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Münchner Gesichter: Künstlerin Stephanie Müller

Wofür ist Stephanie Müller eigentlich am meisten bekannt? Für ihr Upcycling-Textilkunst-Projekt rag.treasure? Für das Musikprojekt „Beißpony„? Oder für ihre umfangreiche Arbeit als bildende und performende Künstlerin? Wir wissen es selbst nicht so genau. Spätestens, wenn sie mit Nähmaschinen in der Berghain-Kantine Musik macht, verschwimmen aber all diese Faibles und Begabungen zu einem Gesamtkunstwerk und die Einstürzenden Neubauten werden heimlich fluchen, nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein.

Solltet ihr die diplomierte Soziologin und Künstlerin noch nicht kennen, dann besser spät als nie. Stephanie Müller, die in ihren Anfangstagen auch mal als Gastautorin für MUCBOOK in die Tasten gehaut hat, war so nett, uns für die Reihe „Münchner Gesichter“ ein paar Fragen zu beantworten. Passt irgendwie, dass dabei mehr heraus kam als 0815-Phrasengedresche. Viel Vergnügen!

Woran arbeitest du gerade?

Am 25. Juli wird in der Galerie der Künstler*innen, die Ausstellung „EXIST // Die ganze Stadt – eine Bausstelle“ eröffnet. Da sind Klaus Erika Dietl und ich mit einer gemeinsamen Rauminstallation dabei: „Das ganze Dorf – ein Jägerstand“. Gabi Blum kuratiert die Gruppenausstellung. Mit allen Beteiligten fragen wir uns:  Wer kann sich die Stadt noch leisten? Was wird aus den Städten, die die Kunst- und Kulturschaffenden verlassen? Wie sehen die Zukunftsszenarien und Widerstandstrategien aus?

Am 31. August laden wir in „Das Klohäuschen“ ein. Die ehemalige Sanitäranlage am Westtor der Großmarkthalle, wurde 2009 von Anja Uhlig zum Kunstraum umfunktioniert. Dort zeigen wir erste Auszüge aus unserem Langzeit-Episodenfilm „Versprechen und anderes Versagen“. Seit 2016 sammeln wir dafür an verschiedenen Schauplätzen in München und Umgebung Material. In unserer Münchner Basis, dem „Mediendienst Leistungshölle“, arbeiten wir gerade am Feinschnitt.

Worüber fluchst du am häufigsten in München?

Über Platzhirsche – nicht nur über diejenigen, die es sich leisten können, Platz einzunehmen und ein leerstehendes Büromausoleum nach dem anderen zu pflastern – sondern vor allem auch über die Platzhirsche unter den Künstler*innen, die eigentlich viel mehr erreichen können, wenn sie Reibungen und Begegnungen untereinander zulassen und gemeinsam um mehr Freiräume kämpfen.

Dein bayerisches Lieblingssprichwort?

Ich mache jeden Schabernack
und niemand steckt mich in den Sack.

Das macht dich zum Münchner / zur Münchnerin:..

Menschen, die für viele andere Inspirierendes auf die Beine stellen: zum Beispiel Thomas Lechner, der ständig interessante Musikveranstaltungen auf die Beine stellt (Theatron Pfingstfestival, Puch Fest, Candy Club, Plug In Beats, etc.), der anderen immer wieder Lust macht, sich an Demos zu beteiligen und einzubringen und sich entschieden hat, 2020 als Oberbürgermeister zu kandidieren. Dann sind da meine Freund*innen, Band- und Atelierkolleg*innen, die mich in allem unterstützen und Künstler*innen wie Manuela Unverdorben, Lara Holy, Augusta Laar, Raquel Rodriguez, die abArt Gruppe, Cana Bilir-Meier und Katja Kobolt, Kurator*innen wie Mira Sacher und Laura Lang, Veranstalter*innen wie die „Get rid – all gender is dreck“-Gruppe, der Stattpark Olga, Mirca Lotz, Michael Schild, Julia Bomsdorf, Katharina Walpoth, Émilie Gendron, das TamTam Kollektiv oder das iRRland, Journalist*innen wie Sammy Khamis und Ralf Homann und Sozialwisschenschaftler*innen wie Zara S. Pfeiffer, die Haltung zeigen und kritische Positionen nicht scheuen. Vielleicht wäre München schon lange nicht mehr meine Basis, wenn diese Menschen nicht so viel Durchhaltevermögen hätten und die Stadt ständig so bereichern würden.

Geht immer: ein Besuch im Werkstattkino

Wenn ich nicht gerade mit meiner Nähmaschine Musik mache, höre ich…

…am liebsten „ABCDEFGHJ“ von Kickball aus Olympia (Washington, USA/ Houseopolis Records). Die waren vor mehr als 10 Jahren im Münchner Kafe Kult zu Gast. Ich war von der live Performance absolut begeistert und auf dem Album sind so viele tolle Klangfeinheiten, Wendungen und Verstrickungen drauf. Ich liebe es! Zwischendurch höre ich schon länger in Dauerschleife das selbstbetitelte Album „Antifamily“ (London, UK/ Difficult Fun) und dann gibt es immer wieder neue Überraschungen, zum Beispiel die „EP 2“ von Otaco (Sapporo, Japan), die Noise Sessions von Tomy Herseta (Bandung, Indonesien), das Album „Rebirth“ von Farai (London, UK) und andere Musik und Soundspuren, auf die ich unterwegs mit der Nähmaschinenmusik und meinen Bands OK DECAY und beißpony treffe.

Wo war deine wildeste Partynacht?

Hmmm, da sind einige tolle Momente dabei, die sich nicht selten bis in den nächsten Tag reinziehen. Ich erinnere mich an einen Ausflug nach Deggendorf mit Matthias Stadler vom TamTam Kollektiv. Da hatte ich mit meinem Bandkollegen und Partner Klaus Erika und meinen Freund*innen LaBernadette und Max Amling, die mittlerweile in Wien leben, eine Noise Performance in Sound-Kostümen, die unter Wasser gesetzt wurden. Früh morgens gab es noch ein seltsam langsames, irgendwie gutes DJ Set von Peter Wacha aka Upstart. Dann ging es gleich weiter nach München, um mitten im Verkehrsinseldickicht ein Musikvideo mit einer Choreographie von Justine Maxelon aus Brüssel für unseren Song „Terror Of The District“ zu drehen.

Einmal gab es im ehemaligen WG-Zimmer unter meinem Hochbett ein Konzert der Münchner Hardcore-Band Schickeria Dropouts. Da mussten wir alle Türen aushängen, damit alle mitfeiern konnten.

Ich gehe eigentlich gar nicht gezielt auf Partys. Mich reizen Konzerte, Kinoabende, Lesungen und Performances viel mehr. Danach bekomme ich oft Lust, noch Umherzuschweifen und spontan etwas zu entdecken oder auszprobieren.

Vervollständige: Wenn ich nicht Künstlerin geworden wäre…

Vielleicht ist das die eigentliche Gretchenfrage? Ich kann sie nicht lösen.

Zum Schluss die Gretchenfrage: Augustiner oder Tegernseer?

Ich verstehe nicht so viel vom Bier. Mir schmeckt Spezi.


Beitragsbild: © Florian Betz; restliche Bilder nach Reihenfolge: (1) © Klaus Erika Dietl, (2) © Klaus Erika Dietl, (3) © Florian Betz, (4) © Klaus Erika Dietl

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
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