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Wie man als vegane, Fußball verpönende Biergegnerin in München überlebt

Sarah Kampitsch

Alles was ich kann, ist ich selbst zu sein - wer auch immer das ist.
Kreativer Vogel mit Hang zum Melancholischen, starkem Drang zum Ändern funktionierender Metaphern (und der schlechten Welt da draußen) und zum Einbauen gestohlener Zitate.
Sarah Kampitsch

Schon mal versucht, nach München zu ziehen? Sich als Zugroaste für die große Stadt zu entscheiden, bedeutet nicht etwa Zucker und Schlecken, sondern eher Realität und Watschn. Im Dorf München heißt Ankommen oft Anpassen – und das ist oft leichter gesagt als getan. 

Es gibt einige (ich kenne drei) sehr offensichtliche Leidenschaften und eine Fehlannahme, mit deren Ausleben man sich den Start in der Landeshauptstadt definitiv erleichtert. Geschätzte 99 Prozent der Weltbevölkerung können sich mit zumindest einer dieser Passionen identifizieren, was eine schnellere München-Integrierung garantiert. Ich allerdings gehöre – natürlich – zur Spezies der hinterbliebenen 1 Prozent.

Du liest nun also über “Mein Minga”: Das unbayrische München. Das München, das eigentlich gar kein München-Fan haben will. Dennoch glaube ich an die 1 Prozent in München Lebenden, die Minga-untypischer nicht sein könnten und gebe meinen Artgenossen einen Halt mit meinen untraditionellen Zeilen.

Trauer nicht und wisse: Du bist nicht allein!

1. Mia san Mia: im Fußball-Nicht-Fieber

Die Allianz Arena: seit 2005 pilgern Fußball-Fans aus aller Welt zu den Heimspielen des FC Bayern. Seit jeher pilgern Fußball-Fans aus aller Welt nach München, der insgeheimen Fußball-Hauptstadt, um sich am bahnbrechenden, lodernden Feuer in der Atmosphäre der Arenen zu ergötzen. Ansteckend! Diese Hitze, diese Passion!

Selbst wenn du ein stiller, desinteressierter Mensch bist, in der Arena schreist und springst auch du! So wurde mir versichert. Und zwar von absolut jedem, dem ich mitteilte, dass Fußball für mich keine Sportart, sondern eine Ausrede zum Saufen ist und ich keine 90 Minuten lang auf eine Bande sich selbst haxelnder O-Beine starre und sie dabei auch noch anfeuere. (Warnung: Diese Aussage ist gefährlich. Bitte nicht nachsprechen!) Böse Worte. Böse Blicke. Stille. Empörung. Abschaum. Themawechsel oder Watschn. 

Was also machen, wenn man in München lebt oder die Stadt besucht und tatsächlich keine Lust darauf hat, sich mit den laut grölenden und nach Suff stinkenden Bierleichen in die U-Bahn Richtung Fröttmaning zu schieben? Well, everything else my darling. Everywhere else!

Tipps und Tricks:

  1. Wenn irgendwie machbar, an Spieltagen zwischen 16:00 und 23:00 Uhr die U6 in beiden Richtungen meiden. Besser mit dem Rad nachhause als mit fremder Alkfahne.
  2. Während WM und EM generell alle Bars meiden – überall finden sich Live-Übertragungen. Da stört nicht nur das lästige Hintergrundgeräusch des Fernsehers, sondern auch die tief grölenden Fernsehschauer, die sich in Scharen versammeln, um gemeinsam dem Bildschirm entgegenzugrölen. 
  3. Als Ausgleich des Fiebers heimlich Konzerte gucken im Olympiapark: Da trifft man sich bei Konzerten in der Olympia-Arena auf den umliegenden Hügeln zum Picknicken und Sterne beobachten, und kann dank hervorragender Akustik trotzdem abdancen und rumjubeln – und trinken.
  4. Es gibt auch andere Sportarten: Etwa Quidditch. Das ist nicht nur magisch, sondern auch tatsächlich unterhaltsam.

2. Auf die Wiesn, auf a Maß: Na, lieber ned

Einmal im Jahr (das stimmt leider nicht, aber passt hier so besser rein) wirft sich ganz München in seine schönsten Lederhosen und Dirndl, flechtet sich die Haare kunstvoll hoch, zieht die Stutzen straff, packt die Haferlschuhe aus und schunkelt freudig Richtung Theresienwiese.

O’zapft is! Dort steht man dann, wenn man nicht zur Schickeria gehört oder jemanden kennt, der zur Schickeria gehört, erstmal geduldig vor den Zelttoren, bis das eine oder andere australische Bazi ein Maß ext und mit seiner Folgschaft hinaus manövriert wird. Abends folgt man schleppend den Spuren der Alkoholleichen, die garantiert in der ganzen Stadt anzutreffen sind, nach Hause. So familiär!

Einige gute Gründe, nicht zu den 7,5 Millionen Maß Bier beizutragen, die jährlich ausgeschenkt werden: Bier ist nicht gerade lecker, das Oktoberfest nicht nur ein bisschen, sondern ganz arg eklig und Menschenmassen unangenehm wie Sau (Warnung: Wiederum bitte nicht laut aussprechen).

