Tiefer Schweb von Christoph Marthaler, Foto: Thomas Aurin
Aktuell, Kultur

#lilienthal: „Begeisterter Zuschauer“ der Kammerspiele will am Marienplatz diskutieren

„Ich wünsche mir einen Aufschrei von Schriftstellern, Museumsleitern & Wissenschaftlern, gegen die Bedrohung, die es bedeutet, wenn eine Partei ihre Vorstellung von ‚deutschem Sprechtheater‘ für die einzig angebrachte hält“, hatte der Regisseur Ersan Mondtag noch Ende März in einem Interview mit dem Spiegel angesichts der Äußerungen der CSU-Stadtratsfraktion zu Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal gefordert.

Der Aufschrei erfolgte prompt in Form eines offenen Briefs von über 300 Kulturschaffenden an den Münchner Stadtrat, darunter viele prominente Namen wie Josef Bierbichler, Navid Kermani, Rimini Protokoll und natürlich Mondtag selbst.

„Ich bin Zuschauer“

Nun formiert sich Protest auch von anderer Seite: den Zuschauer*innen selbst. „Die Frage, was ein Stadttheater ist und sein soll, muss lokal beantwortet werden“, findet Christian Steinau, ein „begeisterter Zuschauer“ der Kammerspiele unter Matthias Lilienthal – und hat sich deswegen kurzerhand entschieden, selbst aktiv zu werden. Unter dem Motto „Kammer! Jetzt“ lädt er alle Interessierten dazu ein, mit ihm von 19 bis 22 Uhr auf dem Marienplatz über die Zukunft der Münchner Kammerspiele zu diskutieren. Auch wenn der Weggang Matthias Lilienthals den LMU-Doktoranden dazu veranlasst hat, will er mit der öffentlichen Diskussion vor allem ein Forum bieten und an alle Münchner*innen appellieren, sich einzumischen und gemeinsam darüber zu sprechen, „wie eine progressive Kulturpolitik aussehen kann“.

Warum ausgerechnet er diese Debatte anstoßen wolle? „Ich bin Zuschauer“. Er lebe zwar erst seit sechs Monaten in München, aber jeder Besuch bei den Kammerspielen in dieser Zeit sei ein Erlebnis gewesen. „Jede Aufführung war eine Aufforderung, sowohl über das Theater, aber auch über die Stadt München nachzudenken. Ich habe z.B. Trommeln in der Nacht, Tiefer Schweb, Caspar Western Friedrich und Hellas München gesehen und war begeistert. Diese Vielfalt, diese Lebendigkeit eines Stadttheaters, diese Auseinandersetzung mit anderen Künsten weit über das Theater hinaus und die Einbindung der Stadtgesellschaft: Das war schlichtweg großartig.“

CSU fürchtet, Beteiligte könnten das „Sprechtheater verlernen“

Da er sich in seiner Dissertation mit der Konstruktion ästhetischer Werturteile auseinandersetze, verfolge er die Debatten um die Münchner Kammerspiele seit längerem aufmerksam. „Mein Eindruck deckte sich nicht mit dem Gros der vorherrschenden Meinungen. Ich habe auch die Empfindung, dass sich manche Verantwortliche in der Münchner Stadtgesellschaft mit einer dominanten Meinung abgefunden haben, die sich nicht mit meinem Erleben in den Aufführungen und Veranstaltungen deckt.“

Als er schließlich an der letzten Kulturausschusssitzung des Stadtrats teilnahm, hat er beschlossen selbst aktiv zu werden. Er war erschreckt, wie lustlos dort über Kulturpolitik diskutiert wurde, angesichts der Beiträge seitens der CSU, dass man in „bürgerlichen Kreisen“ Angst habe, die Beteiligten könnten unter Lilienthal das „Sprechtheater verlernen“.

Er habe unterdessen schon viel Zuspruch erhalten, von anderen Zuschauer*innen und beispielsweise von der griechischen Community, wo Hellas München auf sehr viel Zuspruch gestoßen sei. Am Mittwoch dann werde er alle Redebeiträge dokumentieren, protokollieren und anschließend an die Stadtratsfraktionen schicken.

Ein Ende der künstlerischen Experimente ist derzeit noch nicht in Sicht. Vielleicht geht das Experimentieren in München ja gerade erst so richtig los.


In aller Kürze:

Was? Kammer! Jetzt! Zur Zukunft der Münchner Kammerspiele

Wann? 18.04.2018, 19–22 Uhr

Wo? Marienplatz, München


Beitragsbild: „Tiefer Schweb“ von Christoph Marthaler, Foto: © Thomas Aurin

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