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Probenbesuch beim Open Border Ensemble der Münchner Kammerspiele: Vom Zuhören und Verstehen

Christina Winkler

Schreibt und lebt ganz nach dem Motto: es gibt nix, des net gibt.
Christina Winkler

My Body is stuck in turning pages and signing papers. My Body is stuck in turning pages und signing papers. My Body is… – die Zeilen hallen in mir nach, wie die Akustik in der riesigen Halle im Sirius Facilities Business Park, in der geprobt wird. „Wer probt hier in Aubing zwischen Lagerräumen und Werkstätten?“ Ungläubig wurde mir diese Frage mehrmals gestellt, als ich nach dem Weg fragte: Es ist das Open Border Ensemble der Münchener Kammerspiele. Dieses ist ab 4. Mai mobil und führt das Stück Miunikh – Damaskus (Geschichten einer Stadt) auf einer Wagenbühne auf. Und das Umherziehen wird schon mit den Proben geübt: von kleinen Theaterräumen hin zur riesigen Halle.

Open Border Ensemble

5 Personen, 3 Sprachen, 1 Bühne

Die Inszenierung von Jessica Glause dreht sich um Geschichten einer Stadt – dabei geht es sowohl um München, als auch um Damaskus und wie die Grenzen zwischen zwei Welten verschwimmen und vielleicht sogar verschwinden. Auf der Bühne stehen dafür die vier syrischen Darsteller May Al Hares, Majd Fedda, Kinan Hmeidan, Kamel Njam und Maja Beckmann, festes Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele.

Auf einem großen Anhänger spielen die fünf Akteure und unterhalten sich in Deutsch, Arabisch und Englisch. Ein Sprachen-Wirrwarr, das in sich zusammenfließt und stimmig wird, insbesondere durch gekonnt gesetzte Körpersprache (und Übersetzungen).

Es entsteht ein stimmlicher Einklang, der ansonsten noch eher – wie sie es auch selber sagen – chaotischen Probephase. Was das Open Border Ensemble besonders macht, wo sie gerade stehen, was das Stück beschreibt und mehr verraten mir drei der Schauspieler im Gespräch zwischen Lagerräumen und Werkstätten.

Vom Zuhören und Verstehen

Was ist das Besondere oder Neue an diesem Stück?

Kamel: Im Grunde hat jedes Stück etwas besonderes, jede Performance zeigt etwas Neues, jeder Regisseur arbeitet anders…

Maja: Unsere Arbeit mit ein paar Sätzen zu beschreiben, ist schwierig. Diese Arbeit ist in jeder Hinsicht eine komplizierte, freundliche, chaotische, zeitverzögernde, schwere und lustige Arbeit. Wir alle kommen mit viel Neuem in Berührung, sei es mit Zeitmanagement, Sprache, unserem Miteinander, der Umsetzung von Dingen, die einem fremd sind. Die Stückentwicklung dauert und ist oft ein langer Weg.

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Welche wirklich wichtige Botschaft wollt ihr mit dem Stück vermitteln?

Kamel: Diese Frage sollte nicht ich, sondern die Regisseurin beantworten, schließlich ist es ihre Performance… Aber der Titel sagt schon einiges. Miunikh und Damaskus: hier geht es um Träume, Erinnerungen und Zeit. Wir teilen auf der Bühne alles, es ist unsere Geschichte: ohne Grenzen, es geht weit über die Städte hinaus.

Maja: Ich glaube da gibt es wirklich viel. Dem Projekt nur eine Message überzustülpen, wäre für mich falsch: es werden verschiedene Menschen damit erreicht und jeder sieht Dinge anders, der Einzelne zieht sich das raus, was für ihn/sie wichtig ist. Für mich ist es in diesem Fall: Die Tatsache einander zuzuhören und so zu verstehen.

May: Wir reden über die zwei Städte und bestimmte Situationen, die man in diesen erlebt – Zwei Städte, die sich tatsächlich oft ähnlicher sind, als man denkt. Man entdeckt viele neue Seiten und es ist schön, auf der Bühne darüber zu reden.

Ist das Stück fiktional oder real?

