Stadt, Wohnen trotz München

Wohnungsnot im größten Dorf der Welt

Jan Rauschning-Vits

Don't worry, look shabby!
Trägt seit kurzem Schnauzer
Jan Rauschning-Vits

Wohnungssuche: Es gibt wohl kaum etwas Ätzenderes. Unser Autor Jan hat sich über das Thema Wohnungsnot in München Gedanken gemacht und fordert Mut zur Großstadt, mehr Herz für Studenten und Bars in Neubaugebieten!

Besonders junge Menschen haben es in München sehr schwer: Bewirbt man sich als Student oder Auszubildender um eine Wohnung, fragt sich der Vermieter sofort, ob er auch regelmäßig die Miete bezahlen kann. Wohnungsbesichtigungen mit Dutzenden anderer Studenten; dazwischen die Latte-Macchiato Pärchen. Sie arbeiten meist bei BMW, tragen teure Polos und noch teurere Schuhe. Mit ihren Jetset-Mietzen am Arm stehen sie dann in der Schlange der Interessenten vor einem und erzählen den Maklern von dem ruhigen Leben als hart arbeitender und aufstrebender Unternehmensberater. Wenn man dann selber an der Reihe ist und stotternd gesteht, dass man am liebsten mit zwei Freunden einziehen möchte, da man sich sonst die Miete nicht leisten kann, weiß man meist nach dem ersten Blick des Maklers oder Vermieters, dass man hier außer Mitleid nicht viel erwarten darf.

Was aber muss getan werden um die Situation zu entspannen?

Ist die Mietpreisbremse eine Lösung? Niedrigere Mieten würden natürlich mehr Wohnungen in München für Studenten bezahlbar machen. Doch nur dadurch gibt es ja nicht zwangsweise mehr Platz. Vermieter haben auch weiterhin die Auswahl aus vielen bzw. noch mehr Bewerbern, unter denen Studenten wohl immer noch am unteren Ende der Nahrungskette stehen dürften.

Am Ende brauchen wir schlicht und einfach mehr günstige Wohnungen. An manchen Orten werden bereits riesige Wohnkomplexe aus dem Boden gestampft verkehrsberuhigt und mit ausreichend Spielplätzen versehen. Auch westlich der Theresienwiese steht so eine Anlage. Mehrere, bis zu 6 Stockwerke hohe Mehrfamilienhäuser stehen hier, in mediterranen Farben gestrichen und mit zahlreichen sonnigen Balkons. Wenn man durch diese neuen Viertel schlendert, fällt einem vor allem nachts etwas auf. Obwohl oft Gewerbeflächen im Erdgeschoß eingeplant wurden, findet man selten eine Bar oder ein Lokal. Stattdessen gibt es hier Kitas, Bäckereien oder Schreibwarenläden, denn Bars machen Lärm und Lärm können wir in München nicht gebrauchen. Als Student sieht man das wahrscheinlich etwas anders. Schwabing oder das Glockenbachviertel sind die Traumziele. Szene und Action, hippe Viertel, wie man sich es wünscht. Junge Leute wollen feiern und ausgehen, Kultur und Nachtleben genießen.

Man sieht also: neue Viertel und Wohngebiete sind auf die Interessen der jungen Eltern ausgerichtet und nicht auf Studenten. Prinzipiell brauchen natürlich gerade auch Familien Wohnraum. Jedoch: Der Lebensraum für Jugend und Kultur wird gnadenlos vernichtet, während München immer familienfreundlicher wird. Im Münchener Umland ist es noch schlimmer: Gemeinden wie Trudering locken mit neuen attraktiven Wohnanlage Familien mit Kindern.

Die Gegenden, die heute noch von vielen jungen Menschen bevölkert sind, werden es vielleicht schnell nicht mehr sein. Hier liegt das zweite Problem.

