Poetry Slam: Ein Erlebnis, dass nicht nur auf der Bühne stattfindet.
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Münchner Gesichter: Poetry Slam und Social Distancing

Barbara Manhart

Sprache ist etwas Besonderes. Irgendwie brauchen wir sie, irgendwie ist sie aber auch einfach schön. Und ganz unterschiedlich auslegbar, denn alle nehmen das Gehörte auf verscheidene Art und Weise auf. Wie das halt im Allgemeinen so ist mit der Wahrnehmung durch unsere Sinne. Poetry Slams sprechen genau diese an. Hier bewusst im Plural, denn nicht nur das Hören ist auf Veranstaltungen dieser Art gefragt. Da kommt das Sehen dazu, das Riechen, das Schmecken – Currywurst mit Pommes vs. Sekt auf Eis – und das Fühlen. Wir haben mit ein paar Slammer*innen aus München über ihre Leidenschaft und die aktuelle Lage gesprochen. Denn die verhindert die Sinnesexplosion namens Poetry Slam im Moment beharrlich. Mit von der Partie sind Felicia Brembeck alias Fee und die Trägerin des Tassilo-Kulturpreises. Max Osswald, der einen Gedichtband veröffentlicht hat und Philipp Potthast, der 2019 bayrischer Landesmeister im Poetry Slam geworden ist.

Was bedeutet Poetry Slam für dich persönlich?

Fee: Es ist mein Beruf und das nun schon seit einigen Jahren, wofür ich besonders dankbar bin, weil ich es als Hobby aus Leidenschaft angefangen habe.
Es ist meine Möglichkeit, direktes Feedback für das zu bekommen, was ich geschrieben habe.

Max: Verschiedenes, aber es bedeutet mir in jedem Fall eine Menge, ich habe Poetry Slam viel zu verdanken.

Philipp: Poetry Slam bedeutet am Wochenende keine Zeit zu haben, weil man irgendwo im Zug sitzt.

Wie kamst du zum Poetry Slam?

Julius: Ganz klassisch über die Schule und einen begeisterten Deutschlehrer, der auch jetzt noch einen Poetry Slam in unserer Cafeteria veranstaltet, auf dem ich dann das erste Mal aufgetreten bin.

Fee: Das ist ja immer unsere Lieblingsfrage 🙂 Zusammen mit „Was ist ein Poetry Slam“ – man ist fast versucht, zu antworten: „Mit der Bahn“.

Meike: Über das Besuchen der Veranstaltungen aus Neugierde auf das Format. Nachdem ich lange viel zu viel Angst vor der Bühne hatte, um selbst aufzutreten, hat sich über einen Träger, für den ich Schreibwerkstätten leitete, mein erster Poetry Slam ergeben. Es hat mich unfassbar viel Überwindung gekostet. Doch ich wurde nach dem Slam von einem Veranstalter auf weitere Slams eingeladen und entwuchs der Nervosität zum Glück nach und nach. 

Max: Mit der U-Bahn.

Dein liebster Platz zum Schreiben in München?

Julius: Zu Hause, in Ruhe an meinem Schreibtisch.

Meike: Verschiedene Cafés. Der Englische Garten.

Max: 48°08’01.3″N 11°34’47.2″E, um genau zu sein. Aber das ändert sich.

Philipp: Meine Wohnung.

Und dein liebster Platz im Allgemeinen?

Julius: Ich mag den Unicampus in Garching sehr gerne und vermisse ihn in der Coronazeit recht oft – wobei das jetzt vielleicht auch weniger wird, wo das Semester vorbei ist.

Max: Die Isar.

Philipp: Derzeit auch meine Wohnung. Die ist echt schön , bin gerade frisch umgezogen.

Musik zum Schreiben: Ja oder Nein?

Fee: Manchmal hilft mir das sehr! Für mein erstes Buch hatte ich eine Playlist, die mich in die richtige Stimmung gebracht hat, im Zug brauche ich oft Musik, damit ich die Umsitzenden nicht hören muss und bei manchen Texten weiß ich genau, welches Album ich dazu gehört habe. Oft lenkt es aber auch ab.

Meike: Gerne. Aber nur, wenn es zur Textstimmung passt.

Max: Mal so, mal so.

