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Talal und Amjad: Die Überfahrt

Gefangen mit 25 anderen Flüchtlingen in einem Wohnhaus in einem Vorort von Tripolis. Das ist die Situation, mit der Talal und Amjad jetzt klarkommen müssen. Es gibt nur sporadisch zu Essen und zu Trinken. Jederzeit kann es losgehen Richtung Küste und ab aufs Boot. Die Ereignisse bis zum Schiff und die Überfahrt der beiden jetzt in unserem dritten Teil der Serie „Talal und Amjad“.

Foto: Christoph Kürbel

Foto: Christoph Kürbel

 

Nach ca. vier Wochen geht es eines Nachts unvermittelt los. Talal vergräbt aus Angst vor Überfällen sein Geld eilig in einem kleinen Park. Die Flüchtlinge werden auf zwei Minivans aufgeteilt und sollen nach Zuwara nahe der tunesischen Grenze gebracht werden. Auf der Fahrt werden sie von vermummten Milizen aufgehalten, einer von unzähligen Gruppen, die sich als lokale Ordnungshüter verstehen. Sie werden festgenommen, kommen in einen selbstgebauten Knast und werden nacheinander verhört. Bevor man sie überhaupt irgendetwas gefragt hat, bekommen sie Schläge mit Stöcken und werden mit Elektroschockern malträtiert. Illegale Einwanderer sind in Libyen unerwünscht. Immerhin haben Talal und Amjad das Glück, nicht schwarz zu sein. Sie beteuern, dass sie Palästinenser sind, für sie herrscht in der arabischen Welt eine gewisse Form von Solidarität. Einer der Milizen bringt sie in ein weiteres Wohnhaus. Sie flehen ihn an, er solle sie freilassen und tatsächlich lässt er nachts die Tür des Hauses unverschlossen. Alle Gefangenen laufen weg. Talal und Amjad können mit einem Auto zurück nach Tripolis flüchten.

Sie kommen bei einer Familie unter und erreichen von dort den Kapitän ihres Schiffs auf dem Handy. Bevor sie von einem Helfer ihrer eigenen Schleppergruppe geholt werden, lernen sie eine andere Gruppe kennen, die „gesunden Helfer“, die Flüchtlinge in Schiffscontainern nach Hamburg oder Rotterdam verschifft. Doch um Glück werden sie von ihrem alten Schlepper abgeholt, der sie in sein Privathaus bringt. Dort warten auch schon über zwanzig Leute, die in einem Raum ausharren. Wieder vergeht eine Woche, bis die Gruppe den nächsten Versuch startet. Wieder werden sie auf zwei Autos verteilt. Eine Stunde nachdem das erste Auto in Richtung Zuwara aufgebrochen ist, bekommen die Wartenden in Tripolis per Handy die Meldung, dass sie wieder abgefangen wurden und zwar von den „gesunden Helfern“. Deshalb fährt der zweite Wagen mit Talal und Amjad erst in der Früh. Sie kommen gut durch und erreichen den Landeplatz der Schiffe.

Foto: Wikipedia

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Jetzt kommen die einen Monat zuvor gekauften Schwimmwesten zum Einsatz. Viele der Schwarzafrikaner haben keine. Und auch jetzt wo es ans „Beladen“ des Schiffes geht, werden sie wieder am schlechtesten behandelt. Schwarze kommen in den Bauch des Schiffes, wo sich auch der Motor befindet und unerträgliche Temperaturen herrschen. Das siebzehn Meter lange Schiff füllt sich mit 590 Menschen und liegt nun so tief, dass immer wieder Wasser hineingespült wird. Über dem Bauch des Schiffes liegt ein normales Deck und darauf noch ein provisorisches, aus Holz gebautes Oberdeck, auf dem sich Dutzende Menschen drängen. Der Kapitän fährt unbeirrt los. Ohne eine Karte, nur nach Kompass in Richtung Norden.

Foto: Christoph Kürbel

Foto: Christoph Kürbel

Sobald sie die offene See erreichen, beginnt das Schiff heftig zu schwanken. Immer mehr Wasser läuft ins Unterdeck. Manchen steht es schon bis zum Hals. Ihre Kinder haben sie auf die Schultern genommen. Irgendwann bricht unter Deck in der eingepferchten Menge Panik aus. Sie versuchen sich nach oben durchzukämpfen. Ohne Rücksicht werden andere unter Wasser gedrückt oder eingequetscht. Es sind die ersten Toten. Auch der Kapitän wird panisch. Er weiß, dass sie es mit diesem Boot niemals schaffen. Sie sind noch nicht allzu weit von der Küste entfernt und etwas weiter sieht er ein tunesisches Schiff. Bei voller Fahrt springt der Kapitän von Bord und überlässt seine Fracht sich selbst.

Foto: Stern.de

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Es herrscht Chaos. „Wir haben versucht mit den Händen das Boot zusammenzuhalten“, erzählt Talal. Doch das Oberdeck bricht ein, viele gehen über Bord. Noch immer steuert keiner das Schiff. Die Schiffbrüchigen sind schnell in weiter Ferne. In dieser hoffnungslosen Lage schließen viele bereits mit ihrem Leben ab und wickeln sich in weiße Leinentücher (Tücher in denen sie begraben werden wollen). Immer wieder gehen Schreie los und eine neue Panikwelle bricht aus. Immer wieder fallen Menschen ins Meer. Die arabischen Frauen ertrinken am schnellsten, weil sie nie schwimmen gelernt haben. Nach ungefähr sechs Stunden kommt in Fahrtrichtung ein Schiff aus Malta in Sicht. Auf dem herrenlosen Flüchtlingsschiff halten jetzt Mütter ihre Kinder in die Luft, andere wedeln mit ihren weißen Grabtüchern. Das Schiff kommt näher.  Die maltesische Mannschaft verständigt das Rote Kreuz. Nach weiteren fünf Stunden werden sie abgeschleppt und eine Hälfte der Menschen kommt auf das Boot des Roten Kreuz. Als sie in den Hafen von Catania auf Sizilien gebracht werden sind 47 Menschen tot. Die Überlebenden bekommen Decken, Wasser und etwas zu Essen. Talal und Amjad verbringen ihre erste Nacht in einem Flüchtlingslager auf europäischem Boden. In Sicherheit.

Autoren: Sophie Mathiesen & Christoph Kürbel

 

Hier gehts zu den vorherigen Artikeln:

Talal und Amjad: Wege in die Bayernkaserne

Talal und Amjad: Die Heimat verlassen

Talal und Amjad: Libyen und die Sahara

 

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