In Berlin hat es bereits lautstarke Proteste gegeben. Es tobt der Kampf gegen die bösen Immobilienhaie: Sie sind schuld daran, dass die Identität des geliebten Viertels verraten und verkauft wird. Auch in München regt sich der Unmut gegen Investoren, die alte, günstige Wohnungen abreißen und durch neue Stahl- und Glaspaläste mit Tiefgaragen für BMWs und Porsches ersetzen. Bei den explodierenden Immobilienpreisen wird klar, wieso das so ist. Innerhalb von 2 Jahren stiegen die Kaufpreise in München pro Quadratmeter enorm an, um 2000€ auf aktuell etwa 5000€. Bei solch hohen Investitionen will man gefälligst auch saftige Mieten einstreichen, um zügig die Gewinnzone zu erreichen. Es wird also immer enger für die Studenten. Es bleibt nur der Protest gegen Neubauten und Investoren.

Die dritte Möglichkeit ist so alt wie effektiv. Gebäude effizienter bewohnen. Leerstand verhindern. Vor einigen Wochen sorgten mehrere Münchener Promis für Schlagzeilen, als sie ein leerstehendes Haus in der Pilotystraße besetzten. Häuser besetzen, das erinnert an Punknostalgie, Häuserkampf und Berlin. Dass Häuser in München tatsächlich ohne erkennbare Gründe leer stehen, konnte ich anfangs gar nicht glauben. In dieser Stadt, in der Wohneigentum im Allgemeinen die Eintrittskarte in ein sorgenfreies Leben ist, gammeln Häuser vor sich hin? Unvorstellbar!

Ich wollte mehr über das Thema und vor allem den beeindruckenden Aktivismus dahinter erfahren. Darum traf ich mich mit Lisa. Sie gründete im Oktober die Facebook-Seite ‚Leerstandsmelder München‘ und beteiligte sich auch an den oben beschriebenen Protesten. Sie erzählte mir, dass die Stadt als Antwort auf die Proteste ihre Wohnungen überprüfte und 61 unbewohnte, intakte Wohnungen fand. Diese sollen nun an bedürftige Familien vermietet werden. Ein großer Erfolg! Doch auch viele Wohnungen in Privatbesitz stehen einfach leer. Manche Hausbesitzer sind schlichtweg überfordert mit der Verwaltung ihrer Immobilien. Rechtlich ist es allerdings nicht so einfach leerstehende Wohnungen öffentlich auf Facebook anzuprangern . Daher arbeitet sie gerade mit dem Mieterbund an einer effektiven Lösung. Zukünftig soll man per App einen Leerstand melden können. Dieser wird dann überprüft, an die Behörden oder privaten Besitzer weitergereicht und so Druck ausgeübt. Obwohl Leerstand in München kein so weiterverbreitetes Phänomen ist, wie beispielsweise in Frankfurt oder Berlin, kämpft Lisa dafür auch die letzte freie Wohnung für Wohnungssuchende verfügbar zu machen.

Ist es in einer Stadt, wie München, die Bildung einer ernst zu nehmender Subkultur überhaupt möglich? Berlins Clubs leben von ihrer Weitläufigkeit. Ob Berghain, Tresor oder Sisyphos, alle sind riesige Phantasiewelten in riesigen alten Fabrikhallen mit Außenbereichen die teilweise rund um die Uhr beschallt werden können, da es kaum Anwohner gibt. Die Kreativität kann sich dort frei entfalten. In München quetscht man sich in schallisolierte Kellerclubs, ist schon glücklich wenn man sein Bier beim Rauchen vor der Tür trinken kann. Detailreicher Deko? Fehlanzeige! Open Airs in Grünanlagen? Kannst du dir hier in die Haare schmieren. Der nächste garstige Opa ist nur um die nächste Ecke.

Wäre es da nicht im Interesse aller besser die Stadt einfach in der Fläche zu vergrößern und ich meine wirklich vergrößern? Müssen wir nicht raus aus dem Denken, dass alles außerhalb des mittleren Rings schon Vorstadt ist, in der Kultur und Jugend nicht stattfinden darf? Braucht es nicht mehr Glockenbach und Westend statt ständig nur mehr Bogenhausen und Trudering?

Habt Mut eine Großstadt zu sein!

Wenn ihr Lisa unterstützen wollt und mehr über dieses Thema erfahren wollt, liket ihre Seite ‚Leerstandsmelder München‘.
Sie postet dort zahlreiche Interessante Artikel und informiert regelmäßig über ihre Fortschritte.

 

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