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Annette Walter
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Es ist durchaus tollkühn, ein 2473 Jahre altes Stück mit einer minimalistischen Handlung und abstrakten Dialogen zu inszenieren. Gespannt erwartet man also, wie sich die Kammerspiele unter der Leitung von Regisseur Johan Simons der Tragödie „Die Perser“ des griechischen Dichters Aischylos annähern.

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Der Inhalt: Die Perser, von ihrem Herrscher Xerxes in die grausame Seeschlacht von Salamis geführt, werden von den Griechen vernichtend geschlagen. „Die Perser“ ist ein einziges Wehklagen, eine Grabrede auf die Opfer des Krieges, auf die Vernichtung des Heeres.

Ein Theaterstück wie eine Beerdigung und dies vermittelt die Inszenierung durchaus.

Das Stück behandelt ein universell-zeitloses Thema – Krieg und seine grausamen Folgen. Simons baut zwei moderne Komponenten ein. Er engagiert Laiendarsteller und besetzt den Chor mit Flüchtlingen aus Irak, Uganda und Bosnien sowie einer Truppe von Senioren.

Als Spielstätte dient eine ehemalige Kaserne.

Diese wird derzeit teils als Unterkunft für heimatlose Migranten genutzt: tristes Industriegebiet statt glamouröser Maximilianstraße. Die Ort ist klug gewählt. Das Theater wagt sich aus seinem geschützten Raum in die Kaserne, die Atmosphäre wirkt authentisch beklemmend. Ein karger Ort, ein paar Sandsäcke, ein schwarzes Wasserbecken, ein paar schäbige Holzpaletten – das war’s. Dazu düstere Klänge von drei Musikern (Carl Oesterhelt, Mathis Mayr, Salewski)

Wer könnte sich ein passenderes Ambiente für eine Tragödie vorstellen?

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Simons Inszenierung ist sperrig, statisch, rational und berührt emotional nur in geringem Ausmaß. Die körperliche Interaktion zwischen den fünf Kammerspiel-Schauspielern, allen voran eine beeindruckend Hildegard Schmahl als Chorführerin, daneben Nico Holonics als Xerxes und Sylvana Krappatsch als Königin Atossa, ist so reduziert, dass dadurch die Isolation aller Protagonisten und die Ausweglosigkeit ihres Schicksals deutlich wird.

Ihre Monologe scheinen ins Nichts gerichtet zu sein.

Der Chor, angeführt von Hildegard Schmahl, agiert schweigend, irrt auf der Bühne mal in diese, mal in jene Ecke. Ein Symbol dafür, als suchten die Flüchtlinge unter ihnen ihren Platz in der Gesellschaft. Doch auf einen Ruhepunkt oder gar eine Heimat hoffen sie vergeblich. „Nowhere to go“, beklagt eine Frau aus ihrer Mitte.

Trotz einiger beeindruckender Momente wirkt der Einsatz der Laiendarsteller nicht gänzlich überzeugend.

Zu wenig  werden sie in Relation zu den Protagonisten gestellt, zu wenig werden die einzelnen Chormitglieder individuell dargestellt. Simons „Die Perser“ erscheint wie ein unfertiger  Entwurf, der mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. Und das ist im Theater durchaus nicht das Schlechteste.

FACTS & INFOS:

DIE PERSER
von Aischylos | Wiedergegeben von Durs Grünbein
Stadtraum: Bayern-Kaserne, nur bis 3.6.
Regie: Johan Simons, Bühne: Eva Veronica Born, Johan Simons, Kostüme: Greta Goiris, Musik: Carl Oesterhelt, Licht: Björn Gerum, Dramaturgie: Malte Jelden, Projektleitung: Karen Breece

Mit: Rania Abdulkarim, Reyhan Abdulkarim, Isra Haitham Hussein, Afra Haitham Hussein, Chenar Hamid, Peter Hartel, Nico Holonics, Walter Hub, Stefan Hunstein, Bruno Jäger, Barbara Klipstein, Sylvana Krappatsch, J. L., Rosemarie Leidenfrost, A. M. M., Mathis Mayr, Adnan Mujic, Dzana Mujic, Kalikedan Mulugeta, Carl Oesterhelt, Angelika Pietrzik, Wolfgang Pregler, Anis Puhovac, Salewski, Hildegard Schmahl, Jasmina Taric, Jürgen von Salisch, Theodora Winter, Christof Yelin

Anfahrt zur Bayern-Kaserne | Bitte gegebenenfalls warme Kleidung mitbringen, die Halle kann nicht beheizt werden!

Für ihr neues Stadtraumprojekt ziehen die Münchner Kammerspiele in die ehemalige Bayern-Kaserne in Freimann, die schon die Wehrmacht, die US-Army und die Bundeswehr beheimatet hat und aktuell noch als Flüchtlingsunterkunft dient. Mit einem Bürgerchor aus alten Deutschen und jungen Flüchtlingen aus dem Irak, Uganda und Bosnien und mit dem Ensemble der Kammerspiele inszeniert Johan Simons das älteste Theaterstück der Welt, das Drama des ‚zoon politikon‘, der ohne Not und voll Hochmut sein Gemeinwesen aufs Spiel setzt. Mit seiner Empathie für die Besiegten, im Mitleiden der Griechen mit den geschlagenen Persern, stellt Aischylos jeden Expansionsdrang in Frage und ruft sich und sein Publikum zur Mäßigung auf.

Alle Termine findet ihr hier:

Fotos: Andrea Huber/Münchner Kammerspiele

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