Olympiazentrum ©Rosalie Röhr
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Meine Halte: Olympiazentrum – Willkommen in der Oly-Welt

Rosalie Röhr

Besonders leidenschaftlich, wenn es um Genderdebatten, Hiphop-Kultur oder Ramen-Nudeln geht.
Rosalie Röhr

Das Olympiazentrum wirkt auf Tourist*innen durch die BMW-Welt, Seaworld und das Olympiagelände fast schon magnetisch. Die Münchner*innen zieht vor allem der weitläufige Park an. Obwohl die Gegend weder hip noch besonders zentral ist, liebe ich meine Haltestelle, weil sie es immer wieder schafft mich zu überraschen.

Reihenhausromantik im Olydorf

Um nach Hause zu fahren benutze ich täglich den U-Bahn Ausgang „Olympisches Dorf 1972“. Dieser führt mich nämlich direkt in das sogenannte „Olydorf“. Das ist eine Wohnsiedlung, die während der Olympiade für die Sportler*innen gebaut wurde und in der heute rund 2000 Studierende günstig leben können. Kleine, bunte selbstbemalte Reihenhäuschen vor Hochhausfassaden prägen die Gegend, die irgendwie so gar nichts mit dem restlichen Stadtbild von München zu tun hat.

©Rosalie Röhr

Der U-Bahn Ausgang auf der anderen Seite führt direkt vor den Eingang der BMW World. Das ist ein hochmoderner, futuristischer Bau, dessen Sinn und Zweck darin besteht, der BMW Käuferschaft das ultimative Kauferlebnis zu bescheren und die Marke so luxuriös wie möglich zu repräsentieren, inklusive einem Sternerestaurant, von dem ich insgeheim träume, es eines Tages zu besuchen.

Bis dahin gebe ich mich aber auch mit Falafel Dürüm und rotem Thai-Curry für fünf Euro zufrieden, das liegt sogar noch ein Stückchen geschickter auf meinem Heimweg. Süße Cafés oder Bars mit Vintage-Möbeln? Am Olympiazentrum Fehlanzeige. Dafür gibt es an meiner Halte einen Kiosk, der sogar unter der Woche bis spät abends geöffnet hat, auch das bedeutet Luxus in München. 

Die Gedenkstätte Olympia-Attentat

Durch die Olympiade ist ein einzigartiges Areal entstanden, von dem München bis heute profitiert. Aber die Olympischen Spiele waren auch Schauplatz eines schrecklichen Attentats. Während des Wettkampfs haben am 5. September 1972 palästinensische Terroristen elf israelische Olympiasportler*innen als Geiseln genommen und ermordet. Auch fünf Geiselnehmer und ein Polizist sind gestorben. Trotzdem wurde die Olympiade damals nicht abgebrochen. Ein eindrucksvoller, offener Erinnerungsort erzählt heute die Geschichte der Opfer und rekonstruiert die Ereignisse. Ein Besuch ist absolut eindrücklich und empfehlenswert. 

Wer am Olympiazentrum wohnt, bleibt von keiner Großveranstaltung verschont

Bevor ich hier hergezogen bin, habe ich direkt neben den Pinakotheken gewohnt. Vor dem Umzug hatte ich ein ungutes Gefühl dabei aus der Innenstadt raus und an den Rand des mittleren Rings zu ziehen. Heute genieße ich es, wenn ich am Abend nach einem stressigen Tag am Olympiazentrum aussteigen kann, den Fernsehturm und den Park sehe und durchschnaufen kann. 

Olympiapark ©Rosalie Röhr
Olympiapark © Rosalie Röhr

Wenn der Konzertsommer im Olympiastadion beginnt, bietet sich an meiner U Bahn-Haltestelle an den Wochenenden allerdings regelmäßig ein Spektakel dar, das sich für mich als „Einheimische“ regelrecht wie eine Art Naturgewalt anfühlt.
Wenn beispielsweise ein Rammstein Konzert stattfindet, spült meine U-Bahn ab morgens unzählige Leute in schwarzen T-Shirts und Bierlaune in den Park, um sie nachts, nach dem Konzert, wieder vollständig einzusaugen. Dabei kann es auch vorkommen, dass nur wenige Tage später das Olympiazentrum von Menschenmassen in feschen Dirndln und Lederhosen geflutet wird und das, obwohl keine Wiesn ist.
Dabei ist es egal wie sehr ich mich innerlich sträube, auf einmal ertappe ich mich dabei, wie ich leise „Hulapalu“ summe. Die Kontraste zwischen den Massen an unterschiedlichen Konzertgängern und Konzertgängerinnen, die regelmäßig ins Olympiastadion pilgern könnten nicht größer sein, denke ich mir oft. Das Einzige was sie vermutlich eint, ist ihr Bierdurst.

Abgesehen von den Konzerten, geht auch keine Laufveranstaltung spurlos an mir vorbei. Nicht selten komme ich in den Sommermonaten zu spät, weil ich auf dem Weg irgendwohin in einem Marathon, Kinder- oder Firmenlauf eingekesselt wurde. Dazu kommt auch noch das Munich Mash, bei dem der komplette Olympiapark in ein El Dorado für Skater, BMX-Fahrer und andere Extremsportler verwandelt wird. Außerdem leuchtet der Himmel über dem Olympiapark mehrmals im Juli und August, da die Stadt regelmäßig Feuerwerksspektakel veranstaltet.  

Besticht das Olympiazentrum mit charmanten Ecklokalen und alt-ehrwürdigen Hausfassaden? Auf keinen Fall. Träume ich deshalb manchmal von Gegenden wie dem Gärtnerplatz, Haidhausen oder der Isarvorstadt? Vielleicht. Trotzdem freue ich mich fast jeden Tag an so einer besonderen Haltestelle zu leben.


Beitragsbild: @ Rosalie Röhr

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