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Meine Halte: „Kleiner Finger – Ringfinger – Gräfelfing(er)“

„Aus Gräfelfing?!“, prustet der Allacher los, streckt mir seine Hand vor’s Gesicht und beginnt drei Finger herunterzuzählen, wobei der Mittelfinger stehen bleibt: „Kleiner Finger – Ringfinger – Gräfelfinger.“ Dass mir diese, zugegebenermaßen wirklich gelungene, Aufzählung nicht schon viel früher untergekommen war: kaum zu glauben. Für die leidenschaftlich ausgetauschten Schmähungen zwischen den Einwohnern der verschiedenen Vorstadt-Käffer im Würmtal (grob: die S6-Haltestellen von Pasing bis Starnberg), hätte der Gräfelfinger definitiv Potenzial, zum Klassiker zu avancieren. Die Aufzählung sei einst aufgrund von (erst unglaublich viel und bald nur noch herzlich wenig) Amore zwischen Allachern und Gräfelfingern entstanden.

Schön ist’s natürlich schon in Gräfelfing, auch wenn das beste die Anbindung nach draußen ist: Mit der S6 in knapp 20 Minuten zum Marienplatz oder zum Starnberger See in die andere Richtung. Der Ort selbst allerdings fristet das klassische Vorstadt-Dasein im Münchener Speckgürtel. Es gibt eine zentrale Einkaufsstraße mit Marktplatz, Schulen, Kirchen, eine freiwillige Feuerwehr, ein Gewerbegebiet und jede Menge Einfamilienhäuser mit Garten (they call it „Gartenstadt“). Und auch wenn die Uhren hier sogar noch ein bisschen langsamer als in München ticken, gehen 15 Jahre auch an Gräfelfing nicht spurlos vorüber.

Immobilienmakler statt Spielwarenladen

Und viele Veränderungen hinterlassen trotz manch positiver Aspekte einen doch eher faden Beigeschmack bei mir. Das kristallisiert sich an der zentralen Flaniermeile, der Bahnhofstraße, wohl am deutlichsten heraus: Zum Flanieren lädt sie seit ihrem Umbau zwar tatsächlich vermehrt ein – die Bürgersteige wurden verbreitert und stilvoll rot-gelb gepflastert – nur hatte der nicht ganz so perfekte Asphaltwildwuchs eben auch seinen Charme. Denn abseits der Bahnhofstraße ist an vielen Häusern und Gärten ohnehin fast alles durchgestylt und -gepflegt.

Im ehemaligen Spielwarenladen Steckenpferd residiert heute Engel & Völkers, eines von mindestens vier Immobilienbüros auf den rund 500 Metern zwischen Bahnhof und Rottenbucher Straße. Der Edeka wirkt mit seiner holzvertäfelten Fassade eher wie ein Feinkostladen und die Dichte der SUVs und vergleichbar protzigen Autos wirkt erdrückend. Um hier wirklich aufzufallen, brauchst Du schon einen alten rostigen Fiat Panda.

Gräfelfing goes „Edelflohmarkt“

Ein herber Verlust ist auch der Kiosk am Marktplatzbrunnen gleich unterhalb des Bahnhofs (fka „Rolf“). Zumindest frage ich mich, wo die Vorstadtjugend eigentlich heute ihre Sommernachmittage und -abende verbringt und die örtliche Seniorenschaft mit Biertrinken schockiert. Und vor allem, wer sie mit dem Nötigsten versorgt. Dafür gibt’s jetzt im Bürgerhaus nebenan keinen einfachen Flohmarkt mehr, sondern einen „Edelflohmarkt“.

Der Bahnhof selbst ist seit seiner Sanierung barrierefrei und hat einen angemessen großen Fahrradständer bekommen. Leider nur wurde damit auch die Haltestelle Gräfelfing in ein weiteres gesichtsloses, blaugraues Glas-Stahl-Beton-Gebilde verwandelt, mit denen die Bahn sukzessive das ganze Land zupflastert. Nicht dass der alte Bahnhof schön gewesen wäre. Im Gegenteil – die eckigen gelb-vergilbten Säulen waren genau wie die Überdachung und der Treppenaufgang des Bahnhofs ziemlich hässlich. Aber er hatte Charakter und beim ersten Anblick der gelben Säulen erkannte man sofort: Gräfelfing. Ganz zu schweigen vom Nachbarbahnhof Lochham mit seinen schönen dunkelroten Säulen und ihren verzierten Kapitellen: weg.

„Die Zukunft war früher auch besser“

Licht am Ende des Tunnels: Wenigstens die Unterführung wird immer wieder bunt bemalt

Aber wie hat der Karl Valentin schon treffend gesagt: „Die Zukunft war früher auch besser“ und vielleicht ist der Edelflohmarkt gar nicht so saublöd, wie er klingt. Das örtliche Rathaus, der erste Anblick nach dem Abstieg der Bahnhofstreppen, provoziert jedenfalls noch immer einen jeden Passanten mit seiner Brutalismus-Ästhetik und sorgt für eine gute Portion Kontrast im sonst so beschaulichen Gräfelfing. Und natürlich lohnt sich auch ein Spaziergang durch den Ort, um die wunderschön erhaltenen alten Häuser und Villen zu bewundern und sich über die greisligen pseudomodernen Schuhkartonbauten aufzuregen. Das Reformhaus am Marktplatz hat mit der Konditorei Fesl und seinen hausgemachten Pralinen einen würdigen Nachfolger gefunden. Das Bürgerhaus hat ein solides Kulturprogramm vorzuweisen und alle zwei Jahre findet im Gräfelfinger Teil des Pasinger Stadtparks das kostenlose, sehr nette und unprätentiöse Kulturfestival statt (dieses Jahr wieder vom 26. bis 29.7.2018).

Und selbst die Jugend kann sich nicht beschweren. Der 10-Minutentakt liegt noch immer in weiter Ferne, doch wo sich früher unter der Woche die letzte S6 um 0.20 Uhr am Marienplatz gnadenlos auf den Weg ins Münchener Outback machte und auch am Wochenende nur eine zusätzliche Bahn zwei Stunden später die letzte Chance für eine Heimkehr vor dem Morgengrauen war, kommt man heute im Stundentakt bis 3.30 Uhr ins Würmtal. Was hätte ich damals dafür gegeben.


Fotos: © Max Büch

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