Kultur, Leben

Von Plastikpferden und Pornoheften #2

Michael Schleicher

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Heute gibts den zweiten Teil von unserem Interview mit Jovana Reisinger! Während sich gestern noch alles um ihr Studium, den Verlag und ominöse Plastikpferde drehte, beschäftigen wir uns in diesem Teil mit Pornoheften, To-Do Listen, dem Geldverdienen und Lieblingsstädten. Viel Spaß!

Genau das wollten wir hören. Danke! (alle lachen)

Also ich habe einfach nicht so Probleme mit meinem Körper und finde das auch eigentlich ganz schön so. Nicht, dass ich mich ständig ausziehen müsste und überhaupt finde, dass Aktfotos mehr publiziert werden müssten, aber ich glaube, ich habe einfach einen ganz gesunden Umgang damit. Es ist ganz interessant und amüsant zu beobachten, wie andere Leute darauf reagieren. Man wird natürlich auch ganz anders betrachtet, man kriegt ja auch Beschimpfungen mit. Es gibt also auch Leute, die es nicht cool finden, wenn man barbusig auf einem Plastikpferd im INDIE-Magazin publiziert wird.

Aber ich finde das Verhältnis eigentlich gut. Dieses Gesunde, sich nicht für seinen Körper zu schämen.

Ich find es absolut wichtig! Wir, beim Kleine Schwester Verlag sitzen gerade an einem „Pornoheft“ für Frauen. Man muss da wirklich aufpassen, wie man das nennt. Das mache ich zusammen mit jeweils einer Redakteurin und einer Fotografin aus Berlin, aber wir haben auch Männer in der Redaktion. Das ist uns wichtig, weil wir nicht wollen, dass es in diese feministische Schiene gedrückt wird. Es ist wichtig, dass die Leute wieder ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper bekommen.
Wir wollen mit diesem Heft ein ästhetisches Magazin gestalten, das schöne und ästhetische Strecken von Männern publiziert, bei denen man nicht das Gefühl hat, dass der Mann weniger wert ist oder dass es irgendwie billig ist. Wir wollen Strecken publizieren, bei denen die Fotografien mit so einem Stolz und einer „Erhabenheit“ gemacht worden sind, dass man das Gefühl hat, man ist auf einer Augenhöhe mit dem Model. Man kann das gut mit Modefotografien vergleichen, die auch immer eine spezielle Art der Ästhetik und Erhabenheit haben.

Da hast du auch schon unsere Frage zum Pornoheft beantwortet. Die wäre nämlich gewesen, ob du denkst, dass es da Bedarf in diesem Bereich gibt.

Wir versuchen den Kleine Schwester Verlag so unprätentiös wie möglich zu halten, also auch immer wieder auf den Boden zurückzukommen. Wir versuchen immer wieder Themen zu bringen, die uns am Herzen liegen. Es gibt eine Soziologin in Wien, mit der wir die Frage des Bedarfs nach etwas Bestimmtem absprechen.
Wir bringen zum Beispiel eine Serie raus, die heißt „+ Gedichte“. Diese Serie hat viele verschiedene Ausgaben und beim Literaturfest werden jetzt die ersten vier rausgebracht, und zwar sind das: Busen + Gedichte, Ohren + Gedichte, Knie + Gedichte und Ellbogen + Gedichte. Das sind immer Schwarz-Weiß-Fotografien von diesen Körperteilen und Gedichte dazu und wir wollen damit auch zeigen, dass Busen und Ellbogen gleichermaßen einfach nur Körperteile sind. Mit diesem ganzen Übersexualisieren muss man mal wieder etwas runterfahren.

Wir haben schon gehört, dass du viele verschiedene Sachen machst. Fotografieren, Gestalten, Schreiben und auch Modeln. Was machst du am liebsten?

Ich probiere gerade alles irgendwie aus und versuche herauszufinden, was mir am meisten Spaß macht. Ich glaube aber, dass mir die Kombination aus allem so viel Freude macht. Ich bin nicht mehr nur auf ein Medium versteift, sondern mache daneben auch noch ganz andere Sachen, die sich teilweise auch miteinander kombinieren lassen. Das hat auch alles mit einer selbstpsychologischen Betrachtung zu tun, aber ich kann definitiv nicht sagen, was mir am meisten Spaß macht.
Das unterliegt unglaublichen Phasen und Stimmungsschwankungen und je nachdem, was halt gerade ansteht. Momentan ist Schreiben für mich absolut großartig, natürlich auch in dem Kontext mit der HFF. Die Fotografie ist zum Beispiel gerade mehr in den Hintergrund gerückt.

Wie viel Prozent deiner täglichen To-Do-Liste schaffst du?

