Ein Iglou für Obdachlose in Paris
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Nach Streit um Obdachlose in München: CSU-Stadträte fordern „Iglus“

Benjamin Brown

Und irgendwie lande ich dann doch immer wieder in München…
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Benjamin Brown

Spätestens seit der Räumung des Obdachlosen-„Camps“ unter der Reichenbachbrücke läuft in München eine Debatte darüber, wie der Umgang der Stadt mit Obdachlosen auszusehen hat. Das selbst erklärte Ziel der Stadt ist dabei eindeutig: „Wir wollen allen helfen. Wir wollen, dass kein Mensch in München auf der Straße leben muss“, sagt Edith Petry, Sprecherin des Sozialreferats im Gespräch mit MUCBOOK.

Politik an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei?

Trotz dem Angebot an Notunterkünften und Kälteschutz-Zentren der Stadt verbringen dennoch viele Obdachlose den Winter auf Münchens Straßen. Dass die Notunterkünfte kaum zur Lösung des Problems beitragen, liegt an den Nutzungsregeln: Nur wer in Deutschland Sozialhilfe empfangen darf, also die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt oder seit fünf Jahren dauerhaft in Deutschland gemeldet und erwerbstätig war, hat das Recht auf einen Platz. Viele der Münchner Obdachlosen stammen aus Bulgarien und anderen osteuropäischen Ländern und haben somit keine Möglichkeit, in einer Notunterkunft unterzukommen.

Was die Obdachlosen fordern:

Der Kälteschutz steht hingegen allen zur Verfügung – unabhängig von Herkunft und Nationalität. Und wird dennoch häufig abgelehnt. Nach der Räumung des Camps unter der Reichenbachbrücke erklärten Obdachlose, weshalb:

Sie fordern einen Kälteschutz, der ihnen nicht nur zwischen 17 Uhr und 9 Uhr eine Bleibe bieten würde. Neben einem Mangel an Privatsphäre, würden Schließfächer und Kochstellen fehlen. Zudem entscheiden sich viele Obdachlose dagegen, den Kälteschutz wahrzunehmen, da sie dort morgens regelmäßig von der Polizei kontrolliert würden.

Nun werden erstmals Stimmen im Stadtrat laut, die an dem erklärten Konsens rütteln, niemanden auf der Straße schlafen lassen zu wollen. Die CSU-Stadträte Reinhold Babor, Anja Burkhardt, Alexandra Gaßmann und Frieder Vogelsgesang fordern, jene Obdachlosen, die den Kälteschutz nicht aufsuchen möchten, mit „Iglus“ aus Kunststoff (Bilder siehst du hier) auszustatten. Die Idee dahinter wurde von einem französische Ingenieur entwickelt, über Crowdfunding finanziert und anschließend in Paris und Bordeaux getestet.

Ein Iglou für Obdachlose in Paris.

Ein „Iglou“ für Obdachlose in Paris.

Iglus statt angepasstem Kälteschutz?

Die „Iglus“ (die auf den ersten Blick eher wie Särge aussehen) können durchaus sinnvoll eingesetzt werden und in kalten Winternächten sogar Leben retten. Diese Tatsache sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie einfach es sich einzelne Mitglieder des Stadtrats machen wollen. Eine Möglichkeit, um Obdachlosen im Winter eine warme Unterkunft zu gewähren, gibt es mit dem Kälteschutz bereits. Um einen wirklichen Unterschied auf Münchens Straßen zu machen, sollte auf die Forderungen der Obdachlosen eingegangen werden (genauere Hintergründe zum Streit, warum Obdachlose den Kälteschutz der Stadt ablehnen und was sie fordern, findest du hier).

Mit dem Vorschlag der CSU-Stadträte soll diese Diskussion aber vermieden werden. Anstatt nach nachhaltigen Lösungen zu suchen und den Kälteschutz attraktiver zu gestalten, werden hier Lösungsansätze an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei präsentiert – obwohl die Wünsche von Obdachlosen an die Stadt klar formuliert und nachvollziehbar sind.

Obdachlosen helfen zu wollen ist immer gut. Mit den Betroffenen direkt abzuklären, welche Maßnahmen sie selbst für sinnvoll halten, ist wohl noch besser.


Fotos: © Iglou.fr

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