Florian Weber
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“Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken” – Florian Weber im Interview

Florian Weber treffe ich Ende März auf der sonnigen Terrasse eines Wirtshauses in Schwabing. Florian Weber wurde schon von einigen Seiten Tausendsassa genannt. Das ist er natürlich auch. Drummer bei den Sportfreunden Stiller, dazu als MS Flinte auch noch Solo unterwegs, sportaffiner musizierender Künstler und nun mit seinem dritten Roman (erschienen am 14. März beim HeyneHardcore Verlag) auf Promotour, das meiste davon natürlich online. Ich bin quasi sein letzter Interviewtermin, dafür in Person. Die Lust über sein Buch mit dem fabelhaften Titel “Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken” zu reden, ist ihm offensichtlich noch nicht vergangen.

Bevor wir ins Interview starten hier noch ein kurzer Einblick ins Buch: “Ein Lama, ein Clown und ein Heinrich Pohl im Atlantischen Ozean,” heißt es im Klappentext. Dazu kommt eine Kühlbox mit einigen Dosen mexikanischen Bier, ein Koffer mit einer abgetrennten Hand und ein Klavier auf einem sinkenden Gummiboot. Drei Ertrinkende und kein Land in Sicht. Dazwischen Rückblicke auf das Leben des Heinrich Pohl. Von Anfang an will man eines: Aufklärung. Während man nach ihr sucht, eröffnet sich die fantastische Welt des Florian Weber. Wer spontan morgen am Samstag den 09.04. noch nichts vor hat, dem empfehle ich außerdem Florian Weber bei seiner Lesung im Volkstheater zu besuchen, Tickets gibts hier.

Mit Florian Weber habe ich mich über sein Buch, die Musik, das Philosophieren und die Angst vor dem Meer unterhalten.

Beginnen wir beim Titel. Was ist die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken?

Florian Weber: Also die Ästhetik der Schonhaltung ist erst mal ein Zustand des Nichtstuns, der relativ schwerelos wirkt – eigentlich was Positives. Beim Ertrinken natürlich sau blöd, weil wenn du dich nicht bewegst, dann ersäufst du. Auf den Titel kam ich, als wir Sportfreunde auf der Bühne waren und der Rüde, unser Bassist, links neben mir sich wirklich überhaupt nicht bewegt hat, während wir ein flottes Lied gespielt haben. Da schrei ich ihn während des Liedes an: “Geh endlich mal ab!” Er hat sich schmerzverzerrt an den Rücken gegriffen und meinte: “Das ist die Ästhetik der Schonhaltung.” Dieser Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Den Protagonisten gab es damals schon. Das war für mich ein ganz klares Bild für diese Person, die nicht nur im Meer ertrinkt, sondern auch eigentlich in der Langweiligkeit und der Zurückgezogenheit seines eigenen Lebens.

die er sich selbst aussucht.

Florian Weber: Die er sich selbst aussucht. Er denkt, er genießt es. Er braucht nicht mehr gerade. Genau. Er ist zufrieden, sagt er einmal, aber man kann zufriedener sein.

“Ich habe kein Mitleid mit Heinrich Pohl, aber finde es schade, dass er sich so verhält.”

Wir sind schon beim Protagonisten Heinrich Pohl, der sein Leben verpasst, Chancen nicht wahrnimmt, sich zurückzieht. Dann guckt man sich deine Vita an und du hast ja schon so einiges gemacht, verschiedene Bands, Diplomsportwissenschaftler, dein mittlerweile dritter Roman. Ist Heinrich Pohl, ein Anti-Flo-Weber?

Florian Weber: Zumindest fühle ich mich dem Wendelin Pohl, seinem Onkel, sehr viel näher. Der hat alles ausprobiert. Der alles in einer Offensive angeht. Heinrich ist schon so ein Gegenpol von mir selbst. Ich habe noch nicht alles ausprobiert, habe noch ein paar Ideen. Aber ja, so würde ich nicht sein wollen. Ich habe erst vor kurzem die Frage gestellt bekommen, ob ich Mitleid mit ihm habe. Das eigentlich nicht, weil du ja vorher selbst schon festgestellt hast, er sucht sich das selbst aus. Er hätte durchaus andere Möglichkeiten. Aber ich finde es schade, dass er sich so verhält.

Das Verhältnis von Heinrich zu seinem Onkel Wendelin ist sehr spannend, gerade weil sie komplette Gegensätze sind. Während wir Heinrich durch die Gespräche mit seinem Onkel Wendelin im Antiquitätenladen aufwachsen sehen, hören wir den beiden beim Philosophieren zu. Dabei haben beide ihren Input, produzieren teilweise sehr schöne Sinnsprüche.

