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whitebox im Werksviertel: mehr als ein Ausstellungsraum

Kevin Brandt

Münchner Kindl ohne ausgeprägte Ortskenntnis. Politisches Wesen. Sprache ist Macht. Printanhänger. Schon immer schreibend. Schon immer suchend.
Kevin Brandt

Kunstpark Ost, Kultfabrik, Werksviertel – das ist die kulturelle Genese des ehemaligen Industriegebiets am Ostbahnhof. An so ein riesiges Projekt, wie es der Neu- und Umbau zum Werksviertel ist, darf man gerade in München kritisch herantreten. Was wird aus dem so authentischen Standort für Kunst und Kultur? Bleibt ihm Luft zum Atmen?

 

werksviertelmodell

Ein Modell des neuen Werksviertels

 

„Wir hatten Angst, dass das Gelände durch Gentrifizierung kommerziell verwahrlost und die Künstler verschwinden“, sagt Werner Eckart, Pfanni-Erbe, Grundstückseigner und Bauherr.

 

Geschäftsführerin Dr. Martina Taubenberger steht mit Leidenschaft hinter dem Projekt.

Geschäftsführerin Dr. Martina Taubenberger steht mit Leidenschaft hinter dem Projekt.

Das ist doch mal eine Aussage. Wie ist er diese Angst losgeworden? Er hat sich persönlich darum gekümmert, dass die schon zu Kultfabrik-Zeiten in Werk 3 ansässige Kunsthalle whiteBOX eine Zukunft hat.

 

Gemeinsam mit Martin Schütz, Vorstand des Vereins, der die whiteBOX betrieb, trat Eckart bereits vor zwei Jahren an Dr. Martina Taubenberger heran, um dem Werksviertel einen „Raum für Entfaltung“ ins Herz des Werk 3 zu pflanzen: die whitebox. In Neuauflage.

 

Die neue whitebox ist mehr als bloßer Ausstellungsraum. Taubenberger will das alte Konzept der Kultfabrik, Zwischenräume mit je ganz verschiedenen Möglichkeiten zu gestalten und sich verändern zu lassen, fortführen. Die Kulturmanagerin hat zudem die Persönlichkeit des Orts und seine Geschichte in ihre Arbeit aufgenommen. Man will an die alten Wurzeln anknüpfen – das sind die unzähligen Sprühereien an den Wänden und das vielfältige Musik- und Partyangebot – und das Bäumchen wachsen lassen, ohne penibel die Äste zurechtzustutzen. Auch Taubenbergers interdisziplinärer und -kultureller Ansatz verdeutlicht sich im Programm.

 

Die whitebox soll ein „Identifikationsobjekt für Leute vor Ort und unterwegs“ werden. Aber was ist die whitebox überhaupt?

 

Sneak Peak: die whitebox noch in dezentem grau

Sneak Peak: die whitebox noch in dezentem grau

 

Die konkrete whitebox ist ein 400qm großer Raum ohne natürliches Licht. Hier werden Ausstellungen, Veranstaltungen und Performances stattfinden. 14 Ateliers umschließen die whitebox, in die sich 22 Künstler*innen (u.a. LOOMIT, Stephanie Maier und Ugo Dossi) subventioniert und langfristig einmieten können (11€/qm warm). Taubenberger erklärt den Hintergedanken: „Wir wollen neue Urgesteine züchten.“ Das bedeutet aber keinen Stillstand. Denn es gibt zwar kein Rotationsprinzip, aber es werden auch kurzweiligere Residenzen vergeben. Und ein Atelier bleibt Gästen vorbehalten.

 

Industriecharme und ein langfristiges Zuhause locken die Künstler*innen.

Industriecharme und ein langfristiges Zuhause locken die Künstler*innen.

„Im Mietvertrag steht, dass die Künstler Farbflecken hinterlassen dürfen“, scherzt Eckart. „Wirklich.“ Die alten Böden sind bei der Sanierung drin geblieben und auch die Decke wird nicht abgehängt. Der industrielle Charme soll beibehalten werden. So finden die Künstler*innen ein kleines Paradies vor. Alle Plätze sind vergeben, einige der Glücklichen richten sich schon ein.

 

Es gab drei Auswahlkriterien:

  1. Die Altersverteilung unter den Künstler*innen sollte ausgeglichen sein.
  2. Verschiedene bildende Künste sollten einen Platz finden.
  3. Ein internationales Profil („nicht nur 20 Jahre in der Heimatgalerie ausgestellt“) sollte zu erkennen sein.

