Nach(t)kritik

Tragödie, lange her und doch aktuell

Corinna Klimek

Ich reise gerne, gehe oft ins Musiktheater und lese viel. Manchmal kombiniere ich auch alles miteinander. Seit 7 Jahren schreibe ich darüber unter www.nacht-gedanken.de

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antigone-copyright-max-ott019Im Kleinen Theater Haar hatte kürzlich eines der ambitioniertesten Theaterprojekte der letzten Zeit Premiere: die antike Tragödie Antigone von Sophokles, neu übersetzt von Udo Segerer, in Szene gesetzt vom Jungen Schauspiel Ensemble München unter der Regie von Michael Stacheder und, was besonders bemerkenswert ist, in Kooperation mit dem P-Seminar Griechisch des Ignaz-Günther-Gymnasiums Rosenheim.

Antigone widersetzt sich dem Willen des Herrschers Kreon, ihren im Zweikampf umgekommenen Bruder unbestattet zu lassen, weil dieser gegen das Gesetz verstoßen hat. Sie beerdigt ihn heimlich und trägt die Konsequenzen dafür: Kreon lässt sie lebendig einmauern. Kreons Sohn Haimon bittet um Gnade für seine Verlobte Antigone, doch Kreon möchte das Gesetz nicht durch Nachgiebigkeit schwächen. Erst als der Seher Teiresias ihm großes Unglück prophezeit, ist er bereit, nachzugeben. Doch zu spät: Antigone hat sich erhängt, Haimon stirbt zu ihren Füßen, Kreons Ehefrau Eurydike tötet sich ebenfalls selbst aus Kummer über den Verlust des Sohnes. Am Ende erkennt Kreon, dass der Wille der Götter beziehungsweise das menschliche Gewissen Vorrang hat vor menschlichem Gesetz.

Antigone_JSEM_Birzele-copyright-max-ott011Wie kann diese Tragödie, die Sophokles vor 2400 Jahren geschrieben hat, heute noch aktuell sein? Regisseur Michael Stacheder gelingt die schmale Gratwanderung zwischen Werktreue und moderner Umsetzung grandios. Diese Antigone-Inszenierung berührt und verstört gleichermaßen. Der Text wurde von Udo Segerer neu übersetzt und bleibt doch nah am Original im Sprachduktus. Trotzdem oder deswegen funktioniert die szenische Umsetzung in einem Lager in Afghanistan hervorragend. Kreon ist der Chef des Lagers, der Bruder ein Amokläufer, der viele eigene Kameraden mit in den Tod gerissen hat. Antigone und Ismene sind Soldaten, die folgerichtig auch von Männern dargestellt werden. Einzig im „Chor“ findet sich auch eine weibliche Stimme, Franziska Ball, die zusammen mit Ruben Hagspiel  die kriegsberichterstattende Presse darstellt. Obwohl die anderen Rollen nur von insgesamt drei Männern gespielt werden, ist immer klar, wer gerade auf der Bühne steht. Joachim Aßfalg, Joachim Birzele und Robert Ludewig sind wirklich phänomenal gut in der Interpretation der jeweiligen Rolle.

Antigone_JSEM_Ludewig_Birzele_Aßfalg-copyright-max-ottDie Bühne und die Kostüme von Aylin Kaip fügen sich sehr gut in das Konzept ein. Anfangs ein eng umgrenzter Raum, wie eine Zelle, in dem Kreon den Stimmen in seinem Kopf, die Antigone und Ismene beschwören, nicht entkommen kann. Teiresias öffnet ihn, lässt Blicke auf blutbefleckte Kleidung zu. Er trägt als Einziger eine Maske, das setzt ihn ab, lässt ihn gleichzeitig gesichtslos und doch sehend wirken. Die Kleidung der anderen ist militärisch, wobei Kreon sehr zerbrechlich wirkt, wenn er zum Uniformrock eine Jogginghose trägt.

Nicht nur die Umsetzung des Stoffes war etwas ganz besonderes, sondern sicher auch die Kooperation mit dem P-Seminar (für Projekt) Griechisch des Ignaz-Günther-Gymnasiums Rosenheim. Die Jugendlichen haben sich in alle Aspekte der Vorbereitung und Durchführung einer Theateraufführung eingebracht von der Dramaturgie über das Marketing bis zur Sponsorensuche. Sie standen dabei unter der Schirmherrschaft der Grande Dame der Politik Hildegard Hamm-Brücher.

Weitere Vorstellungen am 25. und 26.10. sowie am 16. und 17.11 im Kleinen Theater Haar, Karten von 19€ bis 24€, ermäßigt 12,80€ bis 19,20€, Reservierung unter (089) 890 5698 13 oder online auf der Webseite des Theaters.

Fotos Max Ott

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Das Heft über „Wohnen trotz München“

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