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MUCBOOK Lesetipp: „Nachts“ von Mercedes Lauenstein

Ayla Amschlinger

Liest am liebsten während des Frühstücks, nicht selten mit dem ärgerlichen Nebeneffekt, dass der Kaffee dabei kalt wird. Außer in Buchläden und Cafés trifft man sie in Kinos, auf Flohmärkten und in Zügen nach Irgendwo.
Ayla Amschlinger

Nachts Mercedes Lauenstein

“Nachts schlafe ich nicht. Ich laufe durch die Straßen und gucke durch die erleuchteten Fenster in das Leben der anderen hinein.”

Wenn langsam die Lichter in den Straßenzügen erlöschen und die Stadt zur Ruhe kommt, beginnt für die namenlose Protagonistin aus Mercedes Lauensteins Debütroman “Nachts” so etwas wie eine geheime Mission. Nacht für Nacht streift sie durch die menschenleeren Straßen auf der Suche nach den letzten erleuchteten Fenstern.

“Ich muss oft über all die Fremden da draußen nachdenken, die ich nicht kenne und doch kenne.”

Hinter schnörkeligen Altbau-Erkern, auf breiten Fensterbrettern und in kerzenbeleuchteten Wohnküchen lernen wir an ihrer Seite gleichgesinnte Schlaflose und Nachtschwärmer kennen, erfahren von ihren Geschichten, Sehnsüchten und Ängsten.

Da ist zum Beispiel Johanna, die nachts rauchend bei einer Flasche Wein alte Studienunterlagen sortiert und nicht so wirklich weiß, was die Zukunft bringen soll. Oder Nadèche, die Angst vor dem Einschlafen hat – man könnte ja womöglich nie wieder aufwachen. Max wartet bis zum frühen Morgen darauf, dass Julia vielleicht nach ihrer Schicht in der Bar noch bei ihm vorbeikommt. Und Lara trinkt aus feinem Porzellan Tee, mit Ende 70 braucht sie nicht mehr als ein paar Stunden Schlaf.

“Die Nacht (…) mag ich deshalb, weil man in ihr viel klarer sieht als am Tag.”

In 25 Episoden lässt uns Mercedes Lauenstein für kurze Augenblicke an intimen Momenten teilhaben, die man sonst nicht mit Fremden teilen würde. Sie nimmt uns mit in zerwühlte Betten, verrauchte Korridore und lässt uns aus schummerigen Wohnungen über die Dächer der schlafenden Stadt schauen.

Eine Hymne an die Nacht, ein Plädoyer für den Mut zur Einsamkeit und ein wunderbar melancholisches Buch, das ich mittlerweile so oft wie kein anderes gelesen habe.

“Und jetzt möchte ich, wenn du erlaubst, ins Bett gehen.”


Infos in Kürze:

Was? „Nachts“
Wer? Mercedes Lauenstein
Wo? Erschienen beim Aufbau Verlag


Beitragsbild: Unsplash / Steve Halama

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