Kamel: Die Story ist real. Nicht ich, als Person wie ich hier stehe, habe alle Einzelheiten erlebt, aber die Thematik im Allgemeinen kennen wir alle, wir übertragen sie nur auf die Bühne.

May: Real! Es ist toll, seine Geschichte zu teilen. Die Menschen an Situationen teilhaben zu lassen, denen sie sich nicht bewusst waren. Ich bin bereits vor 2 Jahren nach Nizza geflüchtet und es ist wunderbar zu sehen, wie die Jungs, die für das Stück mit einem Arbeitsvisum nach Deutschland kamen, mit der Stadt und der Situation umgehen, allein das macht alles greifbar und noch realer.

Wandelndes Lametta und eine Glaubenskrise

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Laufen die Proben bisher gut?

Kamel: Ja! Wie du sehen kannst, genießen wir es auch (lacht, denn im Hintergrund läuft gerade jemand in Lametta gekleidet durch die Halle – der lebende Beweis). Nein ernsthaft: das alles ist harte Arbeit und wir müssen das mit ein bisschen Humor und Witz auflockern…

Maja: Zwischendurch verliert man natürlich auch mal den Glauben an das Stück. Wir „kämpfen“ mit so viel: Das alles ist eine Herausforderung. Allein die Form der Darstellung, schließlich fahren wir bald mit einem Wagen los; wir stehen hier in einer riesigen Halle, die Akustik ist schwierig – es gibt überhaupt nichts, das normal ist. Aber diese Phasen des Zweifels hat man in jeder Produktion: Das ist der Moment an dem sich langsam alles zuspitzt: der 4. Mai ist nah…

May: Wir probieren viel aus – gemeinsam. Aber es fühlt sich alles gut an: unser Ziel, den Leuten das Thema näher zu bringen, verbindet! Ich bin eigentlich Tänzerin und bewege mich auf der Bühne dementsprechend auch gerne. Ich versuche vieles körperlich auszudrücken, unter anderem die sich wiederholende Phrase: „My Body is stuck in turning pages and signing papers…“, welche sich leider oft sehr real anfühlt…

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Wie oft wird geprobt?

Kamel: Jeden Tag 8 Stunden. Danach sollten (lacht wieder) wir Texte lernen…

Hattet ihr dennoch schon Zeit, München zu entdecken?

Kamel: Wir sind seit Anfang Februar hier. Am Anfang hatten wir Zeit dazu, jetzt gerade sind wir sehr eingespannt. Am Wochenende kann man dann die Stadt aber doch ein bisschen genießen!

Selbst-verständlich

Die Sprache ist sowohl für das Publikum, als auch für euch ein zentrales Thema. Wie läuft (eure) Verständigung?

Kamel: Auf der Bühne, wenn einer von uns in arabisch spricht, dann wird das für die Zuschauer übersetzt – unter anderem mit einer Art „Untertitel“ und wir haben ja immer noch Maja dabei. Abgesehen davon sprechen wir alle eine gemeinsame Sprache: die Körpersprache!

Maja: Man wird es verstehen. Die Inhalte, die wichtig sind, werden so verständlich gemacht, wie es nur geht. Es ist schön sich auch anderen Sprachen zu öffnen. Selbst ich – und ich stöpsle mir mit meinem Kindergartenenglisch hier einen ab – habe das Gefühl, man nimmt die unterschiedlichen Sprachen gar nicht unbedingt bewusst wahr, da es sich gut und verständlich zusammenfügt.

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Weder Sprache, noch Orte sind während der Aufführungen geprägt durch Grenzen. Das Open Border Ensemble feiert mit seinem mobilen Stück Miunikh – Damaskus (Geschichten einer Stadt) am 4. Mai in Neuperlach Premiere. Danach geht es unter anderem weiter nach Feldmoching oder Thalkirchen. Vielleicht findest du den Wagen auch mal in deiner Nähe, es gibt also kaum etwas, das einen Besuch einschränken könnte…

 


In aller Kürze:

Was? Miunikh – Damaskus (Geschichten einer Stadt)

Wer? Das Open Border Ensemble der Münchner Kammerspiele

Wann und Wo? ab 4. Mai, genaue Zeiten und Schauplätze findest du hier.


Fotos: © Gabriela Neeb: Open Border Ensemble / Münchner Kammerspiele

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