Kultur, Kurios

Nächtliches Nacktringen

Ina Hemmelmann

Schreibt, schneidert, spielt manchmal mit Puppen, mag Dekonstruktion, Unfug und Käsekuchen.
Ina Hemmelmann

andi huber photography andreas huber spencer tunick oper münchen (2)

Nackig in München ist an und für sich kein seltener Anblick – pflegen doch genügend Münchner die Freikörperkultur im Englischen Garten oder am Flaucher. 1700 nackte Menschen in der Innenstadt trifft man jedoch nicht alle Tage. Für eine Fotoinstallation des US-amerikanischen Künstlers Spencer Tunick ließen sie die Hüllen fallen und posierten für Motive, die von Richard Wagners Ring-Zyklus inspiriert waren. Die Bayerische Staatsoper hatte den Fotografen eingeladen, um mit der Aktion die Opernfestspiele 2012 zu eröffnen.

Seit 20 Jahren realisiert Tunick Projekte mit Nackten in aller Welt. In Deutschland fand bisher nur eine kleinere Aktion mit 800 Teilnehmern 2006 in Düsseldorf statt. In München fotografierte er nun zum ersten Mal im urbanen Raum mit Farbe bemalte Menschen.
Als Opernmädchen, Kunstfreundin und überhaupt für jeden Unfug zu haben, wollte ich mir dieses Event nicht entgehen lassen. Vor allem weckte meine Neugier, was wohl zwischen den Menschen passiert, wenn sie sich in der Menge ihrer Kleider entledigen und nackt an Orten bewegen, an denen dies sonst nicht möglich ist.

andi huber photography andreas huber spencer tunick oper münchen

Samstag morgen um 3 Uhr startete die Aktion auf dem Marstallplatz: eine lange Schlange an Freiwilligen stand schon bis zur Maximilianstraße an, als ich gegen 2.44 Uhr ankam. Relativ zügig erhielten die Teilnehmer Plastiktüten für ihre Kleider und eine Dose mit Körperfarbe. Ich hoffte sehr auf Gold, da ich aus diversen Haarfärbeexperimenten noch in Erinnerung hatte, wie gut (zu gut…) rote Pigmente haften. Leider hatte ich Pech und öffnete eine rote Dose… Den Marstallplatz unterteilten Gitterabsperrungen um rote und goldene Teilnehmer zu sortieren. Hier kam zum ersten Mal in dieser Nacht das Gefühl auf, sich in einer Tierherde zu bewegen. Bis alle 1700 Mitwirkenden mit Farbe versorgt waren, hieß es zunächst Warten. Über eine Stunde saßen wir im Dunkeln auf dem Marstallplatz ohne weitere Anweisungen. Immerhin: Dixiklos standen zur Verfügung und Helfer schenkten Tee aus.

Als dann nach 4 Uhr endlich Tunicks Team Leitern aufrichtete und von dort oben mit Megafonen die Menschen begrüßte, besserte sich die Informationslage nur bedingt. Vom Gesagten kam dank Widerhall und Megafonrauschen leidlich wenig bei uns an, nachdem aber gefühlte 100 Mal wiederholt wurde, dass AUCH die Haare und Fußsohlen anzumalen seien und Teilnehmer, die NICHT VOLLSTÄNDIG mit Farbe bedeckt wären, aus der Menge gezogen würden, wussten wir schließlich, worauf es ankommt. Warum die Staatsoper, die bestens mit Veranstaltungstechnik ausgerüstet ist, hier keine Lautsprecher samt Mikrofon installiert hatte, ist mir nach wie vor schleierhaft. Über frühzeitigere Ankündigungen oder einen kleinen Flyer mit Infos zum weiteren Ablauf hätte ich mich außerdem gefreut.

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Der Stimmung auf dem Platz tat das glücklicherweise kaum Abbruch: man plauderte gemütlich, fror zugegebenermaßen bei etwa 15°C ein wenig, manche schliefen, andere tranken Tee. Erwartet hatte ich vor allem mittelaltes und kulturaffines Opernpublikum unter den Teilnehmern, doch vor allem junge Leute unter 30 stellten den Großteil der Menge. Als uns schließlich mitgeteilt wurde, wir sollen uns jetzt ausziehen und bemalen, wirkte das nach dem Sitzen und Warten richtig befreiend: Die Klamotten flogen, die Laune stieg, Farbkleckse überall – und keine Hemmungen. Es fiel allen erstaunlich leicht, sich auszuziehen, einzufärben und gegenseitig die letzten Hautstellen zu bemalen. Fremde baten einander um Hilfe, Berührungsängste verabschiedeten sich.
Blickte ich an mir herunter, schienen mir meine rundum roten Gliedmaßen ganz fremd und nicht zu meinem Körper gehörig. Flott hatten alle die Farbe aufgetragen und wir Roten zogen los in Richtung Ludwigstraße, der ersten Fotostation, während die bald Goldigen, noch bekleidet und unbemalt, uns fröhlich zujubelten.

