Organisator Benjamin David zieht für uns ein Resümee über Kultur in der Pandemiezeit.

Wie kann man sich das Projekt #kulturlieferdienst vorstellen?

Wir, das sind Vica Halt, Ulrike Bührlen, Jürgen Reiter, Patric Kosche und ich, bringen Kunst, Musik und Kultur auf die 6.177 Münchner Autostraßen, vor die Haustüren, Fenster, Balkone der Münchner*innen, und verwandeln damit – im Rahmen des bundesdeutschen und bayerischen Versammlungsrechts – öffentliche Räume in temporäre Konzertsäle.

Damit schaffen wir eine Situation, die es den Menschen und Künstler*innen, Kulturschaffenden und Tontechniker*innen erlaubt, für eine Stunde so etwas wie Normalität in einer schwierigen Zeit zu spüren. Zusammen mit anderen Musik erleben, und das in der wundervollen Kulisse der Stadt, ist Balsam für Leib und Seele in Zeiten der Pandemie.

Was ist das Besondere am #kulturlieferdienst?

Der #kulturlieferdienst schafft in einer dunklen Zeit Hoffnung. Für Künstler*innen, Kulturschaffende, Tontechniker*innen, aber auch und vor allem für die Menschen in unserer Stadt. Wir zeigen, dass das Leben ohne Kultur, gerade in schwierigen Zeiten, kaum möglich ist.

Dazu kommt, dass wir eben nicht im begrenzten Raum eines Konzerthauses oder Clubs agieren, sondern unter freiem Himmel, ein Erlebnis, das den Aspekt Hoffnung noch verstärkt. Die indischen Holifarben helfen uns diesen Aspekt gestalterisch noch herauszuarbeiten und spielerisch erlebbar zu machen.

Was waren deine Künstler*innen-Highlights bisher?

Alle Künstler*innen, die beim #kulturlieferdienst bisher aufgetreten sind, haben eine ganz eigene Dynamik und sind in ihrer Musik sehr individuell. Wir haben bisher ein breites Band an Genres abdecken können, von Klassik über Jazz, Blues, World bis hin zu Hardcore Rock. Damit wird jeder Lieferdienst einzigartig.

Außerdem versuchen wir ein gutes Gleichgewicht herzustellen zwischen weiblichen und männlichen Künstler*innen, sowie jungen Nachwuchstalenten und alten Hasen der Szene. Das Highlight des #kulturlieferdienst ist also seine Vielfalt.

Warum braucht München in Corona-Zeiten deiner Meinung nach Kultur?

Der Mensch ist ein manchmal kreatives, geselliges, offenes, ja öffentliches Wesen. Manchmal sucht er aber auch die Einsamkeit, das Alleinsein und schützt und erholt sich in seiner privaten Blase. Meine Theorie ist, dass wir von Letzterem gerade deutlich zu viel haben und uns mehr nach dem Ersteren sehnen.

Das erklärt dann auch, warum die #kulturlieferdienste, also temporäre Kulturbühnen auf Autostraßen zwischen Wohnhäusern, in Zeiten einer globalen Pandemie so gut ankommen: Wir Menschen brauchen das einfach. Kultur und Sozialisation sind existenziell. Das merkt man an den großzügigen Spenden, die es uns ermöglichen, den Künstler*innen eine fast normale Gage zu bezahlen.

Was ist die wichtigste Erkenntnis als Organisator?

Live-Musik vor Publikum aus Fleisch und Blut und Begegnungen mit echten Menschen in echten öffentlichen Räumen geht trotz Pandemie. Trotz Winter. Trotz Angst. 

Wir halten dabei übrigens die sinnvollen Hygiene-Spielregeln strenger ein als Expert*innen und Behörden vorschlagen. Better safe than sorry ist die Devise. Das schafft Vertrauen bei den Teilnehmer*innen, bei den Anwohner*innen und bei Polizei und Behörden.

Es gibt sogar ein historisches Vorbild für den #kulturlieferdienst: die ‚Schäffler‘. Sie lockten, so munkeln die Münchner Stadthistoriker*innen, die Menschen, die vor den auch in München wütenden Pestpandemien panisch und nachvollziehbarerweise ins Private geflüchtet waren, mit Tanz, Musik, eben mit Kultur wieder aus ihren Häusern in den öffentlichen Raum. Noch ist die Pandemie nicht vorbei, daher sind wir noch etwas vorsichtiger unterwegs als die Schäffler damals, bringen aber nicht weniger Freude.

Wie geht es in den nächsten Monaten weiter?

Die Planungen sind bis Ende März weitgehend abgeschlossen. Da kommen noch ca. 30 #kulturlieferdienste, ganz bewusst auch in der Vorstadt. Die Termine findet man auf Facebook. Danach starten wir eine zweite Runde an #kulturlieferdiensten in der gesamten Stadt, vielleicht ja auch in der Region. Wir planen ca. 125 weitere Versammlungen von April bis Dezember 2021. Wir sind dort, wo uns die Menschen über die sozialen Medien hinrufen, um der Pandemie den Schrecken auszutreiben. Schäffler 4.0, könnte man sagen. 

Dazu möchten wir die mitwirkenden Künstler*innen, Kulturschaffenden und Tontechniker*innen noch besser featuren und überlegen, Compilations, Podcasts und vielleicht sogar ein Album zu veröffentlichen. Vielleicht können wir so auch noch ein paar weitere Menschen aus der Münchner Kulturszene – ein kleines Stück weit – Lohn und Brot bringen und vor allem: ihnen wieder Sichtbarkeit jenseits der reinen Livestreams geben.


Beitragsbilder: © #kulturlieferdienst

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