Florian Weber: Ich bin ein sehr moralischer Mensch, will ich sagen, gerechtigkeitsliebend. Das kann schon mal ins Philosophische abkippen. Dabei finde ich an der Philosophie oftmals etwas gscheithaferlerisches. Da schwingt häufig was selbstbeweihräucherndes mit. Diese Diskussion führen die Protagonisten auch. Da wirft Heinrich dem Wendelin vor, dass er doch philosophiert. Wendelin aber antwortet, das Philosophieren sei aber auch eine Handlung, und aus dieser Handlung zieht er und im besten auch der Heinrich, seinen Nutzen.

“Wendelin lässt ihn sein und sagt: Okay, das ist dein Leben.”

Ich bin grundsätzlich dafür zu machen, auszuprobieren, nach vorne zu gehen. Wenn ich es nicht ausprobiere, werde ich nie dahinterkommen, ob es klappt oder nicht. Lieber akzeptiere ich das Scheitern und habe was versucht, als mir mein Leben lang Gedanken zu machen: Hätte ich es nicht versuchen müssen. Ich werde dünnhäutig, wenn man das mit Selbstoptimierung oder Lebensoptimierung vergleicht. Diese 1000 Bücher, die es da gibt. Du musst doch mal so und so und so. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Deswegen lässt der Wendelin den Heinrich ja sein. Er lässt ihn sein und sagt: Okay, das ist dein Leben. Letztlich muss er ihm eine Reise durch Amerika vererben, damit er doch noch seine Augen aufmacht.

Wendelin steht nicht in einer Reihe mit Lebenscoaches und Menschenverbesserern. Er ist vielmehr ein aufmerksamer Lehrer.

Florian Weber: Er ist aufmerksam und er ist total bunt. In seinem Antiquitätengeschäft erklärt er anhand von Gegenständen die diversesten Geschichten, Abenteuer und spannende Begebenheiten. Das hat schon was Mystisches und Zauberhaftes.

Das habe ich beinahe so am meisten genossen, als ich das Buch gelesen habe: Wie du Gegenständen Leben einhauchen kannst. Da hab ich mich gefragt, läufst du an Gegenständen vorbei und du überlegst dir gleich die komplette Hintergrundgeschichte?

Florian Weber: Gar nicht unbedingt. Das passiert mir eher in Häusern oder Gebäuden, wenn ich da über Treppen steige und am Geländer entlangstreiche, denk ich mir: Wer hier wohl schon seine Hand anlegte? Ich bin kein Sammler, aber habe viele drei Fragezeichen-Kassetten, ziemlich viele. Das ist neben ein paar alten Schlagzeugen das einzige. Antiquitätenläden haben so etwas an sich, das geht schon beim Geruch los. Durch welche Generationen gingen die Gegenstände schon, das ist eine spannende Nachfrage, wie ich finde. Das hat mich offenbar so gereizt, dass ich da weitergeforscht habe. Manche Dinge, deren Geschichten sind eher der Konfabulation geschuldet.

Aber zum Beispiel das Taschenmesser von Toni Kurtz dem Bergführer. Das ist aus einer realen Geschichte, die sich an der Nordwand begeben hat. Schon wahnsinnig dramatisch, wenn man sich denkt, dieses eine Messer, hätte er es etwas früher oder etwas schneller einsetzen können, hätte über Leben und Tod entschieden. Das ist schon sehr spannend. Diese Rettungsaktion, die dann letztlich wirklich auf so dramatische Art und Weise nicht geklappt hat. Die Geschichte wurde auch verfilmt, Nordwand heißt der Film von dem Tag. Toni Kurtz, der wirklich zwei Meter über den Rettern dann letztlich an Erschöpfung stirbt. Wäre das Seil ein bisschen länger gewesen, hätten sie ihn mit dem Messer losschneiden können, ihn retten können. So etwas fesselt mich dann schon.

„Da unten, der braucht Hilfe! Der ertrinkt, der schwimmt da im Meer.“

Manche Gegenstände gab es also wirklich. Den Roadtrip durch Amerika im zweiten Teil des Buches, gab es den auch?

Florian Weber: Den gab es, aber auch meine grundsätzliche Idee für das Buch, nämlich dass da einer im Meer liegt. Diese eine Szene im zweiten Teil, wo sie im Flugzeug sitzen, und der Wendelin denkt, er würde wen im Meer treiben sehen, das ist mir passiert. Ich habe echt an Flugangst gelitten. Mittlerweile geht’s wieder. Bei einem Flug übers Mittelmeer hab ich mal runter geguckt und gedacht: „Um Gottes Willen, da unten treibt einer im Meer.“ Ganz panisch habe ich dem Rüde, unserem Bassisten, erklärt: „Da unten, der braucht Hilfe. Der ertrinkt, der schwimmt da im Meer.“ Da hat er mich nur ausgelacht. Ich hing dieser Vorstellung so nach. Dass der Antiquitätenladen dazu kam, muss irgendeiner Eingebung geschuldet sein, hier etwas Mystisches hinzuzudichten. Ursprünglich sollte der Heinrich einen Zirkus erben. Das hat er dann nicht geschafft, aber immerhin trifft er auf diesen Zirkus später.