Noch hielt sich das Frieren in Grenzen, es herrschte gespannte Aufregung. Und Barfuß durch den Hofgarten erforderte höchste Konzentration. Das seitens der Oper angekündigte Abschotten vor Neugierigen funktionierte offensichtlich nicht ganz so wie geplant – schon im Hofgarten begegneten uns zwei heimkehrende Partygäste auf dem Rad. „Auszieh’n! Auszieh’n!“-Rufe seitens der Nackten blieben nicht lange aus, woraufhin einer der beiden Jungs tatsächlich die Kleider ablegte und sich mit roter Farbe einstreichen ließ. Kaum ist die Mehrheit nackt, kehrt sich die Wahrnehmung um und Bekleidete wirken unnormal und fehl am Platz.

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Auf der Ludwigstraße angekommen stellten wir uns für das erste Bildmotiv auf. Tunick und ein Übersetzer verkündeten von einer Hebebühne aus, wie wir uns zu positionieren hätten. Helfer ordneten die, die aus den Reihen tanzten. Das ganze erfolgte in zackigem Kommandoton: „Hands down! Don’t smile! Lay down!“. Bis zum letzten Bild vor der Staatsoper änderte sich an diesem Tonfall nichts. Gut, mag man einwenden, 1700 Menschen in Schach zu halten ist nicht ohne. Meinen Respekt hätte Tunick jedoch dann erhalten, wenn er entspannter und auch dankbarer mit seinen Nackten gesprochen hätte. Schließlich häte er ohne unsere Bereitschaft, nachts nackt und bemalt zu frieren, seine Ideen nicht realisieren können. Bis zum Ende der Aktion fiel vielleicht zwei oder drei Mal ein „Dankeschön“. Weiter ging es für Aufnahmen vor der Feldherrenhalle und anschließend zum Max-Joseph-Platz – da dort jedoch zunächst die Goldbemalten arrangiert und abgelichtet wurden, hieß es nochmal warten. Zehn Minuten sagte man uns. Letztlich standen wir hier fast eine Stunde in der Kälte, Frieren hielt zumindest wach, ich begann mich zu fragen, ob es das alles wert war. „Während der eigentlichen Installation sind Sie nur kurze Zeit nackt.“ kündigte die Staatsoper vorab an. Letztlich verbrachten wir fast vier Stunden nackt in der Stadt. Wie viele Blasenentzündungen und Erkältungen daraus hervorgehen, will ich nicht wissen…

Gegen acht Uhr (und nicht, wie angegeben um 10 Uhr) endete die Aktion, wir erhielten Einwegoveralls, um unsere Kleider zu schonen. Die versprochene begrenzte Anzahl an Duschen entpuppte sich als mehrere Wasserschläuche und man drückte uns eine kleine Flasche Spülmittel in die Hand. Mir graute vor dem Abwaschen der Farbe. Zuhause angekommen verbrachte ich zwei Stunden in der Badewanne. Nach dem Viehherdefeeling während der Aufnahmen nun Schlachthaus im Badezimmer: Die rote Farbe rinnt und rinnt. Mehrfach seifte ich mich rundum ein, schäumte die Haare, schrubbte meine Haut mit dem Schwamm, nur um hinterher immer noch einen rosafarbenen Stich im Haar und an schwer erreichbaren Körperstellen zu haben. Weil das noch nicht genug ist, konnte ich hinterher noch ausgiebig das Badezimmer putzen (nur um auch Tage später noch rote Flecken an undenkbaren Stellen zu entdecken…)

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Die Pressemeldungen überschlagen sich nun förmlich nach der Aktion: Tunick zeigt sich in Interviews begeistert, Journalisten loben in höchsten Tönen, auch die Staatsoper ist hochzufrieden mit dem Festspielauftakt. Nazivergleiche ließen natürlich ebenso nicht lange auf sich warten: wie man nur in München mit Menschenmassenästhetik spielen könne…! Als Mitwirkende kann ich nicht leugnen, dass auch mir zwischendurch kurzzeitig unschöne Assoziationen kamen, jedoch erlebte ich diese Gefühle selbst und nicht aus voyeuristischer Perspektive vom Rande des Geschehens. Die Erfahrung will ich trotz Frieren und Farbe nicht missen, in Zukunft verzichte ich jedoch dankend auf derartige Projekte… Vor allem der Tonfall gegenüber den Freiwilligen lässt mich mit gemischten Gefühlen an die Aktion zurückdenken. Ob der zur Performance gehörte? Zur Schaffung des total(itär)en Kunstwerkes? Wagner und sein Gesamtkunstwerk lassen grüßen…

Die Fotos hat uns netterweise Andreas Huber Photography zur Verfügung gestellt. Hier kommt ihr zu seinem Blog!

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