Kultur

Munich Disco: „Alle Schalen, alle Teller waren voller Koks“

Sebastian Gierke
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Ein Typ, der aussieht wie ein Popstar, will in eine Münchner Disco. Der Türsteher sagt: Nein. Der Typ, der aussieht wie ein Popstar, behauptet, er sei der Schlagzeuger von Queen. Der Türsteher ist wenig beeindruckt, erklärt ihm, dass das gerade jeder Zweite behauptet und zieht die Tür zu. Der Typ, der aussieht wie ein Popstar ist ein Popstar. Der Typ ist Roger Tyler. Der Typ ist der Schlagzeuger von Queen.
Es ging um die Discostadt München, gestern im Werkraum der Kammerspiele. Es war eine lustige Anekdotenrunde.

Geladen hatte der Zündfunk, gekommen waren Marc Gegenfurtner vom Kulturreferat, Mirko Hektor, DJ und Herausgeber des Buches „Mjunik Disco“, Labelbetreiber Benji Fröhlich (Permanent Vacation Records), Musiker Bernd Hartwich (früher Merricks heute Der Englische Garten), der Schlagzeuger Curt Cress und Bassist Lothar Meid. Roderich Fabian stellte die Fragen.

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Der Abend wurde, wie fast nicht anders zu erwarten, eine Show der beiden älteren Herren, eine Show von Meid und Cress. Die anderen diskutieren ein bisschen über Popförderung und Nicht-Popförderung, Orte für Subkultur in München über den Sound von München, den sie irgendwann für sich entdeckt haben.

Doch Cress und Meid, die beiden waren dabei, als München zur Discohauptstadt der Welt wurde, als in den Musicland Studios das erfunden wurde, was später als der Sound of Philadelphia vermarktet wurde. „Die Amis beanspruchen ja gerne alles für sich“, lacht Cress. Doch die hohen Strings über dem Four-no-the-Floor-Beat, das kommt aus München.

Die beiden arbeiteten bei hunderten Produktionen in den 1970ern und 1980ern mit. Sie arbeiteten mit Giorgio Moroder, dem Mythos, dem Erfinder der Synth-Disco-Musik, dem Entdecker von Donna Summer. Er vor allem ist es gewesen, der München für einige Jahre zur Disco-Hauptstadt der Welt machte.

„Es war aber auch die Aura, der Vibe von München, der alle hierher gelockt hat“, weiß Lothar Meid, der die Sonnenbrille und seine Mütze den ganzen Abend nicht abnimmt. Nicht nur Disco-Musiker. Es kamen Queen, die Rolling Stones, Iron Maiden, Iggy Pop, Spandau Ballet, Led Zeppelin, Electric Light Orchestra, Deep Purple, Uriah Heep, Falco und viele mehr.

Dabei waren die Musicland-Studios gar nicht luxuriös. „Die waren eng“, sagt Meid. Und Cress erzählt: „Der Aufnahmeraum fürs Schlagzeug war voller Spiegel, hatte einen Blechboden. Der gab kaum Tiefen her, das hat nur geknallt. Wenn du da ohne Köpfhörer gespielt hast, hast du danach drei Wochen nichts mehr gehört.“

Und doch wurden sogar die Münchner Philharmoniker in dieses Studio beordert, auf Disco „getrimmt“. Cress lacht. „Die mussten lernen, auf den Punkt zu spielen.“

Aus heutiger Sicht, die Krise der Plattenindustrie vor Augen, ist es kaum mehr vorstellbar, wie Pop damals München mit Glamour, Hedonismus und Dekadenz überzogen hat. Für die Musiker glitzerte und glänzte die Stadt.

„Der Freddie“, erzählt Cress, „der hat Musicland einfach für zwölf Monate gemietet. Die Studios kosteten damals, umgerechnet auf heute, 3000 Euro am Tag. Er hat sich zwölf Monate gemietet, der Freddie.“ Cress, als Schlagzeuger engagiert, kam deshalb relativ früh, gegen 11 Uhr Vormittags. „Doch der Freddie tauchte erst um 4 Uhr auf. Am nächsten Tag bin ich dann um ein Uhr gekommen, und der Freddie kam um fünf Uhr Nachmittags.“

Dann versucht sich Cress daran zu erinnern, ob er mit Amanda Lear in München Aufnahmen gemacht hat. Sie war Model, später Sängerin, ist berühmt geworden, weil sie auf dem Cover der Roxy Music-Platte „For Your Pleasure“ zu sehen war. Cress kann sich nicht mehr erinnern.

Meid lacht – und legt mit einer eigenen Geschichte nach: „Ike Turner hat München als Ausgangspunkt und Zentrale für seine Europatournee genommen. Die haben dann im teuersten Hotel eine gesamte Etage gemietet und da waren dann alle Teller und Schalen die aufzutreiben waren voll mit Koks, alle Mädchen der Stadt wurden eingekauft und dann wurde gefeiert.“

Und dann sagt er: „Das war München damals.“

Es wäre interessant gewesen, die Anwesenden zu fragen, ob die Stadt das alles angezogen hat und wenn ja, warum? Oder war es Zufall? Zu fragen, wie das alles die Stadt verändert hat, was es mit den Menschen gemacht hat, was es mit den Menschen macht, in einer Stadt zu leben, die in der Welt als Disco-Metropole gilt, ob es sich in den Code der Stadt eingeschrieben hat, ob es immer noch zu spüren ist in den Clubs am Altstadtring, ob München einfach Disco ist. Welche Rolle spielt das Körperliche, der Katholizismus?

Die Zeit hat dafür nicht gereicht, die Geschichten waren zu gut. Und die High Voltage Humans warteten, um ihre Version der Münchner Disco zu Gehör zu bringen.

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Das ist München heute. Eine weibliche und eine männliche Discokugeln, tanzden, zwischen Moroder, Kraftwerk und Industrial.

Die Zukunft der Munich Disco? Sie brauchen vielleicht noch etwas Zeit, einige Songs klingen ein wenig eindimensional, bei anderen ist er jedoch zu spüren, der Vibe. Lothar Meid jedenfalls signalisiert lachend und kopfnickend Zustimmung. Dann steht er draußen vor der Tür, bedrängt von zwei jungen Mädchen. Warum es denn damals so wenig Frauen gegeben habe, die Musik gemacht haben? Nur Groupies? Jetzt nimmt Meid tatsächlich die Sonnenbrille ab.

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