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Wiesn die Wiesn so geworden?

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Wiesnzeit und alle drehen am Riesenrad.

München zur Wiesn-Zeit. Alle außer Rand und Band, die Leute drehen am Rad. In den zwei Wochen ist nichts wie sonst, Ausnahmezustand wohin man schaut. Berufliche Karriere, Eheprobleme oder finanzielle Sorgen gibt es in den zwei Wochen einfach nicht. Wer den Rest des Jahres zwar lieber im Lidl statt im Tengelmann einkauft, sich zur Happy Hour beim Bäcker in eine 20m Schlange stellt um sein Brot 20 Cent günstiger zu bekommen oder sein eigenes Bier ins Kino schmuggelt – der feiert ausgelassen in seiner nagelneuen Tracht, trinkt lieber eine Maß zu viel als zu wenig, zahlt dreistellige Zimmerpreise in Hotels und gibt natürlich gerne den feschen Mädels eine Maß aus – eh klar. Nur fesch trifft leider auch nicht auf alle Mädels in ihren Dirndln zu. Klar – fast jede Frau sieht im Dirndl besser aus als ohne – nur mit Tracht & Tradition hat das meistens nichts mehr zu tun. Langes Dirndl? Geht gar nicht. Lieber das Dirndl bis kurz unter den Hintern, Netzstrümpfe dazu und weiße Lackstiefel? Na sicher! Und dann noch schnell die Brüste bis kurz unters Kinn gepusht – fertig ist das Wiesn-Outfit. Da weiß der ureingesessene Bayer über 60 auch nicht mehr was er denken soll. Ist aber auch egal, dem Teenager in der kurzen Lederhosn mit Turnschuhen gefällt’s, genau wie dem betrunkenen Touristen in seiner Plastiklederhosn, für den ein gemeinsames Foto mit der Wiesn-Schönheit (abgesehen vom Filzhut) das schönste Souvenir ist.

»Früher war alles besser.« Stimmt natürlich nicht, aber: Nachmittags über die Wiesn schlendern und im Zelt für »a Maß und a Hendl« Halt machen? Leider unmöglich. Eigentlich braucht man ohne Reservierung sowieso nicht versuchen, einen Tisch zu bekommen, geschweige denn am Wochenende ins Zelt zu kommen. Natürlich kennen die Münchner den ein oder anderen Trick, um sich in geschlossene Zelte zu schmuggeln, fragt sich nur wie lange wir da den Touris noch voraus sind. In den Wiesn-Internetforen wird neben den Tricks für »Hau den Lukas« auch sowas diskutiert.

Die Stadt freut sich logischerweise über die vielen Besucher, die viele Münchner dadurch ernähren, dass sie hier mehrere Monatsgehälter auf den Kopf hauen. Die Münchner freuen sich, dass ihre Stadt weltweit bekannt ist und alle versuchen die Wiesn zu kopieren. Nur die meisten Münchner freuen sich nicht, dass man zur Wiesn-Zeit die Innenstadt eigentlich meiden muss, wenn man nicht auf Betrunkene & Erbrochenes steht. Morgens in öffentlichen Verkehrsmitteln sitzt man unter Garantie neben einem übel riechenden Etwas. Manchmal noch betrunken, manchmal schon betrunken oder manchmal auch gerade beginnend, nämlich mit der ersten Halbe auf dem Weg zur Wiesn. Wieso man auf dem Hinweg schon Bier trinken muss, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht kommt da doch wieder der Lidl-Einkäufer und Rabattjäger durch, der die 10€ für die gesparte Maß lieber in ein liebevoll angerichtetes Hendl investierten möchte. Es ist eigentlich erstaunlich, dass man sogar noch einen Porzellanteller zum Hendl bekommt, auf dem das Hendl und die vielen Beilagen und Beigaben Platz haben. Schmecken tut es aber natürlich fantastisch – genau wie die frischgezapfte halbvolle Maß.

Wieso ist die Wiesn so ein Kracher und zieht Menschen aus der ganzen Welt an? Wahrscheinlich gibt es auf der Welt keinen zweiten Ort, an dem man sich lustig verkleidet öffentlich völlig besinnungslos saufen kann und einen gleichzeitig unzählige Brüste anspringen.

Aber man sollte sich vielleicht einfach nicht zu viele Gedanken machen. Rein ins Zelt und den Alltag bei den Schlägern an der Zelttür abgeben. Egal ob mit oder ohne Tracht, Münchner oder Touri, Teenager oder Urgestein – irgendwie haben halt doch alle mächtig Spaß auf der Wiesn.

Autor: Felix Lange
felix@achtneun.com

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