Aktuell, Kultur, Leben, Nach(t)kritik, Stadt

Vom Leben und Sterben der Münchner Clubs

Julius Zimmer

Wer aktuell durch die sozialen Medien scrollt, dem springen sie erstaunlich häufig ins Auge: die Abschiedsnachrichten der Clubs. „Danke für die unvergessliche Zeit!”, oder „Lasst uns ein letztes Mal zusammen tanzen!”, heißt es dann. Ein bisschen wie alte Freunde, die in eine andere Stadt ziehen. In den Kommentarspalten hagelt es entweder Herzen oder weinende Emojis, über geldgierige Investoren, das tatenlos zusehende Rathaus oder hochsensible Anwohner brechen schaumende Empörungswellen hinein.

In München mussten sich Nachtschwärmer zuletzt von ziemlich vielen dieser alten Freunde verabschieden. MMA, Crux, Harry Klein, Beverly Kills, Blitz, bald auch das DNA und das Live.Evil. Wer auf dieser Friedhofsführung durch das Münchner Nachtleben noch etwas weiter spaziert, findet noch andere alte Bekannte wie das Atomic Café, das Kong, das Bob Beaman, den Bullitt Club oder die Grinsekatze.

Die gängige Geschichte vom Clubsterben ist deshalb schnell erzählt: Immer mehr Clubs verschwinden, auf ihren Grundstücken entstehen Hotels, Luxuswohnungen oder Büros. Die Stadt wird dabei reicher, sicherer, sauberer – und natürlich langweiliger. Ein Armutszeugnis für die Clubkultur einer Stadt, die einmal zu den globalen Größen des Nachtlebens zählte.

Nur: Stimmt diese Geschichte? Schließlich ist das Nachtleben historisch schon immer von Fluktuation geprägt – auch das München der 60er, 70er und 80er hatte unzählige Etablissements, die für ihre Generation Kult waren. Das Yellow Submarine etwa, mit seinem Haifischbecken hinter Glas, gehört heute zur bunten Geschichte des Münchner Nachtlebens. Es war der Ort einer anderen Generation, so wie später das Ultraschall, das Atomic oder das alte Harry Klein in den Optimolwerken.

Im Ultraschall gab es einen Floor, der mit grünem Flokati dekoriert war. Foto: David Weber

In anderen Großstädten sieht es nicht anders aus. Das legendäre New Yorker Studio 54 existierte gerade einmal von 1977 bis 1980. Der ursprüngliche Berliner Tresor schloss 2005 und eröffnete zwei Jahre später an einem anderen Ort. Andere halten sich Jahrzehnte, wie der Pariser Rex Club. Eine natürliche Lebenserwartung für Clubs gibt es nicht. 

Gleichzeitig sind Clubs keine beliebigen Gewerbebetriebe – es sind schützenswerte Kulturorte. Menschen entdecken dort Musik, finden Gemeinschaft, reifen heran, erproben Identitäten und Unabhängigkeit. Sie sind auch mit intensiven Erinnerungen verbunden: an verschwitzte Morgenstunden, Knutschen mit Fremden, Konsum-Experimente – und an eine Version seiner selbst, die irgendwann vielleicht ebenfalls verschwunden ist. Mit einem Club schließt deshalb immer auch ein kleiner Teil der eigenen Biografie. Und ja, das schmerzt. Aber es ist vollkommen normal. Zumindest solange sich auch wieder neue Kulturorte bilden. Und hier bekommt die Geschichte vom Clubsterben einen wahren Kern. 

Eine Studie im Auftrag der Stadt zählte 2024 insgesamt 153 Münchner Musikspielstätten. Seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 standen 14 Schließungen 11 Neueröffnungen gegenüber. Ein dramatisches Massensterben sieht anders aus. Zu einem viel beunruhigenderen Ergebnis kommt die Studie allerdings an anderer Stelle: Das eigentliche Problem sei nicht die Schließung einer Spielstätte, sondern die Schwierigkeit, in München einen geeigneten Nachfolgestandort zu finden. Dafür braucht es Lücken – und die sind bekanntlich Mangelware in dieser Stadt. Bezahlbare Räume verschwinden, geeignete Flächen konkurrieren mit lukrativeren Nutzungen, der Einstieg wird kapitalintensiver. Die Studie beschreibt eine Clublandschaft, die über Jahrzehnte zwar immer wieder ausweichen konnte und nun zunehmend an die Grenzen dieser Wanderung stößt.

