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Wie Töne Welten schaffen – ein Gespräch mit einem Sound-Designer für VR-Spiele und 360-Grad-Videos

Klänge können neugierig machen und unsere Aufmerksamkeit lenken. Und auch sie werden designt. Zum Beispiel für Virtual-Reality-Spiele oder 360-Grad-Videos. Wo der Unterschied liegt und welche spannenden Welten sich in Zukunft auftun, hat uns der Sound-Designer Martin Rieger erklärt.

Mitten drin in Ho Chi Minh City

Ich setze den Helm auf und stehe seitlich an einer Straße mit einem Motorrad. Wobei es eher ein Feldweg mit großen Schlaglöchern ist. Hinter mir werden Rufe laut und vermischen sich mit dem penetranten Geräusch von Motorrädern. Ich verstehe nicht genau, was sie sagen. Sie kommen näher. Ausgeblichener Sand staubt auf, als zwei Motorradfahrer an mir vorbei knattern. Jetzt sind sie schon um die nächste Kurve und ihre Stimmen werden leiser, als sie in Richtung Dschungel fahren. Noch einmal schaue ich nach hinten, bevor ich Gas gebe, mein Motor heult auf und ich folge ihnen. Als ich nach oben in den diesigen Himmel blicke, erscheint eine Karte voller weißen Linien. Es ist eine Weltkarte.

Ich ziehe den Helm, also eigentlich die Brille und die Kopfhörer, ab und sitze inmitten eines kleinen Tonstudios in der Goethestraße, schräg gegenüber vom Hotel Mariandl. Neben mir sitzt Martin Rieger, der mich stolz anlächelt. Das Video hat der Medientechniker mit Freunden zusammen in Vietnam gedreht. Seine Kumpel von der Filmproduktionsfirma FilmCrew Media GmbH waren für die Bilder verantwortlich, er für den Ton. Einen Monat lang waren sie unterwegs. Mit jeder Menge Equipment im Gepäck, von der die Hälfte gleich am Anfang kaputtging. Rausgekommen ist dennoch diese 360-Grad-Doku, die einen hautnah auf eine Backpacker-Tour durch das Land mitnimmt. Ich bin dabei, als sie Schnaps mit eingelegter Eidechse trinken und als sie durch den Trubel von Ho Chi Minh City fahren.

Martin ist Film-Tonmeister für 360-Grad-Videos und Virtual-Reality-Aufnahmen. Noch ist das eine absolute Nische, auf die sich der 25-Jährige gleich nach seinem Studium in Deggendorf spezialisiert hat. Er winkt ab, als ich ihn nach spezialisierten Privatunis frage. „Nein, die braucht kein Mensch, das bekommt man alles auch so hin,“ meint er. Nach München ist er selbst erst im September 2017 gezogen.

„Hier sitzt die komplette Medienlandschaft und somit meine Auftraggeber. Die Entscheidung nach der FH fiel nicht schwer,“ sagt Martin, der vom freiberuflichen Arbeiten neben dem Studium in die Selbstständigkeit startete. Die Doku in Vietnam ist sein Aushängeschild geworden, damit zeigt er, was im Bereich 360-Grad und VR alles möglich ist. Doch bis zur fertigen Doku war es ein langer Prozess.


*Info*Info*Info*

Für VIRTUAL REALITY und 360-Grad-Videos braucht der Zuschauer eine VR-Brille und Kopfhörer. Nur so taucht man komplett in die virtuelle Realität ab (auch Immersion genannt).

360-GRAD-VIDEO: Der Zuschauer kann sich nicht von der Kamera wegbewegen, genießt jedoch eine 360-Grad-Rundumsicht. Die Geschichte wird linear erzählt. Dieses Format kommt oft bei Messeauftritten zum Einsatz, zumBeispiel können Fertigungsbetriebe virtuell besucht werden.

VIRTUAL REALITY, kurz VR: Der Zuschauer wird zum Akteur und kann interagieren. Man kann in das Geschehen eingreifen und den Fortgang der Geschichte bestimmen. Die Story kann dadurch allerdings nicht linear erzählt werden. Dieses Format kommt vor allem bei Computerspielen zum Einsatz.


So hört sich Vietnam an:

Ausgerüstet mit drei Rekordern, zahlreichen Funkmikrofonen und zwei speziellen 360-Grad-Mikros, machte sich Martin 2016 mit fünf Freunden auf nach Asien.

Dort angekommen, kauften sie sich gebrauchte Motorräder und installierten auf einem ein zusammengebautes Kamerasystem, das in alle Richtungen filmt. Direkt darunter kommt das Stativ von Martins 360-Grad-Mikro. Beide Stative werden in der Postproduktion rausretuschiert. Neben den aufgenommenen Geräuschen des Spezialmikros, wurden die Stimmen der Schauspieler und interviewten Einheimischen zusätzlich mit Funkmikrofonen aufgenommen. „Die für Filme typische Ton-Angel braucht bei so einem Dreh niemand mehr, da es bei einem 360-Grad-Film oder einem VR-Film kein „hinter der Kamera“ mehr gibt“, sagt Martin. „Das hieß jedoch auch, dass die gesamte Crew bei einem Take immer hinter dem nächsten Gebüsch oder einer Hausecke verschwinden musste,“ sagt Martin und lacht.

Das Spezial-Mikrofon besteht nämlich aus mehreren Kapseln, die tetraederförmig angeordnet sind, um wirklich alle Töne aus sämtlichen Richtungen aufzunehmen. Martin muss während der Aufnahmen genau hinhören: Landet ein Ton auf mehr Mikros, als er sollte? Gibt es da ein ungewolltes Geräusch, das den Zuschauer später ablenken könnte? Summt zum Beispiel ein Kühlschrank, kann das Geräusch später irritieren. Entweder schaltet er solche Störquellen dann von vornherein aus, oder er passt sie nachträglich in der Postproduktion an. Wenn der Zuschauer mit VR-Brille dann in Richtung des Geräuschs blickt oder sich darauf zu bewegt, muss es ja lauter werden.

Die Zukunft mit VR und 360-Grad

In der Postproduktion, das heißt am Rechner und über Kopfhörer, mischt Martin dann die unterschiedlichen Aufnahmen zusammen. Mittlerweile kommen seine Auftraggeber vor allem aus der Industrie, wie etwa der Automobilbranche oder dem Tourismusbereich. Für Messepräsentationen eignet sich 360 Grad sehr: Da sieht man dann nicht mehr nur die Autos der Zukunft, sondern kann sich auch noch virtuell in sie hineinsetzen und herumfahren. Gerade arbeitet er an der Vertonung eines 360-Grad-Videos im Auftrag des Deutschen Weininstituts. Ein Winzer nimmt einen dabei mit auf seinen Weinberg, zeigt seine Reben und führt einen zum Abschluss in den Weinkeller.

„Was die Zukunft bringt, wird spannend. Noch kann sich niemand so richtig vorstellen, was alles möglich sein wird,“ sagt Martin. Genug Platz für große Ideen und Experimente gibt es also. Egal ob in den Bereichen Bildung, Medizin oder Therapien von Phobien bis Demenz.

Mir persönlich fehlt hier im Studio in der Goethestraße eigentlich nur noch, dass ich auf dem Motorrad die Sonnencreme rieche und die warme Luft auf meiner Haut spüre. Doch auch daran wird bereits gearbeitet, versichert mir Martin.


Dieser Text erschien zuerst im Mucbook Magazin „Design in München“, wenn du mehr daraus lesen willst, schau mal hier rein. 

Beitragsbild: Semjon Düren, Illustration: Gabriel Holzner

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