Kommen wir zum ersten Punkt zurück: Ich trinke kein Bier. Also, so gar kein Bier. So gar keinen Schluck Bier. Warum? Weil es mir nicht schmeckt. Tut es einfach nicht.

In der Stadt des Bieres kommt man mit dieser Einstellung natürlich nicht weit: Mehr als die Hälfte der deutschen Brauereien sitzen in Bayern. Wer da den Unterschied zwischen Hellem und Weißbier nicht kennt, hat schon genetisch verloren.

Besser also: Kein Bier bestellen (besser keines als nicht zu wissen, welches), behaupten, man müsse am nächsten Tag früh raus oder wäre mit dem Auto da und eine Rhabarbersaftschorle ordern.

Tipps und Tricks:

  1. Im Sommer und Winter aufs Tollwood: Da gibt es zwar auch Bier, aber ebenso leckere Cocktails, Glühwein (im Winter) und frische Säfte.
  2. Zur Wiesn ins Kufflers Weinzelt: Da gibt es sicher nichts bieriges und das Klientel ist etwas angenehmer (hört man munkeln).
  3. Wer sich doch regulär aufs Oktoberfest traut: Apfelsaft fällt zumindest nicht ganz so stark als anti-alkoholisch auf, besonders nicht wenn der Pegel am Tisch allmählich steigt. 
  4. Im Wirtshaus auf keinen Fall (so wie ich) Tee bestellen (vor allem nicht abends) oder sogar Leitungswasser. Auf jeden Fall immer irgendetwas, das fancy wirkt und den Bierverzicht rechtfertigt, etwa Spezi, Saftschorlen oder Holunderwasser.

3. Brotzeit-Schmankerl: Bitte tierlos!

Schweinshax’n, Weißwürste, Fleischpflanzerl, Leberkäs’: Igitt, wie eklig!

Der Besuch in einem Wirtshaus ist auf jeden Fall Pflicht in München. Früher oder später steht der Besuch im Fleischparadies/ Gemüsehades an, ob nun aufgrund von Familienbesuchen oder Firmenfeiern. Da darf man sich nun dem fleischgewordenen Alptraum des Massenkonsums ausliefern.

Was man in einem Wirtshaus zu sich nimmt, wenn man kein Fleisch isst? Obazda oder Kaiserschmarrn. Was man in einem Wirtshaus so zu sich nimmt, wenn man keine Milch und Eier isst: Beilagensalat ohne Dressing. Brezn? Fehlanzeige, selbst da könnte man Probleme bekommen, denn viele Wirte backen noch traditionell mit Schweinsfett. Lecker schmecker. Wenn man sich nun aber als hilflos outet und versucht eigene Ideen und Möglichkeiten aus der vorhandenen Karte zu kreieren, bekommt, wenn überhaupt serviert wird, garantiert Bratensoße oben drauf oder Speck drunter rein. 

Tipps und Tricks:

  1. Die Speisekarte schon vorher checken. Notfalls anrufen und schon mal nach Alternativen fragen oder nach den Bestandteilen von Brezen und Kartoffelsalat fragen – oft hat man Glück. Viele Wirtshäuser sind auch schon moderner orientiert und bieten richtig gute vegetarische Gerichte an, wie etwa der Löwenbräukeller, viele können auf Anfrage vegan kochen. Das gute hier: Die Leut’ verstehen, was “tierlos” bedeutet.
  2. Wenn man keine Chance hat: Voressen. Dann “keinen Hunger haben” und Beilagensalat mit Brot essen. Was soll’s… 
  3. Wenn man das Wirtshaus selbst aussuchen kann: Esst euren fleischlosen Schweinsbraten bei Bodhi, dem ersten und einzigen veganen Wirtshaus Bayerns.

4. Dahoam is Dahoam: Zugroaste re’n Dialekt

“Mei liab, a Schluchtenscheißer!” – Dialekt wird übrigens nicht so gern gehört, wie etwa zu vermuten wäre. Das bayrische München ist lange nicht mehr bayrisch, bis auf die Schmankerl und die Lederhosn.

Wer in München noch bayrisch spricht, ist MVG-FahrerIn, Fleischer oder Bäcker oder wohnt eigentlich in Rosenheim. Dementsprechend war meine Vorfreude vor vier Jahren nicht ganz berechtigt, in eine Stadt zu ziehen, in der man mich versteht: Bereits nach dem jeweils ersten Satz war meine Identität enthüllt; und nach stetigen “Wie bitte?”-Zurufen blich mein österreichischer Dialekt, der Einfachheit halber, langsam aber sicher aus.

Tipps und Tricks:

      1. Daheim bleiben, also daheim, da wo man herkommt.
      2. Hochdeutsch lernen: Wird ohnehin Zeit, wenn man das noch nicht kann.
      3. Dem “Schluchtenscheißer”-Betitler einen passiv-aggressiven “Piefke” nennen.

 

Disclaimer: Entgegen der nun vermutlich vorherrschenden Einschätzung: ich hasse München nicht. Ich mag München sogar sehr gerne. Ich mag nur nicht so gerne, was München angeblich ausmacht: jährlich eine Badewanne voll Bier und ein Dreiviertel Schwein. Da bietet München doch durchaus mehr!


Fotos: Unsplash.com; Markus Spiske, Bruno Aguirre, Adam Morse

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