Kultur, Live

Solo unterwegs

Lara Schubert

Lara, liebt Theater, Tanz, Essen und diese Stadt. Ein Münchner Lockenkopf, der seine Nase in alle (Kultur-) Angelegenheiten steckt und sie hier gerne mit euch teilt.
Lara Schubert

Aller höchste Zeit im Festivaltrubel der TANZWERKSTATT EUROPA Zwischenbilanz zu ziehen.

Das Programm der Tanzwerkstatt hat nach dem fuliminanten Opening, vorallem einen Fokus: Den Tänzer in seiner Soloperformance. Den Anfang macht Steve Paxtons Bound.

Ein Umzugskarton mit Hosenträgern

Jurij Konjar betritt die Bühne, beinah könnte man es watscheln nennen, wie er den Umzugskarton um die Hüften schwingend, den Bühnenraum betritt. Der Umzugskarton wird behutsam umgebaut und bekommt ein Carmoflagemuster, das perfekt mit einem der einzigen Requistiten harmoniert; eine Wand, ebenfalls in Carmoflagemuster, angestrahlt durch einen Beamer. Der Sound dazu, drückt schwüles Tropengezirpe und hupenden Großstadtsmog durch die Lautsprecher. Wo sind wir? In der Großstadt, im Tropendschungel, im Kriegsgebiet in Vietnam? Jurij Konjar windet sich zu blecherenem, undefinierbarem Hintergrundrauschen. Er ist einer dieser übrig geliebenen Veteranen, gestranded in einer Welt, die ihm mal bekannt war und jetzt so vollkommen fremd erscheint.

Steve Paxton hat mit Bound 2014 den goldenen Löwen der Biennale von Venedig gewonnen. Mit einer Performance, die er 1982 eben mal nebenbei auf Tournee entwickelt hat und nun vor zwei Jahren, dem jüngeren Tänzer Jurij Konjar aus Lubljana weitergegeben und dadurch zu neuem Leben erweckt hat. Bound thematisiert Stoff, der leider auch nach über zwanzig Jahren noch brandaktuell ist: Der Überlebenskampf nach dem Überleben.

Movement on Movement (c) Chiara Valle Vallomini

Movement on Movement
(c) Chiara Valle Vallomini

 

Das Wer, Wie, Was im Tanz

Unentschlossen steht das Publikum im Kunstbau und wartet auf Anweisung. Keine Stühle in Sicht. Nur dieser weite lange Raum, getrennt durch das das Licht der vier Neonröhren an der Decke; grün,blau,gelb und rosa (Installation Untitled: Dan Flavin). Wie eine große leere Bonbonschachtel. Endlich kommt die ersehnte Anweisung an das Publikum, es soll sich doch einfach auf den Boden setzen, aber genau hier, denn dort wird der Künstler stehen. Man schart sich brav um etwas was hier gleich stattfinden soll.

 

Noé Soulier ist nicht sofort als der ersehnte Performer zu erkennen. In seiner blauen Chinohose und dem grauen Shirt passt er perfekt in die kunstinteressierte Menschenansammlung, aber er ist barfuß und stellt sich in die Mitte des Menschenkreises. Was folgt ist belehrend, interessant und auf simple Weise fesselnd. Denn Souliers Performance Movement on Movement nimmt den Tanz unter die Lupe. Ausgangspunkt sind die „Improvisation Technologies“ von William Forsythe aus dem Jahr 1999. Aber auch Trisha Brown fließt  immer wieder ein, während der junge Franzose konzentriert seine Bewegungen veranschaulicht und im selben Moment darüber reflektiert. So lernen wir, dass unsere Alltagsbewegungen sich immer auf etwas Externes beziehen, während tänzerische Bewegunen keinen nach außen gerichteten Zweck erfüllen. Noé Soulier ist Choreograph und Philosoph, so ist es nur folgerichtig, dass er über Tanz philosophiert und weil er das so gut kann, ist es ein paralysierendes Vergnügen, ihm dabei zuzusehen.

