Kolumnen, Meine Halte

Meine Halte – Folge 1: Waldfriedhof Haupteingang

Meine Haltestelle

So ziemlich jeder Münchner hat eine und verbringt dort mehr Zeit als ihm lieb ist. Haltestellen sind seltsame Zwischenorte. Wir sind eigentlich nur dort, weil wir woanders hin wollen. Auf dem Heimweg zählen wir den Countdown bis zu unserer Haltestelle. Wir holen dort sehnsüchtig erwarteten Besuch ab. Viel öfter als wir es zugeben wollen, haben wir kurz vor Ladenschluss beim Haltestellenkiosk, -bäcker, imbiss "eingekauft". Regelmäßig sprinten wir ihr entgegen, damit wir doch noch die Bahn, Tram oder den Bus erwischen, der uns zu unserem eigentlichen Ziel bringt. Höchste Zeit, dass wir uns unsere Haltestellen ein bisschen genauer anschauen und deshalb stellen wir euch künftig jede Woche eine Haltestelle des MUCBOOK-Teams vor.
Meine Haltestelle

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Ja, ich wohne an der wahrscheinlich deprimierendsten Haltestelle Münchens. Es ist nicht nur ein Friedhof, es ist ein Waldfriedhof. Es ist nicht nur der Waldfriedhof, es ist sein Haupteingang. An der Nachbarstation „Waldfriedhof“ blickt man beim Warten immerhin auf Restaurants, Supermärkte, einen Dönerstand und fleißige Zeugen Jehovas, am „Waldfriedhof Haupteingang“ gibt es allerdings, wie der Name schon sagt, lediglich den Blick auf das große steinerne Eingangstor, vor dem sich regelmäßig Gruppen von schwarz gekleideten Menschen versammeln.

Daneben zieht sich die alte Mauer des Friedhofs durch das gesamte Blickfeld und vor ihr die dicht befahrene Fürstenrieder Straße, die ihr in Sachen Hässlichkeit um nichts nachsteht. Zur Verteidigung meiner Haltestelle muss man allerdings sagen, dass es auch Tage gibt, an denen sich die sonst so deprimierende Atmosphäre irgendwie in etwas schön Melancholisches verwandelt. Wann sonst kommt man so gut ins sinnlose Philosophieren, wie beim Warten? Bei 10-Minuten-Busintervallen lässt es sich aber nicht immer vermeiden über das große schwere Nichts hinter der Friedhofsmauer nachzudenken. Meistens zieht einen das kleine blaue Häuschen am Waldfriedhof Haupteingang deshalb so schnell runter, dass man am eigentlich gleich wieder alle Pläne über den Haufen schmeißen und nachhause umkehren könnte.

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Das Warten wird dem Adjektiv todlangweilig hier endlich mal gerecht, bekommt einen bittersüßen ironischen Beigeschmack und wird noch schwerer zu ertragen, als es ohnehin schon ist. Man wird sich der eigenen Zeitverschwendung jedes Mal aufs Neue bewusst, da hilft weder das erbärmlich schlechte Angebot an Tageszeitungen, und schon gar nicht der vor kurzem aufgestellte Zigarettenautomat. Denn ganz ehrlich, wer auf die Idee gekommen ist, an genau dieser Haltestelle möchte man sich das Warten mit Rauchen versüßen, hat meiner Meinung nach entweder einen gefährlichen Hang zum Masochismus oder verdammt schwarzen Humor. 


Text und Fotos: Birgit Buchart

1Comment
  • mia grünwald
    Posted at 23:11h, 28 Juli

    liebe birgit ! ich fühle mit dir !!! ich bin gleich bei dir um die ecke aufgewachsen und zwar haltestelle aurikelstrasse – is mir auch jedesmal ein greuel wenn ich dort warten muss, denn die aussicht ist dort nicht viel besser ó.ò)…..
    ich hab damals angefangen bunte sachen in meine hefte zu kritzeln vielleicht findest du ja auch eine möglichkeit gegen die recht düstere haltestelle zu rebellieren ( :
    liebe grüsse^_^)
    mia

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