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Weil deutsche Musik es halt doch kann. I AnnenMayKantereit

Anika Landsteiner

Anika Landsteiner

Autorin und Bloggerin. Man kann mich locken mit Rotwein, Jazz und die drei ???, am liebsten bin ich jedoch barfuß am Strand, irgendwo in fernen Ländern und mit einem Buch in der Hand.
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Anika Landsteiner

Ich schließe kurz die Augen, um gegen zu checken, was ich bereits vermutete. Ja. Da könnte auch Tom Waits auf der Bühne stehen. Ich öffne die Augen und sehe einen Kerl, der 21, 22, 23 ist. Und ich bin nicht die einzige, die das nicht glauben kann. Für ein paar Sekunden, für ein paar erste Takte des Liedes schweigt das Publikum der ausverkauften Muffathalle. Bis die Mädchen in den ersten 10 Reihen anfangen zu kreischen, so ohrenbetäubend laut, dass Henning May ein (sehr) verschmitztes Lächeln über das Gesicht huscht.

Für mich war es eins der besten Konzerte, auf dem ich je war. Ganz ehrlich. AnnenMayKantereit, drei Musiker, die mittlerweile einen Bassisten im Boot haben, spielen so fabelhaft gut ihre einzelnen Instrumente, während die Stimme des jungenhaften Sängers den nötigen Dreck auf die Bühne wirft. Ganz zu schweigen von den Texten. Zwischen der großen Liebe, gescheiterten Beziehungen, dem Wissen, dass man mit 21, 23, 23 noch gar nicht wissen kann, was man will – Deutschland kann es doch. Verdammt gute Musik machen. Und welche machen die drei? Da ist Blues mit drin, Gypsy-Klänge und Rock. In Genre-Schubladen wollen sie nicht gesteckt werden.

Wenn Henning May am Mikro steht, verschränkt er die Arme hinter dem Rücken oder steckt seine Hände ganz tief in die Gesäßtaschen. In seinem Gesicht steht manchmal jugendlicher Trotz geschrieben, der von einer tiefen Ernsthaftigkeit abgelöst wird – sobald seine Bandkollegen einzelne Solos hinlegen, lacht er freudig los und beginnt zu tanzen. Es geht ihnen gut, das sagt nicht nur der Song.

Was auffällt: Eine neue Generation wächst heran. Plötzlich spielt Facebook und seine Selbstdarstellungssucht eine Rolle in den Songs. Einmal stimmen sie eins ihrer „unfertigen Lieder“ an, ein Appell an das Publikum, endlich aufzuhören, auf das Handydisplay zu starren oder durchgehend zu filmen.

„Das schaust du dir eh nie wieder an und irgendwie finden wir das auch beleidigend, denn wir geben uns hier ja schon Mühe.“

Für 10 Minuten sieht man keine leuchtenden Bildschirme mehr – schön, dass so etwas noch möglich ist. Und überhaupt hallen alle Worte nach. Selten habe ich am nächsten Tag einzelne Erinnerungsstränge so vollständig in meinem Kopfkino abrufen können.

Von der Straßenmusik zur Vorband von Clueso über ein ausverkauftes Doppelkonzert in München bis hin zu Rock im Park. AnnenMayKantereit sind großes Kino – und meine neuen Helden der deutschen Musikgeschichte. Deniz hat ihnen eine Fotostrecke gewidmet.

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Fotocredits: Ispaylar Photography

 

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