Stadt

Stillstand zur Weihnachtszeit? „Einfach großartig!“

Marco Eisenack

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Benjamin David ist Mitbegründer der urbanauten. Die Münchner Organisation hat sich zur Aufgabe gesetzt, den immer stärker regulierten und kommerzialisierten Öffentlichen Raum mit ungewöhnlichen Konzepten und Projekten zu befüllen. Benjamin erschien uns als richtiger Gesprächspartner, um über Sinn und Unsinn, Recht und Unrecht der Aktion „Stehen – damit es weiter geht“ richten zu lassen. Sein Urteil viel eindeutig aus: „Sehr viel mehr als „Unfug“, wie es manche Mitglieder der sogenannten Erwachsenengeneration nennen, die zu faul sind sich mit der Stimmungslage und politischen Formaten der jungen Generation zu beschäftigen.“

Wie auch auf mucbook berichtet, wurde am vergangenen Wochenende deutschlandweit zum „Stehen“ aufgerufen. Die beiden Moderatoren Joko und Klaas hatten in ihrer Sendung neoparadise diese Idee als neue Form des Protests entwickelt und mit Promis wie Nora Tschirner auch viele Unterstützter bekommen. In Wirklichkeit ist es natürlich nur Satire. In München hatte das KVR die am Marienplatz geplante Aktion verboten. Eine von Olli K. auf Facebook organisierte Ersatzveranstaltung am Odeonsplatz führte zu einem Großeinsatz der Polizei, der Organisator wurde abgeführt. Nach eigenen Aussagen droht Olli, dass er die Kosten für den Polizeieinsatz übernehmen muss. Hier eine Bildergalerie zur der Aktion inklusive abgeführten „Flashmob-Boss“.

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Du bist Münchens Flashmob-Experte. Warst du am Sonntag am Odeonsplatz?

Physisch: Nein. Virtuell: Ja.

Was hältst du von der Aktion „Stehen – damit es weiter geht“? Die beiden Moderatoren Joko und Klaas machen sich ja im Grunde nur über die Occupy-Bewegung lustig?

Ehrlich gesagt habe ich mich mit Joko und Klaas noch nicht beschäftigt. „Stehen – damit es weiter geht“ finde ich aber als Kommentar zu vielen aktuellen politischen Diskussionen sehr humorvoll und auch sehr viel mehr als „Unfug“, wie es manche Mitglieder der sogenannten Erwachsenengeneration nennen, die zu faul sind sich mit der Stimmungslage und politischen Formaten der jungen Generation zu beschäftigen.

Im konkreten Münchner Fall finde ich die Idee mitten in der Weihnachtszeit in der von der öffentlichen Hand und Privaten vollständig kommerzialisierten und sinnüberfrachteten Fußgängerzone für sinn-losen Stillstand zu sorgen einfach nur großartig. Das ist große Kunst, das ist sehr politisch und darf auf keinen Fall verboten werden in unserer Demokratie!

Die berechtigten Sicherheitsbedenken des KVRs (Panik, Gedränge) haben die Erfinder erstgenommen. Das finde ich gut. Das jetzt am Odeonsplatz (wo Gedränge nicht entstehen kann!) der Organisator festgenommen wurde, verurteile ich auf’s schärfste! Was ist das für eine Botschaft des „Systems“ an engagierte junge Leute.

Die Urbanauten beschäftigen sich schon lange mit der Frage: Wem gehört der Öffentliche Raum. Daher die Frage an Dich, darf die Polizei einen Flashmob verbieten?

Grundsätzlich darf die Polizei alles mögliche verbieten. In diesem konkreten Fall finde ich das Verbot aber völlig überzogen und auch inhaltlich mehr als fragwürdig!

Und wie bewertest du die Auswirkungen des vom KVR ausgerufenen Flashmob-Verbots?

Dieses Verbot bewirkt einzig und alleine das mehr Leute kommen, weil es mediale Aufmerksamkeit gibt.

Ihr selber habt im Rahmen eines Flashmobs ja einst sogar den Altstadtring für ein paar Minuten gesperrt. Wie waren damals die Reaktionen der Sicherheitskräfte und der Behörden?

Ich wurde damals ebenfalls von einem übereifrigen Polizeieinsatzleiter festgenommen und mit massiven Vorwürfen konfrontiert und eingeschüchtert. Diese wurden aber von der Staatsanwaltschaft allesamt eingestellt und zwar weil es als Bürger dieser Republik unser gutes Recht ist Kreuzungen – wie in unserem Fall für ca. 30 Minuten – zu sperren, wenn wir das aus künstlerischen oder politischen Gründen tun (Freiheit der Kunst, Meinungs- und Versammlungsfreiheit).

Ich kann also nur jedem empfehlen: Reclaim your Streets!

Die Tatsache, dass wir dabei Mitbürger „nötigen“ ist für diese hinzunehmen, denn die Kunst-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit haben höheren Verfassungsrang als „Freie Fahrt für freie Bürger“. In unserem Fall wurde das Verfahren wg. Nötigung eingestellt mit Verweis auf die Sitzblockaden vor Atomkraftwerken oder amerikanische Militärbasen, die ebenfalls nötigen aber zulässig, weil in einer Demokratie gewünscht, sind.

Du rufst auf Facebook auch zu „Die größTe Schneeballschlacht aller Zeiten (München)“ auf. Da kann eine Menge schief gehen. Wirst du die Gruppe vorsorglich löschen?

Nein. Ganz im Gegenteil. Außerdem rufen die urbanauten noch zu Occupy Promenadeplatz während der NATO-Sicherheitskonferenz auf. Der öffentliche Raum gehört uns den Bürgern der Stadt! Sich anständig verhalten muss sich dabei allerdings jeder! Die eignene Freiheit endet immer dort, wo die Freiheit des anderen anfängt.

Haben die aktuellen Diskussionen Einfluss auf eure weitere Arbeit im digitalen Zwischenraum?

Ja! Ich werde Herrn Blume-Beyerle und den Organisator des Stehenbleiben-Flashmobs zu unserer Tagung in Tutzing „Revolution im Zwischenraum“ vom 23. – 25.3.2012 in der Ev. Akademie in Tutzing einladen, damit wir uns öffentlich und wie gesittete Bürger unterhalten können.

Sind soziale Medien nun eigentlich Fluch oder Segen?

Ein Segen. Ein Fluch ist das manchen Leute trotz der Ereignisse in Nordafrika oder rund um Occupy Wallstreet noch nicht begriffen haben, dass hier die Demokratie gerade neu erfunden wird!

Da wir das Interview per Mail geführt haben, jetzt kannst du noch loswerden, was dir wichtig ist:

Macht mucbook als Medienpartner bei Tutzing mit?

Gern

Hier ein Video mit Olli Kost am Odeonsplatz:

Und noch ein verwackelter, ganz authentischer Mitschnitt der subversiven Steher …

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