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Street Art in NYC: Kunst und Kontrast

Birgit Buchart

Birgit ist absichtlich Münchnerin und kam vor drei Jahren aus dem fernen Österreich zu uns. Neben ihrem Hochdeutsch verbessert sie in München auch ihr Englisch und studiert an der LMU Anglistik. Weil das mit dem Englisch mittlerweile ziemlich gut klappt, ist sie jetzt ein bisschen in New York und berichtet auf mucbook alle zwei Wochen von den Abenteuern einer österreichischen Münchnerin in der ganz großen Großstadt.
Birgit Buchart

New York hat so viele Gesichter, dass es die Stadt einem nicht gerade leicht macht, ein charakteristisches Porträt von ihr zu malen. Da ist die große Arbeitsmoral neben einem nie enden wollenden Freizeitangebot, Business-Metropole und Künstlerviertel, Reichtum und Armut, Multikulti-Stolz und Rassismus. Es ist eine Stadt voll krasser Gegensätze, die auch nach drei Monaten Entdeckungstour kein endgültiges Fazit zulässt. Ein Thema darf in Bezug auf New Yorks Gegensätze aber definitiv nicht unerwähnt bleiben und hilft besonders für das besagte Stadtportrait. Sie malt sich nämlich selbst, wie sie sich eben gefällt: Mit Street Art.

Die Stadt ist gleichermaßen dreckig und grau, wie auch bunt und fröhlich. Was in den 80ern als kleine Untergrund-Revolte begonnen hat, gehört heute zu New York, wie das Empire State Building oder Yankees Mützen. In Manhattan reißen sich die Häuserwände um die bekanntesten Artists, man schmückt sich mittlerweile fast weniger mit ihrer Kunst, als mit ihren berühmten Unterschriften. Auf der Hauptinsel ihrer Geburtsstätte ist Street Art mittlerweile zur Elite-Kunst gereift.

Doch auch die Wände in Brooklyn haben sich bereits einen guten Namen gemacht und Gegenden wie Flushing oder Bushwick sind im Prinzip nichts anderes mehr, als sich ständig erneuernde Open-Air-Gallerien, die sogar Einheimische bei jedem Spaziergang aufs Neue überraschen. Allem voran pinselt sich das „Bushwick Collective“ seit 2011 eifrig durch die Fabrikfassaden. Der Plan des Künstlers Joseph Ficalora, die kriminelle und dreckige Nachbarschaft von Bushwick ein wenig hipper und nach der Ermordung seines Vaters vor allem sicherer zu machen, ging voll und ganz auf. Angefangen hat die Künstlergruppe mit Portraits von Kindern zum Gedenken an die jungen Bewohner, die in Gun-Fights ihr Leben lassen mussten. In den letzten Jahren aber hat sich die Nachbarschaft von einem heruntergekommenen Arbeiterviertel zu einer farbenfrohen Künstlergegend verwandelt, ohne jedoch ersteres komplett zu vertreiben. Tagsüber stehen die großen Einfahrten der Fabriken offen, vor ihnen beladen sich die riesigen Trucks mit Gütern und abends werden die Eisentore mitsamt ihren beeindruckenden Gemälden heruntergefahren, während ihre Nachbarn die eigenen öffnen und wie aus dem Nichts plötzlich Restaurants und Bars hinter den Kunstwerken zum Vorschein kommen. Bushwick ist ein weiterer Ort New Yorks der kontrastierenden Gegensätze, die perfekt harmonisieren. Man kann Graffiti also gerne weiterhin als illegale Schmiererei abtun oder eben einsehen, dass sie ein Zufluchtsort sein kann – für Künstler, wie auch Bewohner – und graue Gegenden in mehr als einer Hinsicht fröhlicher machen kann.

Es ist dieses eine Gesicht von New York, dass sich nicht in Worte verpacken lässt, das womöglich nicht einmal auf Fotos, sondern eigentlich nur in Kombination mit dem sich umgebenden Grau, Dreck und Staub vor Ort erfahren und verstehen lässt. Ein Versuch soll es aber Wert sein.

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