Interessant, dass es bei dir die Flugangst ist. Ich habe so eine Angst vor der unendlichen Tiefe und der Unendlichkeit des Meeres. Das zieht sich ja durch den ersten Teil des Buches. Knabbert da jetzt was an meinem Fuß? Ich gucke in alle Richtungen und ich sehe nichts. Das Meer so als Urangst und Anfang deines Buchs.

Florian Weber: Die Angst, die du beschreibst, finde ich interessant. Ich habe jetzt keine Urangst vor Meer, bin echt ein richtig guter Schwimmer gewesen als Kind, aber mir war ein Becken tausendmal lieber als das Meer. Ich habe mich gut über Wasser halten können, aber sobald es dunkler wurde… Ja, erstaunlich wie ängstlich ich dann da war, wie das dann auch die Schwimmkunst, die Schwimmkraft beeinträchtigt hat. Die Vorstellung, da ohne Land in Sicht zu treiben, ist schon eine wahnsinnig panische. Ertrinken wollen, würde ich schon gar überhaupt nicht. Das behauptet Heinrich Pohl ja auch. Da stecke schon zu Einhundertprozent ich drin, denn wer will ertrinken?

Aus der Panik des Ertrinkenden ziehst du den Leser durch Rückblicke auf das Leben Heinrich Pohls. Ich finde die Übergänge im ersten Teil des Buches sind dir wahnsinnig gut gelungen. Das hatte fast etwas Musikalisches, durch diesen Flow, der sich da durchzieht. Das eine Wasser-Kapitel endet mit einer Erinnerung und die breitet sich dann aus. Hatte dieser Schreibprozess Ähnlichkeiten zum Musik schreiben?

“Letztlich war das schon ein schönes Ping Pong Spiel, ein schönes Hin und Her, viel Bewegung.”

Florian Weber: Klar, es bedingt sich gegenseitig. Ideen verschwimmen. Ich würde sagen, ein gutes Lied zu schreiben, ist fast schwieriger. Das klingt jetzt total abgehoben, aber du musst ja bei einem Lied innerhalb kürzester Zeit Töne und Worte treffen, um den Hörer zu vereinahmen. Beim Buch hast du deine Bögen, die du ausmalen kannst. Letztlich war das schon ein schönes Ping Pong Spiel, ein schönes Hin und Her, viel Bewegung. Abwechslung zwischen diesen ruhigen, aber panischen Situationen im Meer, bis hin zu diesen Rückblicken, Erinnerungen an Heinrichs Leben. Das taugt mir schon – dieses sehr dynamische: mal ruhig, mal laut, auch so ein bisschen Sportfreundemäßig. Tatsächlich würde ich sagen, egal was ich tue, ich fabuliere gerne. Das passiert in der Musik genauso wie beim Buch. Nur bei der Musik muss ich zwei weitere Sportfreunde überzeugen, denen es dann oft zu bildhaft ist und zu wenig direkt.

Wie unterscheidet sich ansonsten dein kreativer Prozess des Schreibens von dem des Musizierens oder des Musik Schreibens, abgesehen von dem Team- vs. Soloaspekt?

Florian Weber: Eigentlich nicht so sehr. Beim Buch folge ich einer Idee, die wird niedergeschrieben. Danach habe ich auf den ersten 150 Seiten noch keine Vorstellung, wie das Buch enden wird. Ich schreibe einfach drauflos und folge meinen Gedanken, die letztlich noch gar keinen Bogen haben. Man will es gar nicht glauben, denn das Buch hat ja einen wahnsinnig gigantischen Bogen letztlich dann. Das finde ich total reizvoll. Einfach mal losmarschieren, alles zuzulassen, alles mal hinschreiben. Man kanns dann ja wieder wegnehmen. Das versuch ich beim Musizieren genauso zuzulassen. Einfach mal alles aufschreiben, vorsingen. Ich habe auch einen höheren Output beim Vorspielen der Lieder innerhalb der Band, weil mir das egal ist, wenn das nicht ankommt. Dann schreibe ich halt noch ein Lied und dann noch eins. Das ist unser Beruf. Da habe ich einen ganz anderen Zugang, der sehr hilfreich ist, wie ich finde.