Philipp: Auf keinen Fall. Lenkt mich total ab.

Was inspiriert dich und deine Texte?

Fee: Das Leben. Klingt kitschig, aber so ist es nun mal. Ich gehe aufmerksam da durch und versuche, Inspiration zu finden.

Meike: Leben. Politik. Die Fragen meiner Kinder. Meine Arbeit mit Jugendlichen.

Max: Das Leeeeeben.

Philipp: Fahrrad fahren. Da fallen einem meistens brauchbare Sachen ein.

Dein bester Einzeiler?

Fee: „Konrad hört ihm auf“.

Max: Hm. Da kann ich mich schlecht entscheiden. Blöde Antwort, ich weiß; kann man jetzt mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen, wobei ich immer sag: wenn ein Auge lacht und eins weint, ist eins davon wahrscheinlich entzündet.

Philipp: Habe keinen, aber ich habe einen Lieblings – Einzeller: Das Pantoffeltierchen.

Dein Lesetipp für diesen Sommer:

Julius: „Ein Lied für die Vermissten“ von Pierre Jarawan

Fee: Oh, ich finde es immer so fies, nur ein Buch zu empfehlen! Darf ich mehrere?
Ich mach mehrere, ja?
„Sprache und Sein“ von Kübra Gümüşay ist ganz toll!
Meine eigene Textsammlung „Feeminismus“ (erschienen im Lektora Verlag) eignet sich auf prima für den Sommer.
Und mit „Die beste Depression der Welt“ von Helene Bockhorst hat man noch ein bisschen Prosa, bei der man lachen und weinen muss, was will man mehr?

Meike: Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“

Max: Tilman Rammstedt – Morgen mehr & Tilman Rammstedt – Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters. Fuck, dieser Mensch ist genial und bekommt viel zu wenig Aufmerksamkeit.

Philipp: „Herkunft “ von Saša Stanišić . Hat nicht konkret was mit diesem Sommer zu tun , aber lese ich gerade und finde ich ziemlich gut.

Witz oder Ernsthaftigkeit?

Fee: Ich dachte auch länger, das könnte man trennen. Mittlerweile glaube ich, es gehört zusammen und man sollte einfach ausdrücken, was man eben sagen muss oder will, egal auf welche Weise! Ich mische das inzwischen gerne. Ein Text, bei dem man Lachtränen in den Augen hat, kann ja dennoch einen ernsten Anspruch haben.

Max: Witz. Aber der funktioniert ohne Ernsthaftigkeit selten.

Philipp: Witze können eine sehr ernsthafte Angelegenheit sein. Lol.

In dieser Münchner Location muss man mal einen Slam erlebt haben:

Julius: Im Lustspielhaus oder im Substanz.

Fee: Natürlich das Substanz! Aber wenn man alle Seiten vom Münchner Slammilieu kennen lernen will, dann sollte man auch mal ins Lustspielhaus, da ist wieder eine ganz andere Stimmung, viel gemütlicher und edler, genauso im Ampere, wo teilweise richtige Konzertstimmung aufkommt. Und wer meinen persönlichen Slamweg nachvollziehen will der sollte auch mal zu Bless the Mic“ in die Glockenbachwerkstatt, hier kann man nämlich die frischen Talente entdecken.

Max: Substanz!

Philipp: Vom Event-Charakter her: Muffathalle. Fürs Feeling: Glockenbachwerkstatt.

Du hast einen Poetry Slam gewonnen: Pfeffi oder Sektdusche?

Julius: Hoffentlich bleibt mir die Dusche erspart, aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann Sekt, damit ich nicht wie ein wandelndes Pfefferminzbonbon rieche.

Fee: Nix von beidem. Ich trinke nicht. Dafür dekoriere ich ganz gerne meine Wohnung mit Whiskeyflaschen und habe sehr dekadente Erinnerungen an einen Sieg in Österreich, bei dem niemand mehr den Champagner wollte und ich daraufhin darin geduscht habe.

Meike: Weder noch. Nur härteren Alkohol und den wiederum nur zu Desinfektion. 

Max: Am besten gar keinen Alkohol, sondern eine Spende für irgendwas Sinnvolles.