Da muss ich ganz beschämt zugeben, fast gar nichts. Glücklicherweise habe ich meinen Kalender verloren und seitdem ist alles viel einfacher, weil ich den Überblick nicht mehr habe. Nein, es ist tatsächlich so, dass die HFF ein Vollzeitstudium ist und ich bei Kleiderkreisel auch noch einen wichtigen Teilzeitjob zu erledigen habe, wodurch natürlich schonmal viel Zeit draufgeht.
Ich habe oft unglaublich viele Ideen, nur für die Umsetzung fehlt dann die Zeit. Deswegen versuche ich, möglichst viel am Wochenende zu schaffen, weswegen die dann auch immer extrem komprimiert sind.
Aber insgesamt ist das alles ein großer Selbstbetrug, weil mein Kalender ja weg ist. Würde ich nämlich wissen, was für ein Datum heute ist, wäre ich sicher nicht mehr so entspannt.

Wirst du für Lesungen eigentlich bezahlt oder wovon konkret lebst du?

Ich lebe tatsächlich von meinem Job hier und von den Freelance-Jobs, die so hin und wieder anstehen, wie zum Beispiel das NJB-Redesign. Für manche Texte werde ich schon bezahlt. Prinzipiell werden mir für Lesungen meistens nur die Fahrtkosten erstattet. Außerdem werde ich an dem Abend selbst dann mit Naturalien, also Essen und Trinken, versorgt.
Ein Konflikt, der nicht nur Journalisten, sondern vor allem auch freie Mitarbeiter betrifft, ist, dass das Schreiben nicht wirklich als Arbeit angesehen wird. Für viele ist es natürlich überhaupt nicht ersichtlich, wie viel Arbeit in einem Text steckt. Es ist auch ein Widerspruch, wenn man sich überlegt, dass man für seine Worte nicht bezahlt, dafür aber mit Lob überschüttet wird. Also man wird ja oft gefragt „Hey, kannst du nicht mal kurz darüber was schreiben und so und wir publizieren das dann?“ – „Ja klar, kannst du mal kurz meinen Kühlschrank auffüllen?“
Wenn man fair bezahlt wird, schreibt man natürlich auch mit einem anderen Bewusstsein. Andererseits gibt es aber auch Projekte, die unglaublich spannend sind und man weiß, dass sie kein eigenes Budget haben. Dann schreibe ich das natürlich schon gerne dafür und sehe aber auch die Zeit, die ich dafür investiere, in einem anderen Licht.Momentan funktioniert das aber einigermaßen mit dem bezahlt und nicht bezahlt werden.

Du hast in Wien, Zürich, Kopenhagen und München gelebt. Wo ist es am schönsten?

Das ist eine wichtige Frage, weil Heimat und Zuhause für mich sehr wichtige Themen sind, was ja auch ständig durchbricht, aber ich kann es nicht beantworten. Ich vermisse immer alle Städte, in denen ich gelebt habe und ich wechsle meine Lieblingsstädte auch permanent.
Vor kurzem hätte ich noch behauptet, dass Kopenhagen die Stadt schlechthin gewesen wäre. Jetzt finde ich es grade absolut richtig, dass ich hier in München bin. Die HFF hat mich zurückgeholt und jetzt bin ich hier und alles passiert in einer absoluten Richtigkeit für mich. Tatsächlich laufen hier in München momentan so schöne Sachen ab, dass ich mir nicht vorstellen könnte gerade irgendwo anders zu leben. Sonst habe ich immer behauptet, Wien wäre meine absolute Lieblingsstadt aber gerade muss ich sagen, München ist der Ort, wo ich leben muss.

Gibt’s denn auch irgendwas, was dir an München besonders fehlt und was dich nervt?

Ja klar! Angefangen von so Kleinigkeiten, bis zu ganz großen Dingen. Mir fehlen die großen Fahrradwege in Kopenhagen, diese Akzeptanz, das war zum Beispiel so „Nice To Have“. Außerdem fehlen mir die Wiener Kaffeehäuser, diese offene Art, die dort herrscht.
An München stört mich, dass hier das Akzeptanzlevel relativ hoch ist. Man muss sich richtig anstrengen, um sich etablieren zu können, was andererseits natürlich auch spannend ist, weil es einen anspornt und antreibt.
Ansonsten sind das einfach Kleinigkeiten, wie wenn dann wieder dein Lieblingsclub geschlossen wird oder sich ein Stadtviertel komplett verändert, wie zum Beispiel das Glockenbach. Ich habe da früher gewohnt und als ich wiedergekommen bin, habe ich es gar nicht wiedererkannt.
Trotzdem finde ich die Stadt nicht so spießig, wie immer alle behaupten. Ich finde, dass hier eigentlich relativ viel geht. Man soll nicht groß rumfragen, sondern einfach machen, und dann schaut man mal, was passiert. Aber das an jeder Ecke die Polizei steht und schaut, wo dein Fahrradlicht ist, ist wirklich unnötig. Könnte man sich sparen.

Wir bedanken uns vielmals bei Jovana für das tolle und entspannte Interview und wünschen ihr viel Erfolg für die weiteren Projekte!

Das Interview führten: Theresa-Maria Werner & Michael Schleicher

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Bildrechte: © oben: Su Steinmaßl, unten: Markus Burke

Teil I des Interviews

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