I Dance, therefore I Talk  (c) Tim Tom

I Dance, therefore I Talk
(c) Tim Tom

 

We all are a little bit ‘chickenish’

 

Auch das Programm der TANZWERKSTATT folgt einer ausgeklügelten Dramaturgie. So bleiben wir auch am folgenden Abend der Soloperformance treu, es wird jedoch theatraler. I Dance, therefore I talk  von toxic dreams, Performerin Stepahnie Cumming und Regisseur und Choreograph Yosi Wanunu ist nah am Tanz, aber noch näher am Leben.

 

Als Stephanie Cumming den Bühnenraum der Muffathalle betritt, setzt sie sich provokativ in einen Lichtspot auf der eigentlichen Zuschauertribüne, während das Publikum auf einer kleineren, neu errichteten Tribüne gegenüber Platz genommen hat. Verkehrte Welt. Und als ob Cumming die Gendanken des leicht desorientierten und scheinbar deplazierten Publikums lesen könnte, fängt sie an darüber zu sprechen, dass das Theater heutzutage ja eine Zumutung wäre. Man wüsste ja nie was einen erwartet. Mal muss man stehen, liegen, mitmachen oder einfach hüpfen. Recht hat sie!; denkt sich die Menge und lacht zustimmend. Der folgende Abend ist ein One-Woman-Wirbelsturm im Multifunktionskleid, mit dem Stephanie Cumming zwischen neun Lichtspots hin und her hüpft und assoziativ über Tanz, die Bildungsschicht, Menschen in der U-Bahn die einfach nur ihre Ruhe haben wollen, Theater und Musik spricht. Da passierts schon mal, dass Beyoncé und Mozart in der selben Schublade laden. Und irgendwie scheint es dann auch normal, dass Cumming sich ein Hühnchenkostüm anzieht, den Gong schlägt und uns alle als ein bisschen „chickenlike“ oder „chickenish“ bezeichnet.

 

Wer teilt, hat nicht mehr, aber mehr Spaß

 

Martin Schick ist witzig. Und deshalb könnte sein Abend auch witzig werden. So zumindest schon mal die Grundannahme, wenn man weiß, dass der junge Schweizer auch mal eine Comedy Show im Schweizer Fernsehen hatte. Jetzt lebt er in Berlin und arbeitet als Choreograph recht erfolgreich fürs Theater. Warum das so ist, könne man ja zusammen rausfinden, sagt der junge Mann, während er mit Cap, Jutebeutel und relativ angesagten Nike Sneakers auf der Bühne steht, seinen Text von Moderationskärtchen abliest und dabei immer wieder gewinnend ins Publikum grinst.

Gewonnen hat er die Menge eigentlich schon in den ersten anderthalb Minuten. Stumm ein paar Tanzverrenkungen durchführend und dabei ernst dreinblickend, nur um danach mitzuteilen dass man das zahlende Publikum mit dem Titel Tanzwerkstatt Europa nicht reingelegt habe. Das mit der Tanzerei komme jetzt trotzdem nicht mehr vor. Denn in Schicks Programm geht es um die Halfbreadtechnique, inspiriert von bekannten Größen wie Bill Gates, die die Hälfte ihres Vermögens spenden. Auch Martin Schick möchte teilen. Die Hälfte seiner Bühne und seiner Gage, am liebsten mit Performern aus „economical trubeled countrys“. In München ist das etwas schwer. Macht nix, denn die Schweizer sind trotzdem reicher. Immer mehr „halfs“ der Bühne und des Geldes werden weggegeben, bis sich ein Münchner Tänzer, eine griechische, eine finnische und eine australische Tänzerin die Bühne mit Schick teilen. Martin Schick teilt alles mit dem Publikum, sein T-shirt, Nivea Creme, alles was er finden kann und der Zuschauer schwankt zwischen Unsicherheit, Lachanfällen und Faszination. Schon lange wurde die Welt, die Menschen darin und die Probleme mit dem lieben Geld, nicht mehr so schön locker leicht auf den Arm genommen. Geteilte Freude ist eben doppelte Freude.

 

Bis zur finalen Abschlussperformace der Workshopgruppen am Samstag darf man sich noch auf mehr internationalen und zeitgenössischen Tanz freuen. Aber wie sich gezeigt hat, auf noch so viel mehr; vorallem Unerwartetes.

 

TANZWERKSTATT EUROPA 30.7-9.8 (Muffathalle, Kunstbau, Schwere Reiter)

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