Philipp: Mir ist der Preis eigentlich meistens egal. Trinken tue ich lieber Sekt als Pfeffi.

Was macht dir an Poetry Slam am meisten Spaß?

Fee: Seit der Pandemie weiß ich wieder sicher, dass es diese besondere Bühnenenergie ist, die Kommunikation zwischen Publikum und Vortragender. Aber es ist auch ganz sicher der Austausch im Backstage, die herzliche Begrüßung, das gegenseitige Pushen, Gespräche mit spannenden Menschen und die Szene.

Meike: Die Begegnungen mit Menschen und Sprache.

Max: Leute zum Lachen zu bringen und die Freiheit, wirklich alles tun und ausprobieren zu können.

Philipp: Die direkte Interaktion mit dem Publikum.

Drei Worte zu Corona:

Julius: Hoffentlich bald vorbei.

Fee: Nicht NUR scheiße.

Meike: Reicht auch wieder.

Max: Muss nicht sein.

Textproduktion in Zeiten von Corona: Läuft?

Julius: Überhaupt nicht. Liegt aber auch am Studium.

Fee: Hahaha, nein.
Also, neue Kurztexte sind bei mir ganz und gar nicht entstanden, dazu fehlte mir der Input, die Inspiration, ich wollte nicht das reproduzieren, was ohnehin alle schon gedacht haben. Dafür hatte ich plötzlich zeitliche Kapazitäten, größere Schreibprojekte anzugehen. Daher auch die drei Worte: Es ist eine furchtbare Pandemie, die viele Todesopfer gefordert hat und meinen Beruf vermutlich für immer verändert. Trotzdem konnte ich für mich persönlich auch positive Folgen aus der Zeit ziehen.

Max: Die war anfangs katastrophal. Aber so peu à peu entstanden kleinere Comedy-Bits und hier und da sogar auch der ein oder andere Text sowie ein guter Batzen Roman-Seiten. Also eigentlich kann ich nicht klagen, auch wenn ich natürlich gerne produktiver gewesen wäre. Aber das geht mir eigentlich immer so, von daher: mei.

Philipp: Im Großen und Ganzen ja.

Corona als Thema in Poetryslam-Texten?

Fee: Please don´t! Wobei ich da noch mal unterscheide: Ich habe viele Texte von jungen Menschen bekommen über die Zeit, die das Thema für sich unebdingt verarbeiten mussten und das zum Teil extrem literarisch geschafft haben. Das finde ich legitim. Aber wenn ich auch nur einen einzigen Klopapierwitz auf der Slambühne höre, wenn es wieder losgeht, bewerfe ich diesen Menschen mit Hygienesprays.

Max: Niemand hat die Absicht, einen Corona-Text zu errichten.

Philipp: Kann man schon machen. Ich persönlich habe aber nichts Derartiges in Planung.

Was macht die Stadt im Bezug auf Kulturschaffende in der Krise im Moment falsch?

Max: Puh, also ich bin kein Politiker und tue mich da bisschen schwer, eine halbwegs gescheite Aussage zu treffen. Aber eine Sache fällt mir ein: Für manche KollegInnen war es absurd schwer und ein bürokratischer Irrsinn, die Künstler*innenhilfe zu bekommen; 74 PDF-Seiten mit Rechnungen, Zahlungseingängen und anderen Nachweisen haben zeitweise immer noch nicht gereicht. Was soll man denn noch tun, um zu beweisen, dass man von Kunst lebt?  

Philipp: Da fehlt mir ehrlich gesagt der Durchblick. Was sollten wir aus der Pandemie lernen? Dass sich selbstverständlich Geglaubtes wesentlich schneller ändern kann als man für es möglich hält.

Und was läuft richtig?

Max: Dass es die Künstler*innenhilfe grundsätzlich gibt, dass große Locations bezahlte Stream-Shows anbieten, dass Open-Air-Veranstaltungen (wieder) möglich (wenn auch sehr selten) sind.

Was sollten wir aus der Pandemie lernen?

Julius: Das wir in einer Gesellschaft leben, die nur funktionieren kann, wenn jede*r nicht nur an sich selbst denkt, sondern auch an alle Anderen.