 

 

Wie unterscheidet sich die whitebox von anderen Ausstellungsräumen in München? „Ja, wir haben einen Raum und wir haben Ateliers und es wird Ausstellungen geben“, sagt Taubenberger. „Für mich ist die Abgrenzung aber nicht relevant.“

 

aussichtgraffiti

Das Gesicht des Viertels: Ausblick aus einem Atelier

Und verweist stattdessen auf die Eigenständigkeit des neuen Kulturvereins whitebox. Einmalig sei der besondere Kontext und die Einbettung in die vorhandene Umgebung. „Wir haben uns intensiv mit der Frage auseinandergesetzt: Nach was fragt die Umgebung, wer ist hier unterwegs, was passiert auf der Straße? So entsteht ein ganz eigenes Profil.“

 

Die Persönlichkeiten hinter den Beteiligten verleihen diesem Profil unterschiedliche Charakterzüge, die miteinander verwachsen: „Unterschiedliches zusammenzubringen ist hier möglich.“ Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass das Werksviertel Privatgrund und Eckart nur einen Anruf entfernt ist. Mit ihm bestünde ein absolut vertrauensvolles Verhältnis, das auf künstlerischer Autonomie beruht.

 

Die Angst vor der Gentrifizierung zerstreut auch Taubenberger. Denn im neuen Werksviertel sind die Künstler*innen die ersten, die die frische Luft atmen – und nicht wie sonst bei solchen Verdrängungsprozessen die letzten, die das Viertel frustriert verlassen.

 

Die whitebox ist darauf ausgelegt, auf das gesamte Stadtquartier auszustrahlen und über die eigenen Räume hinaus Kultur zu stiften. Das whitebox-Stockwerk in Werk 3 soll für das Publikum zugänglich sein Das Konzept dreht sich daher um Vielfalt, Teilhabe, Austausch, Reibung, Diskurs. So geht die whitebox über die Summe ihrer Künstler*innen hinaus.

 

Folgende Projekte stehen in den Startlöchern:

  1. Püree-Linie. Der „Theater-Performance-Parcours“ der Kuratorin Cagla Ilk führt durch die alten Straßen des Geländes und lässt dabei Geschichten von Menschen, die selbst diese Wege gegangen sind, erzählen: Nachbarn, Architekten, Musiker*innen. Das Publikum ergänzt mit seinen Erlebnissen die Multiperspektivität dieses sozialen Raums (28. und 29. Mai).
  2. Jugendorchester-Festival „Auftakt!“. In Kooperation mit der musikalischen Kulturorganisation Jeunesses Musicales Bayern treffen verschiedene Ensembles aus München und Umgebung aufeinander. Außerdem helfen das O/Modernt Kammerorkestar und die Solo-Percussionistin Evelyn Glenn beim grenzenlosen Musizieren (3. und 4. Juni).
  3. Space Unfolding. Das Vokalensemble Trondheim Voices und der Sound-Designer Asle Karstad weihen gemeinsam mit dem Lichtkünstler Kurt Laurenz Theinert die whitebox ein, indem sie eine Woche lang an einer Performance arbeiten – ohne sich zuvor abgesprochen zu haben. Das Publikum ist zu jeder Zeit eingeladen, der visuellen und akustischen Erschließung des Raums beizuwohnen (8. bis 12. Juni).
  4. Everything is a Remix. Die Ausstellung des Kurators Benjamin Jantzen stellt eine gewagte These auf. Die Kombi aus Festival, Podiumsdiskussionen und Performances will keine Antworten geben, wie viel Altes etwas Neues verträgt, ohne zu klauen. Dafür Denkanstöße (1. Juli bis 7. August).
  5. STRAIGHT OUTTA WHITEBOX. Vergiss‘ nicht, wo du herkommst. Mit diesem Straßenfestival zollt die whitebox den kulturellen Anfängen des Geländes Respekt: Graffiti und Hip-Hop. Die unterschiedlichen Workshops und Vorführungen gipfeln in einer Street Life Block Party. Von der Straße für die Straße (19. und 20. August).

 

Hier ein kleiner Trailer:


Infos in aller Kürze:

Homepage: whitebox-muenchen.de
Facebook: whitebox.art
Adresse: Atelierstraße 18, 81671 München, Werk 3, 2. Stock
Telefon: +49 89 215 446 22 0
E-Mail: office@whitebox-muenchen.de

 

Fotocredits: (1) Angelika Schindel (2) (3) (4) (5) (6) Kevin Brandt

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