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Meine Halte – Folge 6: Frankfurter Ring

Meine Haltestelle

So ziemlich jeder Münchner hat eine und verbringt dort mehr Zeit als ihm lieb ist. Haltestellen sind seltsame Zwischenorte. Wir sind eigentlich nur dort, weil wir woanders hin wollen. Auf dem Heimweg zählen wir den Countdown bis zu unserer Haltestelle. Wir holen dort sehnsüchtig erwarteten Besuch ab. Viel öfter als wir es zugeben wollen, haben wir kurz vor Ladenschluss beim Haltestellenkiosk, -bäcker, imbiss "eingekauft". Regelmäßig sprinten wir ihr entgegen, damit wir doch noch die Bahn, Tram oder den Bus erwischen, der uns zu unserem eigentlichen Ziel bringt. Höchste Zeit, dass wir uns unsere Haltestellen ein bisschen genauer anschauen und deshalb stellen wir euch künftig jede Woche eine Haltestelle des MUCBOOK-Teams vor.
Meine Haltestelle

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Sie ist nicht besonders schön. Sie ist laut. Autos fahren hier den ganzen Tag und auch nachts. Menschen entsteigen ihren Tiefen am Morgen und kehren dorthin zurück am Abend. Es sind Menschen in Anzügen, mit Kopfhörern im Ohr und Tablets in der Hand. Es sind Ingenieure und Kaufmänner.

Denn hier beginnt BMW.

Es sind Menschen in abgetragener Kleidung, in Jogginghose, mit Kinderwägen und einem Coffee To Go. Es sind Arbeitslose. Denn zwischen den hohen Bürogebäuden, zwischen den durchsichtigen Autohäusern steht das Jobcenter München Nord.

Es sind Menschen in zerissenen Hosen, bunten Jacken und mit Gitarrenkoffern unterm Arm. Es sind Musiker. Unweit der Halte gibt es nämlich einen der begehrten Proberaumkomplexe in München.

Der Frankfurter Ring selbst ist eine Baustelle. Bei Autohupen und Presslufthammer verweilt niemand gerne. Die Bushaltestelle wurde aufgehoben, der Asphalt aufgerissen. Es bleibt bei einem kurzen Aufenthalt von U-Bahn und Passagieren. Lastwägen und Autoschlepper folgen den Autobahnausschilderungen: A8 Richtung Stuttgart, A9 Richtung Nürnberg, A94 Richtung Passau, A95 Richtung Garmisch-Partenkirchen und A96 Richtung Lindau. Hauptsache weg.

Es ist nicht teuer hier zu wohnen, schön ist es aber auch nicht. Zumindest nicht direkt am Frankfurter Ring, wo sich trotzdem ein paar Hotels angesiedelt haben. Kehrt man dem BMW- dominierten Norden den Rücken und geht die Knorrstraße nach Süden, dann ist es gar nicht so übel. Hier ist der Blumenladen, die Bäckerei, der Supermarkt, das Schreibwarengeschäft, die Buchhandlung, sogar der Asia-Markt. Da der Metzger, der Waschsalon, der Döner-Imbiss, das Matrazenlager und der Friseursalon; oder kuriose Orte wie das Sonnenstudio und die Porno-Videothek, in die man nie Leute rein- oder rausgehen sieht. Es wird sogar damit geworben die eigenen benutzten DVDs gegen andere – wahrscheinlich auch benutzte – tauschen zu können.

Und es gibt Grün. Gefühlt jeder zweite, der hier wohnt, führt seinen Hund am „Grünstreifen“ zwischen Knorrstraße und Leopoldstraße Gassi. Da sind der Prager Rattler, der Havanese, der Zwergpinscher, der Russel Terrier, der Mops und der Beagle und viele andere. Der Münchner Dackel ist nicht dabei. Da sind aber auch die Jogger, Radfahrer, Trinker, Schachspieler, Kinderbuggys und Männer, die an den Freiluft-Fitnessgeräten trainieren – zumindest manchmal. Es gibt einen Bolzplatz; der soll aber Platz für neue Häuser machen; neuerdings trifft man hier sogar einen Mann, der seinen Modell-Hubschrauber aufsteigen lässt.

 

Nicht so nachts

Nur von einigen Balkonen der Hochhäuser sieht man die rote Glut einer Zigarette aufleuchten. Die Straßen sind leer. Ähnlich wie am Tag, verweilt hier niemand, man trifft sich hier auch nicht mit anderen um auszugehen, dafür ist der Frankfurter Ring zu weit weg vom Zentrum. Wer geht, der geht zur U-Bahn; oder von der U-Bahn-Station nach Hause. Obwohl man niemanden sieht, steigt man nie allein aus dem Nachtbus N41.

Es gibt nicht nichts. Aber wer verirrt sich schon in das Wettbüro oder die Kneipe, in der außer den alten Stammgästen niemand sitzt? Es gab mal ein Shisha-Cafe in dem Gebäude, in dem zuvor ein griechisches Restaurant war und jetzt eine Bäckerei ist. In dem Shisha-Cafe saß auch niemand. In der Bäckerei stehen sie dagegen jeden Samstag Morgen Schlange; die Familien und Rentner und die Arbeitslosen. Vereinzelt auch ein paar Studenten, die hier zwar wohnen, deren Leben aber im Verborgenen oder anderswo stattfindet.

 

Text und Beitragsbild: Ralph Würschinger

1Comment
  • Joseph
    Posted at 17:38h, 26 September

    Hört sich doch gut an, bis auf den Lärm vielleicht… Aber für den täglichen Gebrauch bekommt man alles, die Mieten sind günstig und nachts hat man ne gute Anbindung zu den entsprechenden HotSpots. Was will man denn mehr?

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