Fee: Dass Kunst und Kultur ganz wichtige essentielle Teile gesellschaftlichen Lebens sind und die Ausübenden unterstützt und gefördert werden müssen.
Dass viele „systemrelevante“ Berufe diese Relevanz auch in Form von Anerkennung, Arbeitsbedigungen und Bezahlung spüren sollten.
Dass es auch mal ohne Fernreisen und Oktoberfest geht, und wir gemeinsam sehr viel dazu beitragen können, dieser Umwelt gut zu tun.
Dass Schule digitale Formate braucht – auch ohne Krise.
Dass wir viel mehr in den Ausbau von sozialen Netzen und Hilfsorganisationen stecken müssen, damit nicht die Schwächsten in einer Krise die sind, die runterfallen.
Und dass Solidarität etwas Stärkendes und Schönes sein kann, mit der man viel gemeinsam bewirken kann. 

Max: All die Dinge wertzuschätzen, die wir vorher für selbstverständlich gehalten haben.

Philipp: Dass sich selbstverständlich Geglaubtes wesentlich schneller ändern kann als man für es möglich hält.

Eine kleine Fantasiereise:

Die Welt ist von einem Tag auf den anderen coronafrei. Du sitzt beim morgendlichen Kaffee in der Küche als dich die Nachricht erreicht.

Was würdest du als Erstes tun?

Fee: Ich glaube, ich würde sofort alle Lieben abklappern und so lange umarmen, wie wir es nur aushalten können. Vor allem meine Großeltern! 

Meike: Die Tasse austrinken und mich mit meiner Familie in den Zug setzen, um all die lieben Menschen besuchen und umarmen, die wir so lange nicht nah bei uns haben konnten.

Max: Den morgendlichen Kaffee leer trinken.

Wollen wir überhaupt dahin zurück, wo wir vor der Krise waren?

Max: Zum Teil. Nein: weil wir die Erde mit Vollgas an die Wand gefahren haben. Und das ist blöd. Wir brauchen die nämlich noch. Ja weil: ICH (und viele andere auch) WILL WIEDER (pandemiefrei) AUFTRETEN!

Fee: Was die körperliche Nähe von Menschen, die ich gern habe, betrifft: Ja bitte!
Was meinen Beruf betrifft: Ja unbedingt!
Was mein Studium betrifft: Oh ja, ich möchte bitte wieder live Gesangsunterricht haben!
Aber natürlich gibt es auch viele Dinge, die uns als Gesellschaft jetzt erst so richtig bewusst geworden sind und da können wir hoffentlich etwas ändern nach der Pandemie.

Meike:  Nicht in allen Bereichen. Ich begrüße jede Entwicklung, die sich nicht mehr ausschließlich an Geld, Wachstum und Macht orientiert.

Dein Tipp für das Jetzt:

Julius: Sich über die Normalität freuen, die wir schon wieder haben aber im Hinterkopf behalten, dass es an uns ist eine zweite Welle zu verhindern.

Fee: Lest viel, behaltet die Kulturschaffenden im Blick und seid solidarisch!
Es gibt viele Möglichkeiten, seine Mitmenschen gerade zu unterstützen, auch finanziell.
Und für alle, die berechtigte Schwierigkeiten haben, durchzuhalten: Seid laut und macht auf eure Probleme aufmerksam, wenn es geht! Manchmal kann Kunst übrigens auch helfen, eine individuell schwierige Situation durchzustehen. Vielleicht hilft jetzt für die Psyche erst mal ein Slamtext auf Youtube.

Meike: Seit all euren Mitmenschen menschlich so nah wie möglich. Soziale Distanz sollte sich ausschließlich auf ein Metermaß beziehen.

Max: Verurteilt euch nicht für eure gefühlte Faulheit oder Inaktivität. Das ist normal, das ist okay, es geht allen so. Wenn ihr es schafft und euch aufraffen könnt, nehmt euch irgendein mittelgroßes (coronakonformes) Projekt vor und arbeitet daran. Tut was, was ihr schon lange mal tun wolltet, irgendwas. Lest Bücher. Und wenn euch ein Magazin sagt, einen Corona-Tipp zu geben, scheißt drauf und gebt einfach vier (bzw. fünf).


Beitragsbild: © Photo by Mohd Zuber saifi on Unsplash

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