Also dieser Wendelinsche Ansatz ans Scheitern.

Florian Weber: Ja genau. Auf die Schnauze fällt man so oder so. Du musst aufstehen und weitermachen.

“Bei dem Roman war mir recht früh klar, dass es eine Tiefe geben muss.”

Auf den ersten Blick hat der Name deines Buches etwas Absurdes, Komisches. Guckt man genauer hin, schwebt darüber etwas Morbides. Die wundersame Ästhetik der Schonhaltung beim Ertrinken handelt auch vom Abschied nehmen. Dennoch gelingt es dir den Lesenden regelmäßig zum Lachen zu bringen.

Florian Weber: Das Thema betraf mich als Kind schon. Ich habe sehr früh, als zehnjähriger meine Mama verloren. Das ist jetzt nicht mehr irritierend, aber begleitet mich natürlich ständig. Wie du schon sagst, dem Komödiantischen eine Trauer und Sehnsucht entgegenzusetzen, das zu schaffen, ist unglaublich reizvoll. Bei dem Roman war mir recht früh klar, dass es so eine Tiefe geben muss – in Form von Trauer. Das wollte ich beschreiben. Gar nicht, um irgendwas zu bewältigen. Ich habe mit meinem Bruder Lieder über unsere Mutter geschrieben. Ich habe mit MS. Flinte nochmal ein Lied gemacht. Das war nicht nötig mit dem Roman. Manche Autoren schaffen es, ohne mich mit ihnen zu vergleichen zu wollen, aber Chaplin in “Der große Diktator” oder Benigni in “Das Leben ist schön”, die schaffen es wahnsinnig gut, dem Bösen das Komödiantische entgegenzusetzen. Ich hätte das nicht zur Verarbeitung gebraucht, sondern fand darin einfach einen spannenden Ansatz.

Auf dem Cover steht das Klavier im Mittelpunkt, das auch im Buch eine tragende Rolle spielt. „Musik macht alles größer.“ Auch ein Satz von Onkel Wendelin, der auch von dir sein könnte?

Florian Weber: Ich habe schon das Gefühl, man müsste immer Musik dabeihaben. Der Soundtrack des Lebens müsste immer so mit einem mitlaufen. Wer kennt es nicht, dass man Musik im Ohr hat und sogar seinen Gang ein bisschen anpasst. Und wenn einer vorbeikommt, grad dass man den nicht ansingt, weil man denkt, der muss das doch jetzt auch hören, der müsste das doch auch spüren. Das ist für mich eine schöne Vorstellung – das Klavier als bindendes Element zwischen der Vergänglichkeit und dem offensiven Dasein.

„Ich brauche dich für mein Buch, du musst diesen Zug in ein Klavier umwandeln.“

Das Cover hat ein Künstler für mich angefertigt. Ganz toller Künstler, der hat es extra angepasst, muss ich sagen. Das ist ein Berliner Künstler Sasan Pix heißt er. Der hatte diese Walflossen mit einer Schwebebahn darin gezeichnet. Das war dem Unfall in Wuppertal geschuldet, als die Magnetschwebebahn aus dem Gleis schoss und auf einem Kunstwerk, auf diesen riesigen Walflossen stehen blieb und deswegen nicht abstürzte. Das habe ich gesehen bei Viva con Agua. Daraufhin habe ich ihn sofort angeschrieben: „Ich brauche dich für mein Buch, du musst diesen Zug in ein Klavier umwandeln.“ Da meinte er das sei gar kein Problem, er brauche auch nicht viel Gage, aber ich müsse drei meiner Bilder, weil er auch wusste, dass ich Bilder male, Viva con Agua zur Versteigerung geben. Super Deal. Am nächsten Tag war das Bild dann da und total schön.

Mit der schönen Geschichte würde ich dann abschließen. Vielleicht noch direkt für unsere Leser*innen, warum sollten sie das Buch lesen?

Florian Weber: Grundsätzlich habe ich da keinen großen Anspruch. Ich bin ein moralischer Mensch und glaube, in dem Buch sind viele Eindrücke drin, wie man empathischer durchs Leben gehen kann. Außerdem denke ich grundsätzlich, dass Leute, die Belletristik lesen, einfühlsamere Menschen sind. Ich krieg viel Lob ob des Buches. Da sind viele Leitsätze drin, die irgendwie Mut geben, oder anders auf manche Dinge blicken lassen. Ich glaube, da kann jeder aus dem Buch seinen Ansatz rausfischen. Vielleicht kann das hilfreich sein, aufmerksamer durch das Leben zu gehen und das Leben mehr zu inhalieren, ohne den Zeigefinger zu heben.

Vielen Dank Florian Weber.


Beitragsbild: ©Yannik Gschnell

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