Das Bob Beaman schloss 2019 überraschend seine Pforten. Foto: Julius Zimmer

Ganz untätig schaut das Rathaus bei der gegenwärtigen Entwicklung auch nicht zu. Über die Munich Urban Celebrations stellt die Stadt Flächen für selbstorganisierte, nichtkommerzielle Partys zur Verfügung. Im Stadtrat wird sogar darüber diskutiert, wie viel Clubkultur die Stadt selbst wagen sollte. Die Grünen haben einen städtischen Musikclub beantragt. Nach Informationen aus dem Umfeld des Stadtrats soll es dagegen allerdings erhebliche Vorbehalte innerhalb der Verwaltung geben. 

Dass die Stadt solche Räume ermöglicht, wäre aber nicht bloß ein Gefallen an ein paar Nachtschwärmer. Eine Untersuchung der Berliner Clubszene bezifferte deren direkten Jahresumsatz für 2017 auf rund 168 Millionen Euro. Einschließlich der Effekte auf Gastronomie, Musikwirtschaft, Eventdienstleister und andere Branchen waren es sogar 216 Millionen Euro. Rund 53 Millionen Euro davon flossen laut Studie über Steuern und Sozialabgaben an den Staat.

Die nächste Generation hat sich derweil längst ihre eigenen Lücken gesucht. Wer in diesem Sommer an der Isar entlangfuhr, konnte immer wieder kleine Ansammlungen von Menschen sehen, die ihren eigenen Rave feierten. Leistungsfähige Akkulautsprecher und mobile DJ-Technik haben die Schwelle dafür gesenkt. Mit vergleichsweise wenig Aufwand lässt sich heute problemlos und spontan ein eigener Dancefloor kreieren. 

Das hat auch Schattenseiten: Müll, Lärm, Naturschutz. Ein improvisierter Rave ersetzt keinen Club mit guter Anlage, Awareness-Strukturen und geschultem Sicherheitspersonal. Aber es zeigt, dass Kultur sich immer ihren Weg bahnt, in neue Gefilde vorstößt und Grenzen auslotet. Auch die großen Clubkulturen in London, Chicago oder Berlin entstanden schließlich nicht, weil die Bedingungen perfekt waren, im Gegenteil. Menschen nahmen Keller, Lagerhallen, ehemalige Fabriken und Brachen in Beschlag – oftmals am Rande der Legalität.

Kiesbänke an der Isar halten immer öfter für kleine Raves her. Foto: Jan Ludwig Tiedemann

Clubs sind dabei oft Pioniere städtischen Lebens. Das Warehouse, eine Keimzelle der Chicagoer House-Musik, eröffnete Ende der Siebziger in einem wenig begehrten Industrieviertel. Heute gehört der West Loop zu den lebendigsten Gegenden Chicagos. Auch in London oder Berlin haben Clubs immer wieder Orte bespielt, die zuvor kaum jemand wollte – und damit neues städtisches Leben geschaffen.

Dass Städte ihre Clubs also um jeden Preis konservieren sollten, ist ein Missverständnis. Aus dem Umfeld verschwundener Münchner Institutionen entstanden schließlich immer wieder neue Orte. Auf das Ultraschall folgte das Harry Klein, aus dem Umfeld des Bob Beaman später das Blitz. Hätte man die Clublandschaft einer Generation irgendwann eingefroren, wären womöglich einige jener Clubs nie entstanden, denen heute hinterhergetrauert wird. 

Auch die Blitz-Betreiber David Muallem und Branimir Peco haben in ihrem Abschiedsbrief durchscheinen lassen, dass schon an etwas Neuem gearbeitet wird. Gut so. Clubs öffnen und schließen, Menschen werden älter, Szenen ziehen weiter. Es ist nicht die Aufgabe der Stadt, diesen Wandel aufzuhalten. Sie muss dafür sorgen, dass er möglich bleibt, dass neue Orte entstehen können. Das XOLO, gerade erst in Schwabing eröffnet, wird vielleicht einmal so ein Ort. Einer, an dem zu laut gefeiert, zu lang getanzt und zu viel konsumiert wird. Um solche Orte musste schon immer gekämpft werden. Oder, um es mit den Beastie Boys zu sagen: You gotta fight for your right to party.

Titelbild: Julius Zimmer