Die junge Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani) präsentiert sich als neue Kandidatin für den Gemeinderat.
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Neuer Film aus Saudi-Arabien: „Die perfekte Kandidatin“ ab Donnerstag in den Kinos

Felix Canditt

Speckgürtel-Kind auf der Durchreise. Obacht, vor mir ist kein Kino sicher! Was in München urbaner als in Berlin ist? Dass man im Bus hinten einsteigen darf.
Felix Canditt

Eine junge Ärztin in Saudi-Arabien setzt sich für die Verbesserung ihrer Arbeitssituation ein, doch bald geht es um das große Ganze. Falsch liegt, wer jetzt einen Film erwartet nach Schema F: „Frau in unfreiem Land kämpft gegen Unterdrückung und stößt sich den Kopf an“ (was der deutschsprachige Trailer leider ein bisschen suggeriert). „Die perfekte Kandidatin“ geht die Sache subtil und humorvoll an und legt Wert auf die Entwicklung der Filmfiguren.

Aus Versehen in die Politik

Mehr versehentlich als bewusst lässt sich die junge saudische Ärztin Maryam als Kandidatin für den Stadtrat aufstellen. Sie empfindet die Umstände in dem Krankenhaus, in dem sie arbeitet, als untragbar und möchte daran etwas ändern. Vor allem geht es Maryam um die Asphaltierung der Zufahrtsstraße zur Klinik. Ihre zwei Schwestern und ihr Vater, mit denen sie zusammenlebt (die Mutter ist vor Kurzem verstorben), reagieren anfangs verhalten und fürchten um den Ruf der Familie. Maryam versucht also zunächst, ihre engsten Verwandten von ihrem Wahlkampf zu überzeugen. Es ist berührend zu sehen, wie sich die junge Frau erst zaghaft und dann immer selbstbewusster Gehör verschafft und Respekt gegenüber ihrem politischen Engagement einfordert.

Den Alltag beobachten

Die Reaktionen auf Maryams Einsatz fallen unterschiedlich und manchmal unerwartet aus. Man kann dabei zusehen, wie sie von einer sozialen Situation in die nächste gerät und nebenbei ihren Alltag bestreitet. „Die perfekte Kandidatin“ schafft es dabei, die Vielschichtigkeit von Maryams Alltag und sozialem Umfeld zu porträtieren, ohne in Klischees zu verfallen. So bekommt man einen ungewohnten Einblick in das Alltagsleben Saudi-Arabiens. Traditionell gekleidete saudische Männer im bodenlangen weißen Thawb und weiß-roten Kopftuch Schemagh kennt man vielleicht aus den Nachrichten als Teilnehmer an internationalen Konferenzen, aber nicht in einem Spielfilm die traditionelle Laute Oud spielend und dazu kitschige Lieder singend.

Zwischen Religion und Social Media

Den Film durchzieht der Kontrast zwischen konservativ und religiös orientierter Gesellschaftsordnung einerseits und Musik, Politik und sozialen Medien andererseits. Die Verschleierung bei Verlassen des Hauses und regelmäßige Gebete gehören genauso selbstverständlich zu Maryams Alltag wie Youtube, wo sich Maryam von Kochvideos und einem dilettantischen Wahlkampfvideo eines US-amerikanischen Lokalpolitikers inspirieren lässt. Während Maryams eigenes Wahlkampfvideo dank Verbreitung auf Whatsapp viral geht, scheint ihr Vater der Vergangenheit nachzutrauern und läuft mit einer Kassette mit Liebesschnulzen herum.

Zwischen Zensur und Mariah Carey

„Die perfekte Kandidatin“ gibt Auskunft über die aktuelle Lebenssituation in einem von strikten Verhaltensregeln geprägten Land, in das die globalisierte Popkultur Einzug hält. Saudi-Arabien erlebt einen Prozess der kulturellen Öffnung, wie die Deutsche Welle vor Kurzem berichtete. 2018 eröffnete das erste Kino nach 35 Jahren, 2019 trat Mariah Carey auf. Allerdings werden weiterhin Regierungskritiker*innen, darunter auch Frauenrechtsverteidiger*innen, ins Gefängnis gesteckt. Unter diesen Umständen kann man die leisen Töne der Kritik in „Die perfekte Kandidatin“ durchaus als Kampfansage verstehen. Schließlich fordert Maryam, als Frau ernst genommen zu werden und stellt sich mutig gegenteiligen Ansichten entgegen. Die teilweise überraschend bissige Systemkritik ist fein dosiert und humorvoll verpackt in Nebensätzen versteckt, die dafür umso mehr nachhallen.

Kritische Krallen

Dank der sympathischen, glaubwürdigen und vielschichtigen Charaktere wird einem*r beim Schauen von „Die perfekte Kandidatin“ warm ums Herz. Es wird nie langweilig, weil der Film ein paar gute Lacher parat hält und unerwartet scharf und treffsicher seine kritischen Krallen ausfährt. Alles in allem eine detailreiche und interessante Studie über ein gesellschaftliches Milieu, in das man sonst eher wenige Einblicke bekommt. Kein Wunder, zumindest was das Kino angeht: „Die perfekte Kandidatin“ ist der zweite Spielfilm der Regisseurin Haifaa al-Mansour, die 2012 mit „Das Mädchen Wadjda“ den ersten Kinofilm in Saudi-Arabien überhaupt drehte.

Trailer und Münchner Vorführungen

Hier siehst Du die Münchner Vorführungen von „Die perfekte Kandidatin“ ab Donnerstag, 12.3.2020.


Bilder: Neue Visionen Filmverleih

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